Kunstwart und Kulturwart — 38,2.1925

Seite: 242
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Herlkräuter weiter, deren Pflege ihm die Kapitularien Karls des Grotzeu
anbefohlen haben. Nun gibt es freilich in aller Welt alte Bräuche. Aber
wenn sie wo anders Sinn und Leben verloren haben, so haben sie hier
nur den Sinn eingebützt. Sie wirken befruchtend in einem Volke weiter,
dessen seelische Nrquellen heute noch so wenig verschüttet sind, daß jeder
Bauernbursch in den Alpen die Fähigkeit besitzt, die anderswo im Volke
längst verloren gegangen ist, jene, mit spielerischer Leichtigkeit aus dem
Stegreif zu reimen. Ia mehr, so spurlos ist die ganze neuere Zeit an
diesem, durch die altösterreichische Politik ganz in sich selber eingespon-
nenen Stamme vorbeigegangen, daß seine künstlerischen Anschauungen
noch in vergangenen Iahrhunderten wandeln. Bestenfalls im Barock, meist
aber noch in srüheren Zeiten. In der Bauernepik Oberösterreichs taucht
die Nibelungenstrophe auf, etwa in einem Liede vom Kriege 1866 gegen
Preußen. Rein gotisch aber ist alles das, was man als edle Dramatik emp-
findet. Äber das Mysterienspiel sind weder die Zuschauer uoch die Dichter —
und deren gibt es noch heute — hinausgewachsen. Was in Oberammergau
Fremdenverkehrsangelegenheit geworden ist, das ist in den österreichischen
Alpen noch lebendiges, durchaus ernst gemeintes Gut. Dieses Theater
spielt im Winter, im Wirtshause, von Bauern und Handwerkern für Bauern
und Handwerker, und oft glauben selbst ganz neu entworfene Texte es
nicht entbehren zu können, jedem Ausspruche jeder Figur die Regiebemer-
kung „sagt" hinzuzusetzen. So altertümlich hat nicht einmal mehr Hans
Sachs seine Stücke geschrieben.

Ein Wesen mit solchen Außerungen hat mit Alt-Osterreich, mit den
Walzern Wiens und mit seiner liebenswürdigen, kultivierten Anmut nicht
das mindeste zu tun. Wer es für so bieder und treuherzig hält, wie es sich
gerne selber gibt, irrt aber ebensosehr wie jener, der die entfesselten Erd-
kräfte unterschätzt. Sie sind gierig darnach, Versäumtes einzuholen. Das
ist der tiefere Sinn jenes Kampfes, von dem die öffentliche Meinung Oster-
reichs widerhallt und von dem hin und wieder auch eine Nachricht ins
Ausland dringt, des Kampfes der Länder gegen Wien. Es ist der Kampf
des bajuwarischen Staates Neu-Osterreich gegen jene Reste der zerstörten
internationalen Monarchie, die noch in der Hauptstadt nisten. Und das
Ende ist wenig zweifelhaft. Es wird sich nur um das Maß dessen handeln,
wie weit das „österreichische Wesen" ausgelöscht werden und Osterreich
nichts anderes sein wird als ein höflicheres Oberbayern.

Alfred Rottauscher

Sprechsaal

(Unter eigener sachlicher Verantwortung der Einsender)

Esperanto-Verantwortung

speranto, die „Welthilfssprache", ist eine Erfindung. So wie Kindcr
E^in der ersten Zeit — wo sie noch nichts „nützen" — der Luft glühen-
der Mutterliebe um ihrer selbst willen bedürfen, werden Erfindungen
nur groß in einem Kreise von Begeisterten, die der Idee um ihrer Schöuheit
und ihrer, dem Nüchternen noch unsichtbaren oder doch ungeglaubten Zu-
kunftvisionen willen das Opfer ihrer besten Lebenskräfte bringen. So
behütet und betreut, wachsen sie in die kritische Zeit ihres Daseins hinein,
wo sich nun entscheiden muß, ob sie in der rauhen Luft der Nützlichkeitswirk-
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