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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

Seite: 108
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ZUR ERHALTUNO DES HANDWERKS

früher nie; der Stoff war nicht gedacht ohne den Dekor,
während heute der Stoff etwas fertiges ist, von dem man
nicht weiß, welche Art von Schmuck später hinzukommen
wird. Diese Überlegung führt zu der Forderung, daß der
Webstuhl wieder in seine früheren Rechte eingesetzt wird.
Nicht der alte, schwerfällige Webstuhl, sondern der moderne,
elektrisch betriebene, der bei der Billigkeit der Elektrizität
auch in der Arbeitsstube der töchterreichen Familie sehr
wohl denkbar ist. Mindestens aber müssen die gewerblichen
Unterrichtsanstalten, die neu gegründeten Frauenarbeits-
schulen und die Kunstgewerbeschulen im Besitze von Web-
stühlen sein. Und es ist sehr wichtig, daß die Arbeiten
der Schulen immer wieder öffentlich gezeigt und daß von
da aus eine Brücke ins praktische Leben gebaut wird.
Was hier individuell gearbeitet und geleistet wird, soll die
Massenproduktion beeinflussen, nicht umgekehrt — wie es
heute noch so vielfach geschieht! n

d Eine Ausstellung, die im vergangenen Jahre im Kfutf-

mannshause in Kassel stattfand, machte den Versuch, vor-
bildliche Handarbeiten in verschiedenen Techniken darzu-
bieten. Lehrer und Schüler der Kasseler und auswärtiger
Kunstschulen, sowie anerkannte Kunstgewerblerinnen waren
daran beteiligt. Alle Einsendungen hatten eine strenge Jury
passiert. Die Leitung der Ausstellung hatte Herr Robert
Ore'ans, Lehrer an der Kasseler Königlichen Kunstgewerbe-
schule, übernommen, die Stadtverwaltung hatte das Unter-
nehmen durch einen Zuschuß zu den Kosten gefördert.
Mögen nun unsere Frauen und Töchter, die Lehrerinnen
mit ihren Schülerinnen das Ihrige tun, damit der erzieherische
Zweck der Veranstaltung erfüllt werde. Zu den Anregungen,
welche die Ausstellung bot, tritt beweiskräftig die Lehre,
daß die Frau sich durch ernste schöpferische Arbeit eine
einflußreiche Position im Kulturleben sichern kann, die
ihrem Wesen sehr viel mehr entspricht, als das krampfhafte
Streben nach einer Machtstellung auf, manchen anderen,
ihr fern liegenden Gebieten.

ZUR ERHALTUNG DES HANDWERKS

Von Prof. Karl Widmer

UNTER den Vorteilen, die dem Handwerk seinen
Kampf mit der Maschine erleichtern, werden
die Gefühlswerte der persönlichen Arbeits-
weise immer eine besonders wichtige Rolle spielen.
Ein großer Teil der heutigen Handwerksarbeit hängt
in seiner Existenz ausschließlich davon ab, wie weit
diese Vorzüge beim Publikum noch geschätzt und
der Billigkeit der Maschinenarbeit vorgezogen werden.
□ Das gilt in erster Linie natürlich von allen Arbeiten,
bei denen die künstlerischen Eigenschaften der Aus-
führung durch die lebendige Hand entscheidend ins
Gewicht fallen. Außer den künstlerischen Qualitäts-
werten, die durch den ausführenden Handwerker in
die Arbeit gelegt werden, kommt aber noch ein
zweiter Gesichtspunkt in Betracht, der die Vorzüge
der Handwerksarbeit in besonders hohem Maße steigern
kann. Es ist die geistige Mitarbeit des Bestellers, die
um so wichtiger ist, je persönlicher das Verhältnis
des Besitzers zum Gegenstand ist und die ihrerseits
wieder auf die Wertschätzung der Arbeit selbst zurück-
wirkt. Denn sie erhöht die Freude am Besitz, die,
wie die Freude an der Tätigkeit, von jeher eine der
stärksten Triebkräfte der Kultur gewesen ist. Zumal
den Aufwand einer künstlerischen Durchbildung und
Ausschmückung hängen wir um so lieber an einen
Gegenstand, je wertvoller er uns nicht nur im ma-
teriellen, sondern auch im geistigen Sinne ist. a
° Jedenfalls ist es für die Erhaltung des Hand-
werks eine der wichtigsten Lebensfragen, daß das
Verständnis für diese Persönlichkeitswerte, von Arbeit
und Eigentum in unserer modernen Kulturwelt
lebendig bleibt. Freilich sind die materiellen Fort-
schritte unserer heutigen Entwicklung eher darauf
angelegt, das Gefühl dafür beim modernen Menschen
abzustumpfen. Das ist ein Faktor, der für die Be-
drohung des Handwerks ebenso schwer ins Gewicht

fällt wie der unmittelbare Einfluß der Maschine. Es
sind die mittelbaren Folgen ihrer Wirkung auf die
Gesinnung der Käufer. Nicht nur die technische
und wirtschaftliche Organisation der Arbeit selbst:
alle sozialen Bedingungen und ethischen Einflüsse
des heutigen Erwerbslebens tragen dazu bei, das Ver-
hältnis des modernen Menschen zu seinen äußeren
Lebensgütern zu verflüchtigen und zu veräußerlichen.
Das gilt vom Haus, in dem er wohnt, bis zum
Strumpf und Schuh, den er anzieht. Rasche Pro-
duktion, rascher Umsatz und rascher Verbrauch,
flüchtiger Besitz und häufiger Wechsel, Fabriken,
Warenhäuser und Mietskasernen, das ist die Signatur
unserer Zeit. Wenn etwas den Vorzug der »guten
alten Zeit« ausmacht, so liegt es darin, daß jeder Be-
sitz und jeder Genuß damals langsamer, vielleicht
auch mühsamer zu erwerben war, damit aber auch
um so mehr an innerem Wert gewann. Das ganze
Verhältnis des Menschen zur Welt war persönlicher.
a Zwar haben sich die kulturfeindlichen Wirkungen
dieser Entwicklung in mancher Hinsicht wieder ge-
mildert. Vor allem hat die Maschine selbst, die
treibende Kraft dieser Umwertung aller Werte, ange-
fangen, sich auch den künstlerischen Anforderungen
des guten Geschmacks anzupassen, ja sogar eine neue,
ihrem eigenen Wesen angemessene Formensprache
zu entwickeln. Vom allgemeinen Kulturstandpunkt
ist das gewiß ein großer Fortschritt. Aber die Lage
des Handwerks ist dadurch nicht besser geworden.
Im Gegenteil: die Konkurrenz der Maschine ist nur
um so gefährlicher geworden. Was dem Handwerk
helfen kann, kommt von anderer Seite her. Es liegt
in der Psychologie des Menschen selbst. Eine Ent-
wicklung, die dermaßen gewalttätig auf die Grund-
lagen alter Kulturüberlieferung eindringt, wie die
technische und soziale Umwälzung der modernen
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