Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 18,2.1905

Seite: 519
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Die Umschau nach Komponisten, die selber Virtnosen waren oder sind,
möge besonders kritisch gehalten werden; was manche scheinbar Dankbares
bieten, hat oft nur geringen mnsikalischen Wert. B. Romberg, den
seine Stücke überlebt haben, wird noch heute mit Nntzen studiert. Gute
Neuausgaben bei Peters, Sreitkopf, Litolff, Steingräber. Trotz der ver-
alteten Formen steckt etwas in den Kompositionen des großen Violoncell-
meisters. Eine andere Erscheinung ist Servais. Wie man nicht Geiger
sein kann, ohne Beriot und Paganini zu kennen, so wird der Violonceltist
um Servais nicht herumkommen; die bekanntesten Sachen sinü schon in
billigen Neuausgaben bei Peters und Litolff da. Von Davidoff, Grütz-
macher und Klengel ist vieles empfehlenswert; dagegen sollte Goltermann
der den Geschmack verflacht und verwässert, möglichst gemieden werden.
Geist, Anmut, Wohlklang bietet D. Popper; nur suche man keine Tiefe
bei ihm. Außer der bekannten Gavotte iü I) hat er viel Schönes und
manches Schönere komponiert. Seine Klavierstimmen sind ungewöhnlich fein
behandelt. Absichtlicher Einfachheit befleißen sich H. Becker und F. E. Koch.
W. Fitzenhagen, der zu früh Verstorbene, zeichnet sich aus durch Adel der
Form, Fluß der Gedanken, sinnliche Schönheit. Hervorragend ist seine Suite
Werk 62. Von I. de Swert, D. von Gotzns, Jeral und Nölck seien hier
vorerst nur die Nameu genannt.

Konzerte gehören eigentlich in den Konzertsaal. Doch wird man
besonders Wertvolles auch im Hause genießen: z. B. Haydns drei Konzerte,
Schumanns ^.-moll-Konzert, trotz des unpraktischen Satzes, R. Volkmanns
Werk 33. Auch die Konzerte von Raff, St. Saöns, d'Albert, Dvorschak
können im Haus Heimatrecht erlangen. Die fO großen Konzerte Bernhard
Rombergs bieten manches Schöne; ebenso Konzerte von A. Lindner, Klughardt,
Molique und vielen andern, die wir schon erwähnten.

Nun meine man aber nicht, es bedürfe nur zu Konzerten ausgebildeter
Fingerfertigkeit! Diese darf auch innerhalb der engen vier Wände nicht
vernachlässigt werden; sie ist bis zu einem gewissen Maße Vorbedingung
für einen guten Ton, der nicht allein vom Bogenstrich, sondern auch vom
festen und sicheren Aussatz der Finger abhängt. Fleißiges, gewissenhaftes
Ueben ift unbedingt notwendig; sonst treibt man halbe, im schlimmen Sinne,
dilettantische Kunst! ksermann Lramer

vie „kleme Vresse"

Noch nie seit Bestehen der Welt hat das geschriebene und gedruckte
Wort einen größeren Einsluß gehabt als heute, und noch nie wohl
hat die Tagespresse im Durchschnitt dern inneren Werte und der
äußeren Form nach tiefer gestanden als jetzt zur Zeit ihrer größten
Ausdehnung.

Wer mit aller Jnbrunst an einer tiefergründigen, wurzelechten
ästhetischen Kultur unseres Volkes arbeitet, wer unter diesem noch
in ein Fremdwort gehüllten Begriss das Beste an geistigen Gütern
versteht und mitzuteilen trachtet, darf nicht davor zurückschrecken,
diese Erkenntnis auszusprechen. Damit erwächst dann freilich die
langwierige Pflicht, auch hier nachzngraben, Hilfe nnd Besserung
zu versuchen. Dabei richtet sich der Blick, znerst und vornehmlich
auf die „kleine Presse" in Stadt und Land, als aus die geistigen
Küchen, aus denen die Gebildeten und die Einfältigen nnsres Volkes,

2. Augustheft G03 5^9
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