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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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DIE PRIVATEN KUNSTGEWERBESCHULEN







(Fortsetzung von S. IN)

a Diese stilbildenden Elemente finden wir besonders aus-
geprägt bei den schweizerischen und bei den nordischen
Künstlern, und auch in Deutschland regen sich, wie wir
gesehen, ähnliche Tendenzen. Und wenn wir die Entwick-
lung der modernen Raumkunst in Betracht ziehen, so können
wir sehen, wie hier zwei Linien, das Künstlerische und das
Kunstgewerbliche, zusammenlaufen. Unsere übliche, deko-
rative Malerei bleibt im Historischen, im Gegenständlichen,
in der Illustration stecken. Sie legt den Hauptakzent auf
den Inhalt. Hier kommen ihr Bundesgenossen von anderer
Seite, und zwar solche von reifer, künstlerischer Qualität.
Die nicht im Inhaltlichen, sondern im Technischen ihr
Wesen geben. n

d Eine Monumentmalerei dieser Art haben wir noch nicht.
Wie festlich müßten solche Räume wirken, wie heiter. Frei
wirkt der Raum auf uns, und die Natur begrüßt uns mit
der Schönheit ihrer atmosphärischen Erscheinung. Dunkel
und trübe sehen unsere alten, im üblichen Sinn dekorativen
Säle dagegen aus. Dieses Weiß, Gelb, Grün, Rot in kleinen
Tupfen oder Strichen oder in breiten Flächen hingesetzt,
mosaikartig und nebeneinander, bewirken, daß die Bild-
erscheinung sich scheinbar fern von uns aufbaut, in voller
Luftschönheit, die alle Dinge umhüllt. Ich habe den Bild-
eindruck, ohne daß das Bild mich okkupiert. Natur ist
Stil geworden. Die illustrierende Manier hat sich zur
dekorativen geklärt. In dieser Einheit treffen sich, — und
das ist das Bedeutsame, — Kunst und Kunstgewerbe, die
bis dahin vielfach getrennt marschierten. Man sah Räume,
die meist ganz auf Bilder verzichteten. Man sah Bilder,
die in moderne Räume nicht paßten. Hier ist Stilerziehung

bemerkbar. Stilerziehung, die Kräfte weckt und lenkt.
Und es eröffnen sich in dieser Hinsicht ganz neue, weite
Perspektiven, die sich aus der Vereinigung dieser beiden
Tendenzen ergeben. Der großen Einheit aller Künste, die
wir in allen Epochen wahrnehmen, sind wir um ein gut
Stück nähergerückt. Und diese Entwicklung geht ganz
aus dem Eignen, ohne Anlehnungen alter Vorbilder vor
sich. Es sind Tendenzen, die, indem sie jedem Sonder-
zweig sein Wesen lassen, ein Fazit ziehen, das dem
Ganzen nützt. o

n Damit sind die beiden letzten Etappen der Malerei und
des Kunstgewerbes, die im Impressionismus und in der
Raumkunst sich darstellen, in ihren Wirkungen zusammen-
geführt. Es ist da ein Querschnitt durch die Entwicklung
gegeben, der gleichzeitig einen Überblick über das letzte
Stadium gibt, zugleich aber schon Ausblicke auf zukünftige
Probleme enthüllt. □

□ Und damit erfolge zugleich ein drittes Resultat: die
logischen Zusammenhänge mit der kunstgeschichtlichen
Entwicklung der Vergangenheit dämmern auf. n

d An diesem letzten Punkt ist wieder Hodler zu nennen,
dessen besondere Stellung in der künstlerischen Entwick-
lung unserer Zeit damit begründet ist. Mögen sich Künstler
finden, die, wie er, kraftvoll die eigene Anlage ins Allge-
meine erweitern und den Anschluß an die bedeutsamen
Tendenzen der Kunst in der Gegenwart suchen. Dazu
gehört vor allem Eines, an dem es noch gebricht: daß der
Kunst wieder solche großen Aufgaben gestellt werden,
und daß, wenn sie gestellt werden, damit die Künstler
bedacht werden, die im Geist und Willen ihrer Zeit schaffen.

DIE PRIVATEN KUNSTGEWERBESCHULEN

Von Hermann Weiss

DIE Frage der bestmöglichsten Heranbildung des
kunstgewerblichen Nachwuchses findet noch immer
die regste Anteilnahme aller interessierten Kreise.
Ist doch davon in großem Umfange die Zukunft
unseres deutschen Kunstgewerbes mit abhängig. □

□ Neuerdings hat man mit besonderem Eifer wieder die
Schulfrage behandelt, zu der in der Tat im Rahmen der
bisherigen Auseinandersetzungen noch recht viel zu sagen
ist. Im nachfolgenden möchte ich aber darüber hinweg die
allgemeine Aufmerksamkeit auf ein neues Problem hin-
lenken. °
o Es ist jetzt an der Zeit, einmal eindringlich auf das sich
rapid entwickelnde private Fachschulwesen hinzuweisen. —
In aller Stille haben sich in Deutschland eine ganze Reihe
von privaten Fach- nud Kunstgewerbeschulen, ja sogar
Institute für brieflichen Unterricht zur Ausbildung kunst-
gewerblicher Zeichner und Maler entwickelt, die allein
schon ihrer Zahl wegen Beachtung verdienen. — Fernab
vom Streite der Meinungen über die beste Art der Organi-
sation und Ausgestaltung unseres staatlichen und kommu-
nalen Fach- und Kunstgewerbeschulwesens, gaben sich
diese privaten Anstalten ihre eigene, innere Organisation
und schufen sich ihre besonderen Lehrmethoden. Die
neuen Schulunternehmer fragen nicht danach, ob das Kunst-
gewerbe ihre Institute braucht und ob sie ihm nützen,
sondern sie trachteten vornehmlich nach einer starken
Frequenz ihrer Unternehmungen. Und das haben sie auch,
zum Teil sogar recht gut, erreicht. Z. B. haben die pri-

vaten Tischlerfachschulen heute bereits die Ausbildung eines
sehr erheblichen Teiles der Werkmeister und der Bau- und
Möbelzeichner an sich gerissen. Das sind Anstalten, die
man ja nicht etwa mit den kunstgewerblichen Dilettanten-
schulen, von Berlin W und anderswo, die das große Heer
der dilettierenden Kunstgewerblerinnen« u. dergl. aus-
bilden, vergleichen darf. Sie sind tatsächlich und aus-
schließlich Lehrinstitute für die Praxis und liefern den
technisch und künstlerisch gebildeten Nachwuchs für die
Handwerks- und Fabriksbetriebe des Holzgewerbes. Das
gibt ihnen ihre besondere Bedeutung. D

□ Es mag hier zunächst ganz unerörtert bleiben, ob das
Fachschulwesen grundsätzlich dem privaten Erwerbe ent-
zogen werden soll. Wenn man von solchen Erörterungen
absieht und lediglich prüft, ob die privaten Schulen einen
besonderen Nutzen stiften und eine gewisse befruchtende
Tätigkeit auszuüben vermögen, dann muß man ihnen zu-
gestehen, daß sie gerade im Hinblick auf die öffentlichen
Lehranstalten einen gewissen Wert für die Allgemeinheit
erlangen könnten. — Besonders wenn sie sich zu einer
gesunden Konkurrenz jener Institute entwickelten, müßte
man ihnen ohne weiteres eine gewisse Daseinsberechtigung
zuerkennen. o

□ Den staatlichen Anstalten droht leicht die Gefahr der
Stagnation und Verknöcherung, leicht auch die des Ver-
falles in theoretische Einseitigkeiten. Die privaten Schulen
sind von Haus aus viel lebhafter und beweglicher. Ihre
ganze innere Organisation ist weniger starr. Sie vermögen
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