Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

Seite: 656
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des Menschlichen begreifen. Aber die Gesellschaft, die mit Tränen
im Auge ihr Abendbrot verzehrt, käme uns hier so lächerlich afsektiert
vor, daß sie nach dem Grissel Wilhelm Buschs schrie. So zeigt
uns die Vorstellung vom Gegenteile die Sache in hellerem Licht.

Wir wollen's gewiß alle recht ernst nehmen mit der Kunst, aber

gerade darum, denke ich, wollen wir uns doppelt vor allem nicht

wirklich und echt Natürlichen, vor allem Äberspannten hüten.

Prag RichardBatka


Sprechsaal

(Unter sachlicher Verantwortung der Einsender)

Die ArnLsbläLter

Ich bitte um die Freiheit, Ansichten niederlegen zu dürfen, die,
obgleich zum Teil vielleicht von niemandem gebilligt, doch das Ergebnis
jahrzehntelanger geistiger Arbeit und mir durch jahrelange praktische Be-
schäftigung mit dem Zeitungswesen, besonders der „Provinz", nur be-
stätigt worden sind. Es sind ungeheuerliche Ketzereien darunter. Ketzereien,
für die man mich vielleicht nur am politischen Galgen hängen
darf; die ich aber doch hierhersetzen muß, um die sinnenrechtlichen („ästheti-
schen^) Ausführungen, die daraus folgen, verständlicher zu machen. Man
kann Wahrheiten über die Presse nur in der Presse äußern; also muß
die Presse für Wahrheiten über die Presse zugänglich sein. Ich aber
will Gott danken, wenn ich in unsrer ganzen Presse eine Stelle finde,
wo ich diese Wahrheiten überhaupt veröffentlichen darf.

Man hält für eine der herrlichsten und erfolgreichsten Errungen-
schaften des vorigen Iahrhunderts die „Preßsreiheit". Ich greife nicht die
juristische Freiheit der Presse an, zu deren Schutz vor Ausnahmegesetzen
man ein Ausnahmegesetz geschaffen hat, und zu deren Sicherheit man der
Presse als „Delinquentin" in der juristischen Praxis tatsächlich eine — in
Beziehung auf Milde und Nachsicht — Ausnahmestellung vor „physischen"
Delinquenten, heißt beleidigenden, Anwahrheiten, Verleumdungen, Nück-
sichtslosigkeiten, Geschmacklosigkeiten, Gesetz- und Verfassungswidrigkeiten
verbreitenden Einzelpersonen eingerichtet hat. Ich greife auch nicht an,
aber mißbillige und erkläre für verfehlt und unheilvoll die schrankenlose,
durch keine gesellschaftliche Maßregel richtiggestellte „Freiheit des Wett-
bewerbs" im Zeitungswesen. Diese Freiheit des Wettbewerbs ist zu einer
Änfreiheit, das Gute und Richtige zu tun, geworden. Sie hat die Presse,
d. h. die (periodische oder nicht periodische) Veröffentlichung von geistigen
Erzeugnissen der Feder in eine bemitleidenswerte Sklaverei von Industria-
lismus und Parteipolitik gebracht. Sie hat die Presse zu ihrer Auf-
gabe: gleich Schule, Kirche und andern Lehrberufen zu erziehen, zu unter-
richten, aufzuklären und Gesittung zu fördern, untüchtig gemacht. Das
ist so offenbar, daß es mir nicht einfällt, ein Wort des Beweises dafür
zu verlieren. Wer es nicht weiß, will's nicht wissen oder schläft.

Äm keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, nenne ich, was
ich zur Gesundstellung der Presse verlange. Nicht Ausnahmegesetz,
Zensur oder Staatsmonopol. Aber eine ausgebildete Staats- oder Ge-

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Kunstwart XX,
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