Der Simpl: Kunst, Karikatur, Kritik — 1.1946

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ZUM GELEIT

München, zumal Schwabing, schon immer eine Stätte künstlerischer Entfaltung, birgt Kräfte, die
wieder lebendig werden wollen, zum Nutzen des deutschen Volkes. Wir haben uns vieles zu sagen, was
wir in den letzten Jahren als Einzelne für uns behalten mußten, wir haben zu zeigen, was sich heute regt
und ans Eicht des Tages will, und wir wollen lauschen auf die Zeichen des Kommenden, die Boten einer

schöneren Zukunft. r t-n

Schriftleitung und Verlag »DER SlMPL«

WO WIEDER ANFANGEN?

Welche zwei Bücher würden wir mitnehmen,
wenn man uns für Jahre auf eine unbewohnte
Insel verbannte? Dies war ein Aufsatzthema,
man gab es uns in unserer Schulzeit.
Die Frage war sonderbar, denn wer hätte damals
daran gedacht, daß ein Mensch jemals gezwungen
wäre, sein Heim mit einem Rucksack auf immer zu
verlassen ? Doch wir wußten, was unser Literatur-
professor von uns wissen wollte. Wir sollten ange-
ben, welche zwei Bücher wir geeignet finden wür-
den, Begleiterund Tröster für das Leben zu sein.
Wir haben .von der Literatur der Welt wenig
gekannt. Wir waren Kinder von 14— 16 Jahren,
naive Kinder zwischen zwei Weltkatastrophen.
Der Zauber des geschriebenen Wortes hatte ei-
nige von uns bereits gepackt, doch wir waren zu
unbeschwert, um darin ganz aufzugehen, denn die
Welt, die in den Büchern stand, war zu fremd
und zu verwickelt.

Wir hatten fast allgemein zwei Bücher gewählt:
die Bibel und das Buch von Robinson Crusoe.
Robinson war ja unser Jugendfreund und wir
dachten, er würde uns mit gutem Rat, was das
praktische Leben betrifft, an die Hand gehen.
Das zweite, für Seelennahrung gedachte Buch
war die Bibel, obwohl die meisten von uns wenig
von der Bibel kannten.

Und jetzt, wo wir wirklich davor standen, unsere
Heimat verlassen zu müssen, nur mit kleinem
Handgepäck, wo wir, wenn auch nicht auf eine
unbewohnte Insel, so doch in die ähnlichen Äußer-
lichkeiten einer solchen Lage kamen, tauchte die
Erinnerung an diesen Schulaufsatz auf.
Was hätten wir wohl mitgenommen, wenn in
dem Rucksack überhaupt Platz für ein Buch
gewesen wäre? Nach welchem Buche hatte man
Sehnsucht in diesen Tagen des Schreckens, des völ-
ligen Bloßgestelltseins und Alleinseins, des drük-
kenden Nichtstuns und Nichts-Tun-Könnens ?
Man hat in Gedanken oft das zu Hause gelas-
sene Bücherregal besucht und dies oder das in
die Hände genommen. Und als man dann in
der Fremde durch Güte eines Menschen wirklich
dazu kam, wieder geordnet aufgestellte Bücher
in Reichweite zu bekommen, hat man sich mit
Gier auf die Bücher gestürzt. Ja! DAS nehme
ich und DAS, zum Lesen. Lesen — lesen — lesen,

ERICH KÄSTNER

Ein Kubikkilometer genügt

Ein Mathematiker hat behauptet,

daß es allmählich an der Zeit sei,

eine stabile Kiste su bauen,

rite tausend Meter lang, hoch und breit sei.

In diesem einen Kubikkilometer
hätten, schrieb er im wichtigsten Sats,
sämtliclie heute lebenden Menschen
(das sind sirka swei Milliarden) Platx!

Man könnte also die ganze Menschheit
in eine Kiste steigen heißen
und diese, vielleicht in den Kordilleren,
in einen der tiefsten Abgründe schmeißen.

Da lägen ivir dann, fast unbemerkbar,
als würfelförmiges Paket,
lind Gras könnte über die Menschheit
und Sand würde daraufgeweht.

Kreischend sögen die Geier Kreise.

Die riesigen Städte stünden leer.

Die Menschheit lüg in den Kordilleren.

Das wüßte dann aber keiner mehr. E.Kämtner

das wollte man ja immer und nie hatte man
so viel Zeit dazu, wie jetzt! Man dachte, jetzt —
jetzt beginnt das neue Leben!
Seien wir ehrlich. Können wir die altbekannten
Bücher wieder mit der alten Begeisterung in die
Hand nehmen? In die Hand nehmen wir sie
schon. Wir suchen die Zeilen, die wir lieb hatten
in einem Gedicht oder einem Drama. Doch lesen ?
Lesen, wie wir es früher taten, in allen Ecken,
in der Straßenbahn, im Wartesaal und überall,
wo wir ein paar Minuten Ruhe hatten? Haben
wir wieder den Hunger nach Wort und Schrift ?
Bringen wir noch die Geduld auf, uns zu ver-
tiefen in eine fremde Geschichte, die mit uns
eigentlich wenig zu tun hat ? Liegt es an den
Büchern, oder an uns ? Sind wir zu nervös gewor-
den, zu unruhig ?

Eines steht fest, die meisten Menschen lesen heute
nur flüchtig und bringen es auch nicht fertig,
ein Buch von Anfang bis zum Ende zu lesen.
Das Wort, die Schrift ist verdächtig geworden,
das geschriebene und gesprochene Wort. Denn
in den letzten Jahren hat man es so mißbraucht,
daß man den Glauben daran verloren hat. Das
ist auch kein Wunder.

Das Verbrechen, das man an dem Worte began-
gen hat, rächt sich jetzt; man spürt das Echte
auch dort nicht mehr, oder nimmt es mit Miß-
trauen an, wo es noch vorhanden ist. Menschen,
die so viel herunterschlucken mußten, wie wir
Deutschen in den letzten Jahren, wollen nichts
mehr zu sich nehmen von diesem Getränk, und
wenn es auch nur äußerlich dem anderen gleicht.
Die neuen Schriftsteller, die glauben, sie haben
der Menschheit etwas zu sagen, werden es
schwer haben.

Wo wieder anfangen ? Nach so viel Lüge. Wo
wieder das wahre Wort finden? Das wahre
Wort für Menschen, die so allein geblieben sind,
wie wir. Es muß anders werden, wie es bisher
war, das spüren wir. Aber wie ? Wir finden die
Form noch nicht, in der wir uns zeigen könnten.
Nur das eine wissen wir bestimmt: keine Lüge
mehr! Wir werden uns mit Abscheu von jedem
geschriebenen Satz abwenden, wo wir den Ge-
ruch der Lüge wieder spüren! Echtes wollen wir
haben! Wie und in welcher Form, das ist die
Aufgabe der Schriftsteller.

Aber damals, als Kind, haben wir doch nicht so
ganz falsch gewählt. S. Ernst
Objekt
Titel: Der Simpl: Kunst - Karikatur - Kritik
Detail/Element: "Wo wieder anfangen?"
Künstler/Urheber: Schlichter, Rudolf  i
Inv.Nr./Signatur: G 5442-11-5 Folio RES
Aufbewahrungsort: Universitätsbibliothek Heidelberg  i
Schlagwort: Satirische Zeitschrift  i
Kästner, Erich  i
Karikatur  i
Profil  i
Schriftsteller <Motiv>  i
Herstellungsort: München  i
Bildnachweis: Der Simpl, 1.1946, Nr. 1, S. 2.
Aufnahme/Reproduktion
Urheber: Universitätsbibliothek Heidelberg  i
HeidICON-Pool: UB Der Simpl  i
Copyright: Universitätsbibliothek Heidelberg
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