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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

Seite: 110
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IMPRESSIONISMUS UND RAUMKUNST







Ehren hält als jeden Gegenstand, den man im
Laden kaufen kann. Die Gelegenheit sie zu betätigen
gibt fast jeder Aufwand für unsere feineren Bedürf-
nisse und Liebhabereien: ob es die Vorliebe für hand-
gearbeitete Stickereien, für »persönlichen Schmuck«,
für gediegenen Hausrat oder für selbstgewählte Bücher-
einbände ist. Entscheidend ist lediglich, auf welchem
Gebiete der Einzelne seine persönlichen Interessen
hat und wieweit sein Verständnis für derartige feinere
Kulturwerte geht. o

o Auf die geistige Höhe dieser Bedürfnisse kommt
es dabei weniger an, als auf den Genuß, der mit dem
Besitz verbunden ist: es kann ein Spielzeug und es
kann ein Werkzeug unserer ernstesten geistigen Arbeit
sein. Wichtiger ist schon die Geldfrage, die dabei
eine Rolle spielt. Denn ein Luxus bleibt es immer,
wenn er sich auch in noch so bescheidenen Grenzen
betätigt. Vor allem wesentlich ist es aber, ob die
Sache dem guten Ton zuliebe mitgemacht wird oder
ob sie aus innerem Antrieb kommt. Denn nur im
letzteren Falle kann natürlich von einer »geistigen
Mitarbeit« des Käufers die Rede sein. Besonderen
Reiz kann diese Mitarbeit erhalten, wenn sie zugleich

zur Erziehung des Handwerkers wird. Das Beispiel
vom Bucheinband zeigt u. a. wie der Einzelne, der
einen persönlichen Geschmack in die Wagschale zu
werfen hat, auch auf das Interesse und das Verständ-
nis des Handwerkers einwirken kann. Das heutige
Buchbinderhandwerk hat manche Anregung von Laien
empfangen, welche die charakterlosen Universaleinbände
satt bekommen hatten. Je mehr aber die Zahl der
intelligenten und fähigen Handwerker wieder zunimmt,
desto leichter wird sich auch der Brauch, beim Hand-
werker arbeiten zu lassen, im Publikum wieder ein-
bürgern. So müssen sich beide in die Hände arbeiten,
um dem Handwerk immer wieder sein Feld zu er-
weitern. D
o Bei alledem wird diese Form der modernen Hand-
werkspflege im wesentlichen den Charakter des Aus-
nahmsweisen behalten. Die breite Masse unserer
Durchschnittsbedürfnisse wird immer mehr der Ma-
schine zufallen. Das liegt nun einmal im Zug unserer
wirtschaftlichen Entwicklung. Die künstlerische Kultur-
aufgabe, die sich daraus ergibt, muß von anderer
Seite her gelöst werden. Hier muß eben die ständige
Verbesserung der Maschinenarbeit selbst das ihrige tun.

IMPRESSIONISMUS UND RAUMKUNST

Von Ernst Schur f

DIE große Aufgabe, die der modernen, monumentalen
Malerei der Gegenwart gestellt ist, besteht darin:
sich mit der anderen bedeutsamen Bewegung
unserer Zeit zu verschwistern, der Raumkunst,
so daß beide gemeinsam zusammenwirken. a

c Wer die Kunstausstellungen der letzten Jahre mit Auf-
merksamkeit verfolgt hat, der hat überall das Hinstreben
der Künstler zu einem neuen, dekorativen Stil wahrnehmen
können, die Versuche, über die Skizze herauszukommen,
ohne deren temperamentvolle Farbigkeit, ohne deren
vibrierende Lichtreize aufzugeben, kurz, den Natureindruck
unmittelbar zu einer dekorativen Wirkung zu steigern, ohne
den Weg über die Reflexion zu nehmen und in die
Illustration zu verfallen. °

a Daß diese Möglichkeiten hier verborgen liegen, offen-
baren die Werke des Schweizers Hodler, um gleich den
größten zu nennen, der den Weg über den Impressionis-
mus hinaus zu einem neuen, farbigen Stil gefunden hat.
Er überwand schon das Allzu-Subjektive des Impressionis-
mus und fand einen neuen, monumentalen, farbigen Stil.
Der Weg ging über den Neo-Impressionismus, der sich
folgerichtig aus dem Impressionismus entwickelte und der
eine weitere Etappe auf dem Weg zur Monumentalmalerei
der Zukunft darstellt, gleichgültig, ob der Stil dieser Malerei
späterhin auf dieser Etappe verharren wird. Im Neo-
Impressionismus begegnen wir noch eher Versuchen,
Experimenten, aber gerade darum ist es interessant, hier
Beobachtungen zu machen. Das überragende Verdienst
Hodlers besteht darin, daß es ihm gelang/in seinem Werk
schon Vorbilder des neuen Stils zu schaffen, denen der
Charakter tastender Versuche nicht mehr anhaftet. Hinter
seinem Werk steht die große Persönlichkeit, die Fertiges

prägt, die aus dem verwirrenden Bild der Gegenwart das
Bleibende herausholt und so ins Allgemeine erhebt, was
in Ansätzen hier und da noch unsicher sich regt. Wenn
wir also seinen Namen nennen, so deuten wir damit schon
gewissermaßen auf die Vollendung hin, die hier möglich
ist, auf das Ziel, das vorschwebt, und wenn wir damit
auch Resultate schon vorwegnehmen, so tun wir das, um
den Weg anzudeuten. o

□ Die Möglichkeit zu dieser Entwicklung lag im Im-
pressionismus. Wenn man das Lichtflimniern auf den
Bildern Monets betrachtet, so wird man empfinden, daß
es nur eines Schrittes bedurfte, um aus der scheinbar
übertriebenen, die letzte Station eines langen Entwicklungs-
weges darstellenden Manier einen neuen Anfang zu schöpfen.
Schienen sich bei Monet die Dinge aufzulösen, so treten
sie jetzt wieder hervor, zeigen ihre Struktur, zeigen ihre
Farbigkeit, ohne die Lichtwerte verloren zu haben. Im
Gegenteil, beides ist aufs Höchste gesteigert und zeigt alle
Werte in entschiedener Betonung. o

o Es ist eigentümlich, daß die Schweiz vornehmlich
Künstler besitzt, die diese nach dem Monumentalen
strebende Farbigkeit pflegen. Die derbe Sinnfälligkeit der
Naturerscheinungen, das klare Licht, in dem alle Dinge
monumental groß stehen, ist ihrer Naitirumgebung eigen.
Es wäre widersinnig, wollten die Schweizer die zuckende
Lebendigkeit eines nervösen Großstadtkünstlers wie Monet
übermäßig pflegen. Der stilbildende Charakter des Neo-
Impressionismus liegt ihnen nahe. o
a Von Amiet, dessen pointillistische Art man kennt, gibt
es ein dekoratives Bild in Weiß und Grün, »Sonnenflecken«,
die auf dem weiß-grünen Kleid einer Frau liegen, die im
Freien, im Grünen, unter Bäumen steht, durch deren
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