Kunsthistorische Bilderbogen: für den Gebrauch bei akademischen und öffentlichen Vorlesungen, sowie beim Unterricht in der Geschichte und Geschmackslehre an Gymnasien, Real- und höheren Töchterschulen zusammengestellt: Textbuch zu Seemann's kunsthistorischen Bilderbogen — Leipzig, 1879

Seite: 136
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136 Die Baukunft gothifchen Stiles.

Ueberall und immer bringen die Bauten die Erinnerung an die
Wurzeln des Lebens und der Wohlfahrt der Küftenftädte nahe. Wie
der Verftand der Bewohner wenige, aber feft und klar gefchaute
Ziele verfolgt, fo bewegt fich auch ihre Phantafie und ihr Formen-
finn ficher und kräftig in beftimmten Richtungen. Der Stilwechfel
kommt auf dem Gebiete des norddeutfchen Backfteinbaues weniger
in Betracht als anderwärts. Die gothifchen Werke nehmen mannig-
fache romanifche Elemente herüber, Züge des gothifchen Stiles ver-
erben fich auch auf die Schöpfungen des fechzehnten und fieb-
zehnten Jahrhunderts, welche man gemeinhin als Producte der
Renaiffance bezeichnet. Ebenfo vermifchen fich öfter als fonft die
Grenzen kirchlicher und profaner Architektur, die letztere tritt mehr
in den Vordergrund und wetteifert an Tüchtigkeit und Bedeutung
mit den kirchlichen Anlagen.

Ehe die Profanarchitektur des Mittelalters gefchildert wird, lohnt
es fich, den Entwickelungsgang der Gothik durch die Vergleichung
der Pläne, AufrhTe und Anflehten noch deutlicher zu erfaffen. Der
Bogen No. 77 enthält' eine größere Reihe von Grundriffen. Es
wird nicht fchwer fallen, fowohl die Beziehungen einzelner Bauten
.zu einander, fowie auch die Spuren verfchiedener Bauzeiten an ein-
zelnen derfelben zu erkennen. So offenbart die Klofterkirche zu
Dargun in Mecklenburg (No. 77, 7) in dem Chorbau, ebenfo wie
der Schweriner Dom (No. 77, 5) eine gewiffe Abhängigkeit von
der Lübecker Marienkirche. Aus dem Grundriffe von Dargun kann
man ferner herauslefen, daß das Mittelfchiff zu einer Zeit angelegt
wurde, in welcher fich die fchmalen rechteckigen Gewölbefelder noch
nicht eingebürgert hatten. Auch an der Pfarrkirche zu Botzen
(No. 77, i3) ift der Chor (mit Netzgewölben) fpäter errichtet, als
das hallenförmige Langhaus. Am Dome zu Minden (No. 77, 10)
erkennt man gleichfalls aus dem Grundriffe den romanifchen Cha-
rakter des vorfpringenden Thurmes und des Querfchiffes. Die drei
Anflehten aus dem Inneren deutfeher Dome bringen zunächft in
No. 78, 2 das ausgebildete Syftem der Dienfte verbunden mit ein-
fachen Kreuzgewölben vor unfer Auge; die reicheren Netzgewölbe,
den beinahe unmittelbaren Uebergang der Rippen aus den Dienften
zeigt das Bild aus St. Stephan in Wien (No. 78, 3); die in fpät-
gothifcherZeit beliebte Anordnung hoher, fchlanker Rundpfeiler, über
deren Kapitalen die Gewölberippen anfetzen, erblicken wir im Seitcn-
fchiffe des Ulmer Münfters (No. 78,~3). Hält man die Außenanficht
•des Halberftädter Domes (No. 80, 1) mit jener der Barbarakirche
in Kuttenberg (No. 80, 6) zufammen, fo wird die Entwickelung der
Strebenfyfteme nach der decorativen Seite deutlich. Die Mannig-
faltigkeit der Thurmkrönungen tritt uns in der Thurmfpitze aus
Eßlingen (No. 79, 5) verglichen mit der Thurmfpitze aus Prag und
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