Kunsthistorische Bilderbogen: für den Gebrauch bei akademischen und öffentlichen Vorlesungen, sowie beim Unterricht in der Geschichte und Geschmackslehre an Gymnasien, Real- und höheren Töchterschulen zusammengestellt: Textbuch zu Seemann's kunsthistorischen Bilderbogen — Leipzig, 1879

Seite: 125
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Franzöfifche Bauten. 125

1223) die nordfranzöfifchen Städte zu großer Blüthe emporfliegen,
in denfelben gleichzeitig eine rege Bauthätigkeit begann, wodurch
nicht nur der Ehrgeiz der Bauherren, fondern auch der Erfindungs-
finn der ausführenden Künftler angefpornt, jeder Fortfehritt gleich
bemerkt und weiter geführt wurde. Die Bauten des zwölften Jahr-
hunderts vertreten in Wahrheit den Uebergangsftil. So fehen wir
in der Kathedrale von Noyon (No. 69, 3, 4) die Kreuzarme noch
abgerundet, die Schiffsp feiler in der Geftalt abwechfelnd. Im Auf-
rufe mifcht lieh noch Altes: (Empore) mit Neuem (Triforium); die
Fenfter find im Rundbogen gefchloffen, fügen fich nicht frei dem
Schildbogen an; die Mühe, die aufeinander folgenden Stockwerke
in Maaßen und Verhältniffen in Einklang zu bringen, wird überall
fichtbar. Der Chor von St. Remy zu Rheims, an das ältere Lang-
haus angebaut (No. 72, 5), ftützt noch durch romanifche Säulen
die Oberwand der Chorrundung und läßt überhaupt, obfehon
die Conflruction (Anlage von Galerie und Triforium, Umgang und
Kapellenkranz, Strebebogen) bereits dem neuen Stile angehört, in
den Detailformen doch die Anhänglichkeit, an die alte Weife durch-
klingen. Auch am Chore der Kirche Notre-Dame zu Chalons
(No. 69, 5) erfcheint die Conflruction, z. B. das Strebefyftem, höher
entwickelt als die decorative Kunft, wie die Nacktheit der Strebe-
pfeiler, die fchmucklofen Spitzbogenfenfter zeigen. Von dem roma-
nifchen Stile fagt fich felbft die Thurmanlage der Kathedrale von
Laon (72, 2), an welcher in den letzten Jahrzehnten des zwölften
Jahrhunderts gebaut wurde, nicht völlig los. Der Uebergang aus
dem Viereck in das Achteck, die allmähliche Verjüngung, die Taber-
nakel in den oberen Stockwerken, wie die Gruppirung der Thürme,
deren Zahl urfprünglich auf lieben beftimmt war, befitzen bereits
den gothifchen Charakter, doch herrfchen noch Horizontallinien in
den Abfchlüffen der Stockwerke vor, und es fehlt die reiche Orna-
mentirung der vollkommen entwickelten gothifchen Bauweife.

Im Weichbilde von Paris entfaltet fich frühzeitig im zwölften
Jahrhunderte eine rege Bauthätigkeit. Bald nach 1121 erneuert
Abt Suger die uralte Grabkirche der Könige in St. Denis, welches
Werk gewöhnlich an die Spitze der gothifchen Bauten Frankreichs
geflellt wird. Die kaum weniger ehrwürdige Kirche St. Germain-
des-Pres in Paris, bekommt 1163 einen neuen Chor, in demfelben
Jahre wird der Grundftein zur Parifer Kathedrale, der Kirche Notre-
Dame auf der Seineinfel gelegt. Der Bau von Notre-Dame zieht
fich weit in das folgende Jahrhundert hinaus, noch während des.
Baues wurde die urfprüngliche Anordnung des Oberbaues geändert.
Die Kirche (No. 70, 2, 4; 71, 4) ift fünffchifflg angelegt, diefe
Anlage auch im Chore durchgeführt. Dicke gedrungene Säulen
tragen die Oberwände und die Gewölbedienfte, über den Seiten-
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