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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

Seite: 159
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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

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LITERATUR

(Fortsetzung von Seite 156)

Meister der Zeichnung, herausgegeben von Prof. Dr.
Hans W.Singer. Band 1: Max Klinge/; Band II: Max
Liebennann, Verlag von Baumgärtner in Leipzig, gebunden
in Leinen, Preis je 15 M. o

o Mit Klinger muß sich wohl jeder Gebildete, mag er
sonst an manchem großen Künstler mehr oder weniger
achtlos vorübergegangen sein, auseinandersetzen. Es ist
nicht zu leugnen, daß seine große Anziehungskraft zunächst
im Stofflichen liegt. Nicht, daß er durch mystische oder
gar rätselhafte Motive anlockte, im Gegenteil ist es das
Selbstverständliche, von jedermann bereits Durchdachte
oder Denkbare, das er sich oft zum Gegenstand seiner
graphischen Blätter wählt. Die Art, wie er das Gemein-
gut vertieft und zum persönlichsten Ausdruck erhebt, ist
es vielmehr, die jedermann zwingt, mit ihm in Gedanken-
austausch zu treten. Der Künstler selbst formulierte das
in seiner ausgezeichneten Schrift Malerei und Zeichnung»
(Leipzig, Georg Thieme) so: »Der wahre Künstler, für den
es keine Richtung als seine Natur gibt, wird da, wo er in
seinem Ausdrucke — dem Keim, der Seele, der Idee im
Bilde — großen Raum gewährt, sich Stoffe suchen, mit
denen er und wir von früh auf vertraut sind. Er nötigt
auf diese Weise uns nicht, erst in eine neue Welt uns
einzuleben, um zum wirklichen Genüsse seines Werkes zu
kommen. Die Intensität, mit der er das bisher im Stoff
kaum Geahnte zum Ausdruck bringt, macht seine Kunst
aus, nicht seine Gedanken. Diese Intensität besteht in
der Stärke und Sicherheit, mit welcher Form und Farbe
jeden Gegenstand und jede Bewegung im Bilde zu um-
schließen und zu gestalten wissen. Der Beschauer erhält
durch sie das beruhigende Gefühl der Gesetzmäßigkeit,
welches uns vor den Werken aller wirklichen Meister über-
kommt. Sie allein macht es, daß ein Kopf ein Kopf, eine
Hand eine Hand sei, und daß sie greife, so daß der ihr
geleistete Widerstand erkennbar ist. Diese Beherrschung
der Form beruht keineswegs auf der Technik, sondern
umgekehrt entspringt diese aus jener. Viel Technik ohne
Formgefühl ist ja eine alltägliche Erscheinung.« Da hat
man den ganzen Graphiker Klir.ger, auf den diese Schilde-
rung selbst am besten paßt. Es bleibt nur noch zu sagen,
daß alle die 52, in vorzüglichen Lichtdrucken wieder-
gegebenen Tafeln mit Geschick so gewählt sind, daß sie
den großen Formkünstler und seine brillante Technik uns
von möglichst vielen Seiten zeigen und uns dies Kunst-
erlebnis in aller Tiefe erfassen lassen. □
d Max Liebermann repräsentiert im Gegensatz zu Klinger
eine andere Art der Zeichenkunst, die malerische, wie er
auch im Ausdruck dem Idealisten als Realist gegenüber-
steht. Ihn reizt weniger die Form als der Raum, der sie
umschließt. Seine ganze Größe liegt im architektonischen
Aufbau des Raumes, wobei er sich vorzugsweise der Mittel
des Lichtes bedient. Alle Figuren und Gegenstände stehen
in einer sicheren Atmosphäre und es ist phänomenal,
direkt an Rembrandt gemahnend, wie er mit den Mitteln
des Schwarz-Weiß das Licht und wieder das Licht fluten
und brausen lassen kann. „
□ So sind die beiden ersten Bände dieser verdienstvollen
Sammlung zwei Künstlern gewidmet, die als entgegen-
gesetzte Pole das große Gebiet der graphischen Dar-
stellung vor uns aufrollen und uns die hohe Wichtigkeit,
die sie für sie selbst wie für uns besitzt, erkennen und
mitgenießen lassen. Hellwag.

Walter Curt Behrendt, Die einheitliche Blockfront als
Raumelement im Stadtbau. Ein Beitrag zur Stadtbaukunst
der Gegenwart. Mit 18 Abbildungen. Berlin 1912, Bruno
Cassirer, Verlag. Broschiert Preis 3 M., geb. 3.50 M.
o Die Raumkunst der Straße, oder > die architektonische
Gestaltung jener Teile, die die sichtbaren Umfassungs-
wände der auf der geometrischen Zeichnung des Plan-
entwurfes nur im Grundriß dargestellten Hohlräume der
Straßen und Plätze bilden«, wie Behrendt sich ausdrückt,
scheint uns als eine selbstverständliche Sache. Aber gerade
Selbstverständlichkeiten entschwinden meist in nebelhaften
Fernen und werden Unerreichbarkeiten, wenn sie von
Bureaukraten, in diesem Falle von altmodischen Stadtbau-
ämtern zu behandeln sind. Es ist ja auch so schön: man
hat den Grundriß des Stadtteils vor sich, ein Grundstück
darin soll bebaut werden, man prüft das Gesuch statisch,
läßt alle Schikanen geistlos-mechanischer Bauwichkontrolle
spielen, und damit haben die mit Paragraphen bewehrten
Funktionäre der >Stadtbaukunst ihr Werk getan und eine
neue Perle auf die Front der Straße gereiht, so wie sie
das erledigte Baugesuch mit hundert anderen Papier-
formaten auf den Wandhaken spießten. In solche Köpfe
einen Begriff davon zu bringen, daß die Straßenfronten
nicht nur den Häusern einzeln, sondern der ganzen Straße,
deren Hohlraum sie als Wände umschließen, gehören,
wird schwer sein; viel schwerer aber noch, ein ästhetisches
Einwirkungsrecht der sozialen Gemeinschaft, als der Be-
sitzerin der Straße, auf diese Straßenwände zu postulieren.
Es fehlte bisher in unserem liberal zersplitterten Zeitalter der
soziale Einheitswille, doch beginnt er allmählich zu werden;
der ästhetische Einheitswille war schon eher zu finden.
Behrendt beweist das aus zahlreichen Überlieferungen der
Vergangenheit und aus Versuchen der Gegenwart. Er
hat, was ja aus deren Titel bereits hervorgeht, seine Schrift
darauf gerichtet, zu zeigen, daß die Zusammenfassung
mehrerer Hauser, die einheitlich architektonische Durch-
bildung der so entstandenen Blockfronten sowohl in der
Vergangenheit der Stadtbaukunst als bewußt angewandtes
Prinzip der Raumgestaltung gedient habe, und nun auch
der Gegenwart als das rettende Mittel, aus der wüsten
Menge kleiner unscheinbarer Einzelheiten heraus und zu
einer geordneten, ästhetisch erträglichen Gesamtanlage zu
kommen, sehr dringend empfohlen werden müsse. An
zahlreichen und illustrativ stets gut belegten Beispielen der
Vergangenheit läßt er den Leser erkennen, welchen durch-
greifenden Einfluß die kulturellen Machtzentren, Bürgertum
oder Fürstentum, in jener Hinsicht ausgeübt haben, wenn
eines oder das andere unumschränkt seinen Willen zur
Geltung bringen konnte. Seitdem sie im vorigen Jahr-
hundert sich gegenseitig kaltgestellt haben, herrschten der
skrupellose Bauunternehmer und der Nujradenichbauprotz
auch im Straßenbilde. Das Resultat ist bekannt. Beiden
kommt aber nun der inzwischen im Kampfe mit dem
Kapitalismus zur Selbstdisziplin erzogene Gesamtwille der
sozialen Gemeinschaft energisch auf den Kopf. Behrendt
erkennt ganz richtig, daß der einzig mögliche Vollstrecker
dieses Gesatntwillens die Stadtverwaltung sein kann. Aber
sie muß sich entschließen, an die Leitung ihres Bauamtes
einen lebendigen, sozialdenkenden Künstler zu stellen und
als dessen Funktionäre keine mechanisch arbeitende Stumpf-
bolde zuzulassen. Behrendt hat seinen Grundsatz, im
praktischen Teil nirgends den Boden der Wirklichkeit zu
verlassen, auch in beziig auf die Gegenwart durchgeführt.
Er befürchtet im Vorwort, daß damit das entscheidende
Kapitel, das die offene Frage nach dem Wie enthält, zu
schlecht fortgekommen sei. Da ist er denn doch zu be-
scheiden, denn erstens klingen hunderterlei praktische Fest-
stellungen und kluge Gebräuche aus der historischen Dar-

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