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Semper, Gottfried  
Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten oder praktische Ästhetik: ein Handbuch für Techniker, Künstler und Kunstfreunde (Band 1): Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst — Frankfurt a.M., 1860

Seite: 13
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Textile Kunst. 13

Drittes Hauptstück. Textile Kunst.

A. Allgemein Formelles.
§.4.

Wesshalb die textilen Künste voranzuschicken sind.

Es ist schwer zu bestimmen, kommt auch genau genommen
wenig darauf an zu wissen, welcher unter den im vorigen Kapitel
aufgeführten Zweigen der Technik nach dem natürlichen Ent-
wicklungsgange des Menschen zuerst in Ausübung kam. Jeden-
falls kann kein Zweifel darüber obwalten, dass die beiden zuerst
namhaft gemachten, nämlich textile Kunst und Keramik diejeni-
gen sind, bei denen sich neben der Zweckverfolgung zuerst das
Streben des Verschönerns durch Fbrmenwahl und durch Zierrath
kund gab. — Unter diesen beiden Künsten gebührt aber wieder
der textilen Kurist der unbedingte Vorrang, weil sie sich dadurch
gleichsam als Ürkunst zu erkennen gibt, dass alle anderen
Künste, die Keramik nicht ausgenommen, ihre Typen und
Symbole aus der textilen Kunst entlehnten, während sie selbst in
dieser Beziehung ganz selbständig erscheint und ihre Typen aus
sich heraus bildet oder unmittelbar der Natur abborgt.

Es ist nicht zweifelhaft, dass die ersten Prinzipien des Stiles
sich in dieser ursprünglichsten Kunsttechnik befestigten.

'§. 5.

Erste Zwecke dieser Technik.

Der Mensch kam auf die Idee, ein System von Stoffeinheiten,
deren charakteristische Eigenschaften in der Biegsamkeit, Ge-
schmeidigkeit und Zähigkeit bestehen, zusammenzufügen aus fol-
genden Gründen:

erstens um zu reihen und zu binden;

zweitens um zu decken, zu schützen, abzuschliessen.
Alle Formen, die aus diesen Zwecken hervorgehen, sind entweder
der linearischen oder der planimetrischen Grundform sich an-
nähernd. Jene eignen sich mehr dazu, das Reihen und Binden
faktisch zu bewerkstelligen oder dem Begriffe nach bildlich zu
versinnlichen; diese hingegen werden erforderlich, wo man decken,
schützen und abschliessen will, und sind zugleich die sich selbst
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