Winckelmann, Johann Joachim  ; Uhde-Bernays, Hermann   [Hrsg.]
J. J. Winckelmanns kleine Schriften und Briefe (Band 1): Kleine Schriften zur Geschichte der Kunst des Altertums — Leipzig, 1925

Seite: 143
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/winckelmann1925bd1/0146
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
Facsimile
NACHAHMUNG DER GRIECHISCHEN WERKE r ERLÄUTERUNG

die Oberpriester, deren Gutachten er vorher einholte,
untersagt, unter dem Vorwande, daß ein einziger
Tempel nicht zwei Gottheiten fassen könnte. Mar-
cellus ließ also zwei Tempel nahe aneinander bauen,
dergestalt, daß man durch den Tempel der Tugend
gehen mußte, um in den Tempel der Ehre zu ge-
langen, um dadurch zu lehren, daß man allein durch
Ausübung der Tugend zur wahren Ehre geführt
werde. Dieser Tempel war vor der Porta Capena. Es
fällt mir hierbei ein ähnlicher Gedanke ein. Die Alten
pflegten Statuen von häßlichen Satyra zu machen,
welche hohl waren. Wenn man sie öffnete, zeigten
sich kleine Figuren der Grazien. Wollte man nicht
dadurch lehren, daß man nicht nach dem äußeren
Scheine urteilen solle, und daß dasjenige, was der Ge-
stalt abgeht, durch den Verstand ersetzt werde?
Ich habe mir selbst keine Genüge getan: allein die
Kunst ist unerschöpflich, und man muß nicht alles
schreiben wollen. Ich suchte mich in der mir ver-
gönnten Muße angenehm zu beschäftigen, und die
Unterredungen mit meinem Freunde, Herrn Fried-
rich Oeser, einem wahren Nachfolger des Aristides,
der die Seele schilderte und für den Verstand malte,
gaben zum Teil hierzu die Gelegenheit. Der Name
dieses würdigen Künstlers und Freundes soll den
Schluß meiner Schrift zieren.

H3
loading ...