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Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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DIE MODE IM WIRTSCHAFTSLEBEN







o Solche bewußte Abstimmung und exakte Durch-
rechnung aller Wirkungen macht aus den Räumen
Neuschöpfungen. Sie sind heutig, weil sie Zeugnisse
der Lebendigkeit hanseatischer Bürgerkultur im heutigen

sind. Schinkels Wort: Ȇberall ist man da wahrhaft
lebendig, wo man Neues schafft" darf hier umgekehrt
werden zu der Deutung: Überall, wo man wahrhaft
lebendig ist, schafft man Neues. n

ÜBER DIE BEDEUTUNG DER MODE IM WIRTSCHAFTSLEBEN

VON Dr. ALEXANDER ELSTER (JENA)

DIE Mode ist nichts, was von außen her in 'das
Wirtschaftsleben gekommen ist, ihm etwa aufge-
drängt oder aufgepfropft wurde. Aus dem Öko-
nomischen heraus ist sie entstanden. Ein explosives Er-
zeugnis aus dem Drängen der Zeit und aus den dauernden
Verwerfungen des Geschmacks. Sie entstand in der Sphäre
der menschlichen Bekleidung und konnte nur auf erotischem
Boden erwachsen. Je näher etwas der menschlichen äußeren
Erscheinung steht, um so näher steht es dem Einfluß der
Mode, aber einmal herausgegeben aus dem sicheren Winkel
des Herzens, ihrem mütterlichen Boden, gehört sie jenen
tückischen Mächten an, die keines Menschen Kunst ver-
traulich macht. Nun geht sie ihre eigenen Wege, beein-
flußt ihrerseits die Wirtschaftslage, wie sie von deren
Flutungen beeinflußt wird. Und der Einzelne kann nichts
anderes tun, als ihrem Wechsel nachzuhaschen. Mit Ideen
und Erfüllungen, mit Angebot und Nachfrage muß er ihren
Anforderungen gerecht werden, glaubt zu schieben, und
wird doch geschoben, und schafft immer Neues und Neues.
Freilich ist auch das wieder nur relativ zu verstehen, denn
das Neue ist oft nicht gut und das Gute ist oft nicht neu.
Und dennoch, wenn die Lose geschüttelt und geworfen
werden, kommt hie und da doch ein Neues und Gutes
heraus. Wer macht das? Wer entscheidet das? Befinden
sich Gewerbe und Handel dabei wohl und ist die Ästhetik
zufrieden damit? Das sind alles Fragen, die sich auf-
drängen und der Beantwortung harren. n
n Um aber in diesem wechselvollen Spiel einen sicheren
Standpunkt zu gewinnen, muß man vor allen Dingen sich
erst einmal klar machen, was Mode eigentlich ist und wie
weit man diesen Begriff ausdehnen darf. Ob wirklich alles,
was man heute mit dem Worte des Modischen und der
Behauptung, daß es der Mode unterworfen sei, belegt,
wirklich von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet werden
darf. Ob also Strömungen in der Kunstanschauung, in
der Weltanschauung, in der Gestaltung des Kulturlebens
der verschiedensten Art wirklich zu einer Betrachtung über
die Mode gehören. Wenn bestimmte Verkehrsmittel »mode«
werden, wenn Bäder und Erziehungsgrundsätze und so fort
mode werden, so ist das eben nur eine übertragene Be-
zeichnung und würde unseren Begriff der Mode nur ver-
wirren, wenn wir ihn darauf (wissenschaftlich) anwenden
wollten. Zur Mode gehört nur das, was die äußere mensch-
liche Erscheinung betrifft, was also im engeren Sinne zur
Modeindustrie gehört, und wofür es beispielsweise Mode-
zeitungen gibt. Beschränken wir den Begriff nicht auf
dieses eine Gebiet, so geht er ins Uferlose und es läßt
sich nichts Stichhaltiges mehr über die Mode selbst und
ihre Beziehungen zum Wirtschaftsleben sagen. Sie würde
dann einfach identisch werden mit Kulturtendenzen, mit
dem Fortschritt der Menschheit, mit der Wandelung der
Anschauungen überhaupt. „
d So allein können wir der Sache näher kommen und
finden alsdann die interessante und nur von wenigen bis
jetzt klar betonte Wahrheit, daß die Gestaltung der Mode,

wie die Tatsache des Modewechsels, an sich auf erotischer
Grundlage erwachsen sind. Für die Art der Mode ist im
wesentlichen das Frauenideal, wie es in Kunst und Psycho-
logie sich bildet, maßgebend, die Tendenz des Wechsels
aber ist der Ausdruck des Variationsbedürfnisses, das
wiederum ganz vornehmlich eine erotische Grundlage hat.
Sombart hat gezeigt, wie eng verwandt die Modeerscheinun-
gen mit dem Luxus sind, und weiter wie unlöslich die
Luxuserscheinungen mit der (namentlich illegitimen!) Liebe
verknüpft sind. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß dieses
erotische Moment, welches die Mode leitet, nicht veredelt
und verklärt in die Erscheinung treten kann. Überall
wandelt sich ja das gröbere Sinnliche zu den feinsinnig-
sten Idealisierungen, und da das gröbere Sinnliche immer
etwas Primitives ist, so muß es in seiner Wandlung sich
eben zum Idealeren entwickeln. ■>

□ So ist die Mode auch eine uralte Erscheinung. Auf den
Anfangsstufen der menschlichen Kultur steht sie bereits,
nämlich da, wo die Wilden sich mit Schmuck an Lippen
und Ohren behängen. Nur das Tempo des Modewechsels
ist erst dank der neueren Verkehrsmittel so beschleunigt
worden, daß die Erscheinung selbst um so klarer und mäch-
tiger hervortrat. Nun erst sah man so recht deutlich, wie
die Mode zwei soziologische Merkmale besitzt, die ihre
Betrachter sonst immer in die allererste Reihe rückten:
nämlich den Nachahmungstrieb und den Trieb zu sozialer
Differenzierung. Diese massenpsychologischen Tendenzen
sind aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem erotischen
Moment des Liebeskampfes der Geschlechter entstanden,
und erst als sie entstanden waren, haben sie begreiflicher-
weise ihr eigenes Leben geführt und sich zu selbständigen
Faktoren entwickelt. Da folgen sie dann im einzelnen den
Zeitströmungen, folgen den Wandlungen des Geschmacks
und der gesellschaftlichen Anschauung. Eine Zeit nach
dem siebziger Kriege, welche das Schönheitsideal der
Germania auf ihre Fahne schrieb, hat ganz naturgemäß
eine andere äußere Gestalt der Frauenkleidung zur Folge,
als etwa Zeiten französischen Esprits und leichterer ästheti-
sierender Kunstanschauungen. Nur insofern wirken die
Zeitströmungen auf die Gestaltung des Kunststils, auf den
künstlerischen Geschmack und demgemäß auf Kunstgewerbe
und industrielle Erzeugnisse in weitem Maße. Aber diese
Wandlungen sind an viel breitere Wellenbewegungen gebun-
den und unterliegen nicht dem raschen Wechsel, der den
Modeerscheinungen im engeren Sinne das Gepräge gibt,
n Es ist nun klar, daß solche Erscheinungen, die mit so
elementarer Gewalt den Wechsel der Konsumtion beein-
flussen, auch auf die Produktion von hervorragender Wirkung
sein müssen. Handel und Gewerbe rechnen daher in so
hohem Maße mit diesem Wechsel, daß sie aus Selbst-
erhaltung gelernt haben, diesen Wechsel noch mehr zu
beschleunigen und seine Wirkungen im voraus zu kapi-
talisieren. Der Kapitalismus ist es also, der sich des Mode-
wechsels als eines bewegenden Moments mit besonderer
Neigung angenommen hat. Er ist es, der in Luxusdingen
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