Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 2.1888-1889

Seite: 52
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quellender Schaffensdrang oder künstlerischer Leichtsinn
können den Rünstler vergessen machen, daß die freiesten
Gebilde sich nicht ganz der Verbesserung durch die
Anschauung entziehen dürfen.

Ich habe an einer Stelle darauf hingewiesen, daß
der wiedergegebene Teil der Natnr ein Ganzes sein
solle, was nur dann möglich ist, wenn der Aünstler
ihn als ein Ganzes auffaßt oder, was dasselbe sagt,
mit seiner j)hantafie durcharbeitet. Gar viele Land-
schaftsmaler wollen von dieser Forderung der Ganz-
heit nichts mehr hören und haben es vergessen, daß
der Nahmen Gesetze giebt. <Lr soll nicht abschneiden,
sondern einschließen. Viele Landschaften der Gegen-
wart sind aber nichts als Ausschnitte aus der Natur.
Unwillkürlich möchte man nachsehen, ob sich das Bild
nicht noch unter dem Rahmen fortsetze; die Wirkungen
des Lichts, die Töne, alles ist mehr oder minder zer-
rissen und man bleibt oft bei aller bsochachtung vor
dem Rönnen des Ntalers gänzlich unbefriedigt. Die
Rünstler behaupten zwar, die Natur sei immer ein-
heitlich. Ia, gewiß i st sie es als Linheit, aber der
Schaffende ist außer Ltande, diese Linheit auf irgend
einem Bilde w iederz ug eb e n. Lr muß sich eine
neue Linheit bilden, und diese stammt aus seinem
eigenen Geiste. Sie schließt das Lrgriffene zusammen.

Und ein äußeres Zeichen derselben ist eben der Nahmen.
— Lassen wir das Gesagte zusammen, so ergiebt sich,
daß der aesthetische Lindruck der Natur und weiter
des Landschaftsbildes sich aus Beziehungen zu dem
Geistigen, zum menschlichen Gemüte ergiebt. Der
anthropomorphische Zug unserer Bildungskraft führt
zur Forderung des Beiwerks, in welchem das stumme
Leben der Natur Sprache erhält. Der Mensch lebt
sich selbst in Allem, alles Leben außer uns ist für die
Runst, welche vom Gemüte stammt und zum Gemüte
sprechen soll, nichts als ein wiederhall des unsndlichen
Lebens in der Menschenbrust. Auf dieses muß auch
die Landschaftsmalerei wirken, und kann deshalb auf
das Geistige, auf die Linbildungskraft nicht verzicht
leisten. Thut es ein Waler, so macht er sich selbst
überflüssig und kann seine Stelle dem nächstbesten
Lichtbildner abtreten.

Unsere heutige Runst ist in manchen Dingen bettel-
arm. wie sehr aber auch ein nüchterner, glatter
Nealismus überwiegt, auf dem Gebiete der Land-
schaftsmalerei hat er die Oberherrschaft nicht zu er-
ringen vermocht. Das Naturgefühl hat sich vertieft
und läßt uns hoffen, daß in nicht allzu ferner Zeit
auch die anderen Gattungen der Walerei vertieftere
Schöpfungen hervorbringen werden.

Gtto von Leixner.

MusLK.

» Otetzsebe-'MAgner. von einem vvn uns
hochgeachteten Manne, „s)eter Gast", der freilich
in dem Streite, um den sich's hier handelt, sehr weit
entfernt von uns sslber steht, erhalten wir die folgende
Zuschrift. Ls ist so oft und so warm für die wagner-
sache in dieser Zeitschrift gesprochen worden, daß es
geradezu eine Fälschung ihres parteilosen Lharakters
wäre, kämen nicht auch die Gegner einmal zu
wort. Linige eigene Bemerkungen werden wir un-
mittelbar anschließen, in dcr bsoffnung, Nietzsches Streit-
schrift damit für unsere Blätter erledigt zu sehen.

„Noch nie find die Deutschen eines ästhetischen
s)roblems wegen so erregt worden, wie durch wagners
problem des »musikalischen Dramas« und der Theater-
musik. Das Lnde dieser qojährigen Lrregung war,
daß der widerstand gegen wagners Neuerung bei-
nahe ganz verschwand und man heute allgemein glaubt,
wagner sei »im Nechte«, seine Gegner »im Unrechte«
gewesen.

Dem Nulturhistoriker bedeutet diese Thatsache
einstweilen nicht viel mehr, als daß, wer in einer
weich, zerfahren, charakterlos gewordenen Nlenschheit
sich ein Leben lang als harte, konzentrirte Zndividualität
zu behaupten weiß, fast ausnahmslos Alle zu sich
und seinen Absichten überredet; mit andern worten:
daß ungefähr jede Nichtung, sie sei anfangs noch so
anstößig, zur Geltung, »zum Durchbruch« zu bringen
ist, wenn dem neuernden Genie die gehörige Aus-
dauer nicht fehle.

Das j)ublikum ist kaum im Ltande, über einem
Nünstler neue Zdeale zu sehen. Ls hält sich an das,
was da ist; neue Nlöglichkeiten müssen ihm innner
erst durch wirkliche werke gezeigt werden. wo aber
wäre ein Nünstler gewesen, der sich mit wagner auch
nur im Lntferntesten hätte messen, der sein Lebens-

Nundscbau.

werk aus einer ganz anderen bhöhe und Nlacht heraus
hätte kreuzen und stören können? — der also vor
Allein schaffend das jDublikum hätte überzeugen
und zu sich hinüberziehen können in eine hellere,
freudigere, gesündere, weit überlegenere Welt? Linen
solchen Rünstler gab es nicht. Alles, was gegen
wagner geschah, waren theoretische j)roteste von
Nlenschen, die seelisch nicht reich genug waren, ihm
zu folgen, — oder proteste ästhetisirender Nbusiker,
oder gar beleidigter wlenschen. Das publikum wurde
durch sie nur immer aufmerksamer, bis es sich von
wagners Nunst gehoben, gerührt, erschüttert, über-
wältigr fühlte und einsah, dergleichen wirkungen nie
vorher von der Bühne aus, — ja vielleicht von
keiner Nunst aus erfahren zu haben.

wagners Sieg über Luropa und Nordamerika
ist unbestreitbar. Selbst Frankreich, das sich, aus
Nücksicht auf die politische Ltraßenjugend, Bühnen-
aufführungen seiner werke noch versagen muß, kennt
und studirt ihn mit einem Lifer, einer Liebe, von
welcher Nenntnis zu nehmen die guten Deutschen jetzt
keine Zeit haben?

Trotz dieses ungeheuren Sieges nimmt die apologe-
tische Literatur über wagner zu, anstatt ab. Fast
keine widersacher mehr: dagegen eine ganze Armee

* Frankreich hat die umfangreichfte Monographie ftber
wagner, die von Adolxhe Iullien; ferner die von Schure,
Latulle Mendös und viele andere. Einer der erften N)ag-
nerianer in Nerv nnd Blut war Baudelaire, der Dichter
der Menrs äu ^lal. Unter jetzigen wagnerianern ragt durch
ihren Enthusiasinns die Schule der „Dostes äecacleuts" hervor
(wie sie sich, mehr als selbstironisirend, nennen). wagnerianer-
Ieitschriften: Die „I^evns'VVLMeileuue" (5tephane Mallarmö
und s)aul Derlaine), „Ksvue iuclepeuäaute" (RedakteurDujardin),
„Oil Llas" usw. Man fehe ferner die Wagner-Schwärmerei
in den auf Musik bezüglichen Stellen der Romane von Bourget,
Zola, Guy de Maupassant u. A.


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