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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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Paul Lang und Frau Minna Lang-Kurz, Stuttgart: Beleuchtungskörper aus Messing; Behänge aus Seide; rechts: Einsatz von Klöppelspitze
mit schwarzen Holzperlen festgehalten. Ausführung: Struser & Hörn, Stuttgart, Behänge: Tiefenthal & Halle, Stuttgart

KUNSTGEWERBLICHE ÜBERTREIBUNGEN

Von Georg Brandt, Posen

WO steht der Feind? Noch bis vor kurzem, viel-
leicht bis vor 10 Jahren, konnte man sagen: bei
dem kolossalen Unverständnis in kunstgewerb-
lichen Dingen, in Fragen des Geschmackes über-
haupt, bei der Teilnahmslosigkeit dieser ganzen Frage
gegenüber, bei der kardinalsten Unkenntnis dessen, was
Materialechtheit und echte Werkgestaltung bedeutet. Daß
sich das gründlich geändert hat, braucht hier nicht aus-
führlich gesagt zu werden. Der Kreis, der für diese Frage
überhaupt zu erobern war, ist erobert, wächst jedenfalls
mit jedem Tage. Umgekehrt, erhebt sich heute der Feind
am andern Ende; das ist nicht mehr zweifelhaft. Ein
nicht kleinerer Gegner als die Verständnislosigkeit ist bei
uns bereits der Snobismus geworden, ein größerer Feind
als der alte Indifferentismus: die schiefe Gespreiztheit;
so etwa, als wäre der Mensch nur um der Wohnungs-
einrichtung wegen da, in die er »harmonisch hineinzu-
passen« habe. a
□ Wir brauchen uns hier darüber nicht zu unterhalten,
was unsere deutsche kunstgewerbliche Bewegung seit
20 Jahren Hervorragendes geleistet hat. Darüber sind die
Akten geschlossen. Es scheint sich mir jetzt nur eben
darum zu handeln, den Gegner da zu sehen, wo er wirk-

lich steht; und er hat eben seinen Platz gewechselt. Kein
Zweifel, daß die Vielgestaltigkeit des Entwerfens und Ge-
staltens, die vielfach in ein unruhiges Ausschauen nach
immer neuen Formen sich verzerrt, im Grunde zweifellos
ein gut deutsches Charakteristikum ist: nämlich die innere
Freiheit, Selbständigkeit, ja Formlosigkeit. Diese Eigenheit
hat zweifellos dazu beigetragen, daß die Formen und Ge-
staltungen sich überstürzen, daß in diesen 20 Jahren ein
ungeheurer Umkreis von derartigen Bildungen umschritten
worden ist und in das Ganze doch auch eine große Un-
ruhe, Unkontinuierlichkeit hineingekommen ist. Und weiter:
Wir haben nachgerade eingesehen, daß Materialechtheit,
ehrliche Werkgestaltung doch noch lange nicht alles sind;
daß zum vollen Gelingen noch etwas anderes hinzutreten
muß; nämlich jener unbeirrbare Takt, der ein bürgerliches
Bierhaus nicht als Palast gestaltet, der aus dem Entwurf
eines Notenständers keine Frage tiefsten Erlebens macht,
der nicht sich selbst einem vom Künstler entworfenen
Wohnraum anpaßt, sondern umgekehrt den Wohnraum
sich, und was dieser Dinge mehr sind. Gerade an diesem
aber, an diesen Fragen des Takts, die eben keine Material-
echtheit und keine gediegene Arbeit löst, hat es im Laufe
dieser sonst doch so glorreichen deutschen kunstgewerb-
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