Picart, Bernard
Neueröffneter Musen-Tempel: welcher das allermerkwürdigste, aus den Fabeln der Alten in 60 auserlesenen und schönen Kupfern von Bernard Picart und andern kunstreichen Männern vorstellet ; mit deutlichen Erklärungen und Anmerkungen
Amsterdam u. Leipzig, 1754
Seite: 36
(PDF, 89 MB)

Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Sammlung

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - nicht kommerziell, Weitergabe unter gleichen Bedingungen
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite Seitenansicht vergrößern   Aktuelle Seite drucken     Schrift verkleinern Schrift vergrößern Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden Linke Spalte breiter/einblenden Anzeige im DFG-Viewer
Persistente URL:
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/picart1754/0065
36

XIV.

DIE VON DEM IN IHRE

MUTTER EURYNOME VERSTELLTEN

APOLLO

VERFÜHRTE

LEUCOTHOE.

Thalamos Dens intrat amatos,

Versus in Emynomes saciem genitrich.

Ovid. Met. 4. vs. 218.

Rchamus1, der liebende Konig in der Perfianischen Landschaffc
Achaemenia nach dem Belus, hatte eine Tochter, Nahmens Leucothoe
, welche weit fchoner war als ihre Mutter, die doch zu ihrer
zeit vor die fchonfte Frau gehalten wurde. Apollo , oder die Sonne
1 verweilete fich mit ihren Strahlen , womit fie die Welt erleuchten
foll, allein ihrenthalber. Sie gieng früher auf, als fonft und verbarg fich auch
spater wiederum in dem fchoofe des Meeres: denn fie hielte fich in Betrachtung
diefer Schönheit auf und machte dadurch die Tage langer, als fie hatten feyn foi-
len. Die Unruhe ihres Geiftes war bisweilen fo gar an ihrem Lichte zu fpuren,
fie wurde ganz bleich , und diefe fchleunige Verfinfterung sezte die Erde in
Furcht. In einer Nacht, in der zeit, da ihre Pferde auf die bey Tage gehabte
Arbeit ausruheten, und fich neue Kräfte zu fchafFen, Gotter-Brod an ftatt des Gräfes
frafen , nahm fie die Geftalt der Eurynome , Mutter der Leucothoe', an und
gieng in das Zimmer ihrer Geliebten. Dafelbft fände fie felbige nebft zwölf von ihren
Sclavinnen fitzen und bey brennenden Lichte fpinnen,und nachdem fie felbige recht
mütterlich gekuffet hatte, fprach fie zu den anwefenden Weibern: „Gehet ein we-
„ nie bey leite, denn ich habe mit der Prinzeifin , meiner Tochter, etwas in ge-
heim zu reden". Sie gehorchten fo gleich, der Gott aber, fo bald er allein bey
der Prinzeisin war , sprach zu ihr: „ Ich bin derjenige , welcher die Veränderungen
des Jahres machet; ich bin der, fo alles flehet, und ich erleuchte auch
" alle Dinge: ich felbft bin das Licht der Welt: ich bin in dich verliebet...
Leucothoeiies auf diefe Worte vor grofen schrecken ihre fpindel und Rocken
fallen. Die Furcht aber machte fie viel fchoner und liebreitzender als zuvor.
Daher die Sonne keine zeit verfeumte, und ihre wahre Geftalt nebft dem gewöhnlichen
Glänze wieder annähme. Die Prinzeflin erftaunte zwar über dieser
ANMERKUNGEN.

i- Orchamus.] Es gedenket dieses Furften sonst niemand
als Ovidius.

den Apollo rächen, dahero machte fie, dass er in die Leucothoe
verliebt wurde , denn sie sahe schon vorher , dass es damit ubel
2. Die Sonne verweilete sich.] Venus wolte fich an ablaufen wurde. Die Urfache ihrer Rachgier aber war , dafs die

Son-


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite Seitenansicht vergrößern   Aktuelle Seite drucken     Schrift verkleinern Schrift vergrößern Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden Linke Spalte breiter/einblenden Anzeige im DFG-Viewer
Persistente URL:
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/picart1754/0065