Miethke, Jürgen   [Hrsg.]
Geschichte in Heidelberg: 100 Jahre Historisches Seminar, 50 Jahre Institut für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde — Berlin, Heidelberg [u.a.], 1992

Seite: 243
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Gegenwärtige Tendenzen

der deutschen Geschichtswissenschaft

Das Thema, das mir gestellt ist, hat seine eigenen Schwierigkeiten. Zwar handelt es
sich um eine durchaus typische Aufgabe für den Historiker, insofern verlangt wird,
angesichts einer Fülle von Einzelerscheinungen so etwas wie die maßgebenden
Entwicklungen zu bestimmen. Zugleich aber wird in meiner Person eine Selbst-
deutung dieses besonderen Wissenschaftszweigs gefordert, und gegen Selbstdeu-
tungen sind Historiker aus guten Gründen prinzipiell mißtrauisch. Bei dem vorlie-
genden Thema besteht die Gefahr, daß das Urteil über das, was geschieht, mitbe-
stimmt wird durch die Meinung darüber, was geschehen oder vielleicht auch nicht
geschehen sollte.

Vielleicht wird man es mir nachsehen, daß ich von bestimmten Standpunkten
ausgehe. Ein Standpunkt ist die Überzeugung, daß historische Forschung und die
Verbreitung historischer Kenntnisse sinnvoll und notwendig sind. Ein anderer
Standpunkt ist, daß ich glaube, daß es in dieser Wissenschaft einen Fortschritt gibt

Den Fortschritt der deutschen Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren und
Jahrzehnten könnte man im Sinne der Themenstellung auf Tendenzbegriffe brin-
gen.

So sehe ich zunächst eine Tendenz zur Verfeinerung der Methoden und zur Er-
weiterung des Metbodenspektrums. Als Beispiele nenne ich stichwortartig nur zwei
so gegensätzliche Methoden wie die Begriffsgeschichte und die Elektronische Da-
tenverarbeitung.

Weiter gibt es generell eine Tendenz zur Theoretisierung, d.h. die Tendenz zur
theoretischen Reflexion auf die jeweils verwendeten Methoden und Begriffe, aber
auch ein wachsendes Bedürfnis, geschichtswissenschaftliche Erklärungen theore-
tisch, und das heißt häufig: unter Rückgriff auf Ergebnisse systematischer Sozial-
wissenschaften, zu untermauern.

Damit hängt zusammen eine Tendenz zur Präzisierung, zu größerer Genauig-
keit. Man denke an die Debatte über die Julikrise 1914 und den heute erreichten
Standard in der Deutung der Politik Bethmann Hollwegs im Sinne von Riezlers
Theorie des kalkulierten Risikos. Daran zeigt sich zugleich die wachsende Bereit-
schaft der Historiker, selber Modelle und Theorien zu entwickeln und zu erproben.

Zu den Fortschritten zähle ich auch die in den letzten 10-20 Jahren erfolgte
Ausweitung der Sachbereiche, die für die historische Forschung erschlossen wor-
den sind. Dabei werden - nebenbei sei es gesagt - auch die Aktualität und die Er-
neuenragsfähigkeit der Geschichtswissenschaft manifest. Kaum ein Lebensbereich
bleibt heute ausgespart. Die Palette umfaßt gegenwärtig Themen wie die Ge-
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