Meier-Graefe, Julius   [Hrsg.]
Die Weltausstellung in Paris 1900 — Paris, 1900

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EINLEITUNO

NSER Werk ist schon durch
sein Format für die Rock-
tasche des Touristen unge-
eignet, der sich schnell mal
über die Grösse des Riesen-
globus orientieren will, wäh-
rend vor ihm ein Negertanz
aufgeführt wird, neben ihm
der Schah von Persien seinen
Einzug hält und hinter ihm
ein paar Dutzend neuster Dampfmaschinen losge-
lassen werden. Wer in diesem tollen Trubel treibt,
wie ein Stückchen Kork im Weltmeer, wird kaum
daran denken, dass nach einer kurzen Spanne Zeit,
die gerade ein Zehntel von dem Aufwand, den die
Schöpfung dieser Welt gekostet hat, dauern wird,
alles zu Ende sein wird. Was bleibt von alledem?
Wenn das luftige, bewimpelte Meer von Bauten in
den Stilen aller Zeiten verschwunden sein wird, mit
allen seinen schwarzen, weissen, gelben Völkern, was
bleibt von all der Lust, von all der Arbeit, von
diesem ungeheuerlichen Concert intensivster Be-
thätigungen? Diesen ideellen und in letzter Instanz
praktischen Rest möchten wir gern, soweit es mög-
lich ist, festzustellen versuchen. Man sollte meinen,
dieses müsste interessant sein; sowohl für den, der
als ernster Beteiligter hinkam, der dort Hoffnungen
erfüllt und betrogen fand; er wird über seinem
winzigen Geschick noch ein anderes sehen, das
seiner Zunft, seiner Klasse, seines Landes, seiner

Gegenwart; ein tausendfältiges, im tiefsten Sinne
sinnvoll, vor dessen Bedeutung das kleine Eigen-
schicksal zuletzt verschwindet. Auch für den, der
nicht mehr praktisch teilnimmt und zusehen wollte,
und der erstaunt über die Grösse des Schlachtfeldes,
über die Leidenschaftlichkeit, mit der gekämpft wird,
über den Wert der Einsätze. Vielleicht sogar auch
für den Schlachtenbummler, den besten Kunden der
Sleeping Cars, der zur Ausstellung fährt, wie nach
Bayreuth oder nach Monaco, den Allerweltsmann,
dessen Ehrgeiz nicht weiter geht als einmal in sämt-
lichen Ausstellungsrestaurants zu essen und von den
wichtigsten Punkten abgestempelte Ansichtskarten
an sich selbst daheim zu adressieren. Selbst ihm
dämmert vielleicht in lichten Momenten die Ahnung,
dass diese Ausstellung noch etwas anderes ist als
ein Sammelplatz der schönsten Mädchen und anderer
Ess waren.

Und schliesslich, hoffen wir, wird der etwas
bei uns finden, der gezwungen war oder wie immer
warum vorzog, daheim zu bleiben; der sich ein
klares Bild machen möchte, nicht lediglich von dem
Riesenrummel — den kann er sich, ohne gesehen
zu haben, doch nie vorstellen — sondern von der
Sache!

Was wir meinen, was wir suchen wollen, ist
das neue Jahrhundert, das in goldenen Zahlen auf
allen Giebeln der Paläste prangt, das Neue, das
nicht nur neu, sondern besser ist als das Alte, von
dem wir uns Förderung versprechen für die Gegen-
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