Miethke, Jürgen   [Hrsg.]
Geschichte in Heidelberg: 100 Jahre Historisches Seminar, 50 Jahre Institut für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde — Berlin, Heidelberg [u.a.], 1992

Seite: 174
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schichte, an der Strukturgeschichte, an der Deutung geschichtlicher Konflikte, am
Problem von teleologischen, monokausalen oder multikausalen Erklärungen. Die
Anlage und Konzeption der „Geschichtlichen Grundbegriffe" z.B. sei nur möglich
gewesen durch einen theoretischen Vorgriff auf die sogenannte Sattelzeit zwischen
1750 und 1850. Ausgangspunkt der Konzeption sei die Hypothese gewesen, daß
sich in diesem Zeitraum eine „Denaturalisierung der alten Zeiterfahnmg abgespielt
habe". Alte Worte wie Demokratie, Freiheit und Staat hätten einen neuen Zukunfts-
horizont bezeichnet, sie seien Bewegungsbegriffe geworden. „Mit anderen Worten,
erst ein theoretischer Vorgriff, der einen spezifischen Zeitraum freilegt, öffnet
überhaupt die Möglichkeit, bestimmte Lesarten durchzuspielen und unser Lexikon
aus der Ebene einer positivistischen Registratur auf die der Begriffsgeschichte zu
transponieren. Erst die Theorie verwandelt unsere Arbeit in geschichtliche For-
schung."36 Schließlich plädiert Koselleck im dritten Teil energisch dafür, das
Verhältnis von Theorie und Praxis, von Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit,
den Forschungsbetrieb an den Universitäten und die Organisation des Geschichts-
studiums, generell den Weg von den Quellen zurück in die Öffentlichkeit, nicht
einer theorielosen Didaktik oder gar den jeweiligen Machtlagen zu überlassen.

Wenn das stimmt, ist auch die Frage nach dem Nutzen und Nachteil der Histo-
rie für das Leben nur zu beantworten, wenn sich die Historiker dem Zwang zur
Theorie stellen.

* Ebd., S. 15. Vgl. auch Kosellecks Einleitung zum ersten Band der „GeschicbÜichen
Grundbegriffe", a.a.O.
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