Wanner, Peter [Red.]
Heimatbuch der Stadt Lorch: Lorch: Beiträge zur Geschichte von Stadt und Kloster — Lorch, 1990

Seite: 189
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ist, unterliegt keinem Zweifel. Da ist der mit grauen Steinplatten
belegte chorus psallentium (Vierung), links und rechts das Ge-
stühl, das die Querarme abschrankt, einerseits die Mauritius-,
andererseits die Bartholomäuskapelle. Türen führen dorthin.
Den Chor zeichnet seine charakteristische Stufenfolge. Im
Chorschluß die weiß gedeckte Altarmensa. An ihrer Rückseite
das Altarretabel, ein Schrein mit geöffneten Flügeln. Der obere
Mittelteil - womit ein Gesprenge gemeint sein dürfte - stößt fast
an das Gewölbe. Der Illuminator hat die ganze Fläche des Flü-
gelaltares mit Gold belegt. Nur dem rechten Flügel ist in skiz-
zierendem Umriß die Gestalt einer Heiligen eingezeichnet.

Der Maler schildert die Vesper (am Vorabend) von Fronleich-
nam. Der Abt am Altar zeigt in einer Custodia (?) die Hostie.
Die beiden Diakone knien hinter den niederen Chorschranken.
Am Choreingang wird ein Lektionar vorgehalten. Die Mönche
sind im chorus psallentium versammelt, die Schola um das auf-
geschlagene Chorbuch, das auf einem der beiden Lesepulte
liegt. Ein Mönch kniet angesichts der Hostie, vier andere haben
ihren Platz im Chorgestühl, vor sich rot und schwarz gebunde-
ne Bücher.

Am folgenden Tag, dem Fronleichnamsfest, findet die Prozessi-
on statt, so im unteren Bildstreifen zu sehen. Vor dem nur an-
gedeuteten, vielköpfigen Volk schreitet der Abt in Ponitifikal-
kleidung. Er hält die Monstranz vor, ein begleitender Scholar
das Pedum, den Krummstab. Ihnen voraus ziehen in Zweier-
gruppen die Mönche, 18 an der Zahl. Unmittelbar vor dem Abt
gehen Prior und Cellerar als Diakon und Subdiakon. Dann
zehn Mönche in ihrer Kasel über der weißen Albe. Schließlich
sechs Diakone (deren letzte Mönchsweihe noch bevorsteht),
kenntlich am liturgischen Gewand der Dalmatica. Angeführt
wird der Zug von einer Vierergruppe, die Kreuze und Fahnen
auf langen Stangen hochhält, voran ein Marienbild auf dem
grün-rot gestreiften Fahnentuch.

Der Maler muß den Lorcher Konvent und das Kloster gekannt
haben. Die Zahl der Mönche dürfte stimmen (s. S. 207). Und
schriftliche Quellen bestätigen die verschieden farbigen und
schmuckreichen Meßgewänder,85 auch die mitgeführten Reli-
quiare. Einer der Amts-Diakone hält zwei Büsten, »zwai hult-
zin brustbild Sant Peters vnd Sant Pauls, darinn ist hailtung von
vil zwelfbotten«. Drei Mönche tragen Armreliquiare: »ain über-

gülter arm, darin ist Sant Oswalds arm vnd Hailtung« (...)
»ain gantz silberiner arm darinn ist Sant Bartolemens arm vnd
ander hailtum« und »ain hultzer und ubergulter arm, darin ist
hailtung von Sant Johannis und Pauli fraturm«. Einer der Mön-
che in violetter Dalmatica umfängt mit seinen Armen »ain hült-
zin übergülts prustbild, darinn ist hailtung von Sant Katharinen
vnd anderes«. Dann werden noch fünf Monstranzen oder Reli-
quienbehälter mitgeführt, auch zwei Kreuze, darunter sicher
»das übergülts crütz mit 4 berillen zu procession oder crütz-
gang« (Zitate nach Schön 1898, 3).

Dieser feierliche Gang war eine Demonstration der verehrten,
heiligen, wunderbaren Schätze des Klosters, wie sie sonst weit
und breit nicht geschaut werden konnten. Die Prozession führt
durch die freie Landschaft. Nicht Gold (wie beim Bild des Klo-
sterhofes), sondern das Blau des Himmels liegt über dem Zug.
Nicht in Bewegung, sondern wie aufgestellt erscheint er. Die
Gesichter bieten - nach spätgotischer Art - alle die Dreiviertel-
ansicht. Ziel der Mönche ist eine Basilika mit oktogonem
Chorflankenturm: die Johanniskirche Schwäbisch Gmünd.
Dort wird die Prozession von einem Kleriker erwartet. Ein
Tisch mit zwei Kelchen ist aufgestellt, dabei noch eine Person.
Erwartet hier die Mönche eine Stärkung? Nach dem langen
Fußmarsch mit der Last der Reliquiare wäre dies verständlich.
Möglicherweise wurde schon vor Erreichen der Gmünder
Stadtmauer an der außerhalb gelegenen Kapelle St. Katharina
Station gemacht. Sie könnte mit dem kleinen Sakralbau links ge-
meint sein.

Die Prozession der Benediktiner zur Gmünder Johanniskirche
erinnerte an die weit zurückreichende Verbindung des Klosters
mit dieser Kirche (Kissling 1975, 9 f.). Nicht nur das Bild des
Lorcher Chorbuches überliefen dies. Auch schriftliche Quellen
berichten von Prozessionen, die von Lorch nach Gmünd gezo-
gen sind, und von solchen, die Gmünder Pfarrer nach Lorch ge-
führt haben (Graf 1989,82 f.).

85 Im Roten Buch sind folgende Begriffe für die Kultkleidung verwen-
det: »Meszgewand, messgewand mit alb, alb stol, mantel, chorman-
tel, korhemender mit ermlen, korröck pro scolaribus, levitenröck«
(vgl. Schön 1898, 4 - 6).

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