Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

Seite: 530
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gegliedert. Er will unmittelbar auf
praktische und auf enger begrenzte
Ziele los. Zunächst versucht er in
den Grenzgebieten Dresdens der
Allgenreinheit zugängliche Natur--
anlagen zu schaffen und anderseits
die noch vorhandene urwüchsige Na--
tur zu schützen und auszubauen.
Hoffentlich gründen sich bald Bru-
dervereine in den andern Groß--
städten. Wie nötig hier eine orga--
nisierte Arbeit wäre, das zeigt ja
arn schlagendsten die Entwicklung
der Amgebung von Berlin.

Der Verein erstrebt, daß bei
jeder ferneren Stadt-- oder Vor--
ortserweiterung das entscheidende
Wort dem Hygieniker, dem Kultur--
techniker und, als Gestalter, dem
Künstler zufalle. Sie haben dasür
zu sorgen, daß einmal die natür-
liche Schönheit und der ländliche
Eharakter der Bauten soviel wie
möglich erhalten bleibe, und daß
man, wo sie zerstört sind, wieder
gutmache, was sich gutmachen läßt.
Das geht nur, wenn die Be--
bauungspläne schon zu einer Zeit
festgelegt werden, in der Grund
und Boden noch so billig sind, daß
große Flächen von der Bebauung
ganz ausgeschlossen und die ein--
zelnen Grundstücke groß genug ge--
macht werden können, um dem
Ganzen eine natürliche garten--
mäßige Gestaltung zu geben. O Sch
sV-! Aom Bettelsack

Im „Lüneburger Lageblatt" fin--
den wir die folgenden Zeilen ge--

legentlich der Sammlung um einen
„schlichten Grabstein" für Iohanna
Stegen. Selbstverständlich hat die
junge Heldin von Lüneburg das
beste Recht auf ihren Stein. Aber:
„Muß darum wieder der Bettelsack
über ganz Deutschland geschwungen
werden? Müssen deshalb seit
Monaten Aufrufe um Beihilfe in
allen möglichen Zeitungen erschei-
nen? Es heißt in den Aufrufen
besonders, daß man einen einfachen
schlichten Stein setzen will. And
dazu bedarf es solchen Aufwandes?
Wenn die hohen Herren, die den
Aufruf in die Welt senden, selbst
einmal etwas tiefer in ihren pa--
triotischen Geldbeutel greifen woll--
ten, der schlichte Grabstein wäre
im Handumdrehen beschafft. Da
führt man bei den neuerlichen Auf--
rufen ins Feld, daß sogar ein Kind
aus seiner Sparbüchse l,50 Mark
beigesteuert und ein armes Dienst--
mädchen freudig eine Mark ge--
spendet! Das soll schön sein?
Traurig ist es. Wenn wir doch
in Deutschland endlich einmal an--
fangen wollten, uns ob solcher
Dinge zu schämen, und aufhören
wollten, bei all und jeder noch so
kleinen Gelegenheit die Kinderspar--
büchsen und die patriotischen Dienst--
boten anzubetteln." Hat der Schrei--
ber unrecht? Zehnmal recht hat er.
And es ist' nicht nur ein Kapitel
von der Knauserigkeit, es ist auch
eines von der Würde- zu dem er
seinen Beitrag stellt.

Llnsre Bilder und NoLen

Karl Buchholz, der f887 als ein Fünfzigjähriger zu Weimar
starb, hat zu seinen Lebzeiten auf allerlei Ausstellungen manche An-
erkennung gefunden, aber nach seinem Tode ward es bald still von
ihm: neue Probleme beschäftigten die Maler und die Kritiker, so daß
sie für Buchholzens damals altmodisch erscheinende Art nicht mehr viele
Gedanken übrig hatten. Erst die Berliner Landschafter-- und dann die
Iahrhundert--Ausstellung lenkte auf den Halbvergessenen wieder die Auf--

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Kunstwart XX,
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