Persistente URL:
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/winckelmann1925bd1/0175
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WINCKELMANNS KLEINE SCHRIFTEN
keiner sterblichen Speise und groben Teilen ist sein
Leib ernährt. Ihn erhält die Speise der Götter, und
er scheint nur zu genießen, nicht zu nehmen, und
völlig, ohne angefüllt zu sein.
O möchte ich dieses Bild in der Größe und Schönheit
sehen, in welcher es sich dem Verstände des
Künstlers geoffenbart hat, um nur allein von dem
Überreste sagen zu können, was er gedacht hat, und
wie ich denken sollte! Mein großes Glück nach dem
seinigen würde sein, dieses Werk würdig zu beschreiben
. Voller Betrübnis aber bleibe ich stehen, und so
wie Psyche anfing die Liebe zu beweinen, nachdem sie
dieselbe kennen gelernt, so bejammere ich den unersetzlichen
Schaden dieses Herkules, nachdem ich zur
Einsicht der Schönheit desselben gelangt bin.
Die Kunst weint zugleich mit mir. Denn das Werk,
welches sie den größten Erfindungen des Witzes und
Nachdenkens entgegensetzen, und durch welches sie
noch jetzt ihr Haupt wie in ihren goldenen Zeiten zu
der größten Höhe menschlicher Achtung erheben
könnte, dieses Werk, welches vielleicht das letzte ist,
in welches sie ihre äußersten Kräfte gewandt hat,
muß sie halb vernichtet und grausam gemißhandelt
sehen. Wem wird hier nicht der Verlust so vieler
hundert anderer Meisterstücke derselben zu Gemüte
geführt! Aber die Kunst, welche uns weiter unterrichten
will, ruft uns von diesen traurigen Überlegungen
zurück und zeigt uns, wieviel noch aus dem
Übriggebliebenen zu lernen ist, und mit was für
einem Auge es der Künstler ansehen müsse.
172
keiner sterblichen Speise und groben Teilen ist sein
Leib ernährt. Ihn erhält die Speise der Götter, und
er scheint nur zu genießen, nicht zu nehmen, und
völlig, ohne angefüllt zu sein.
O möchte ich dieses Bild in der Größe und Schönheit
sehen, in welcher es sich dem Verstände des
Künstlers geoffenbart hat, um nur allein von dem
Überreste sagen zu können, was er gedacht hat, und
wie ich denken sollte! Mein großes Glück nach dem
seinigen würde sein, dieses Werk würdig zu beschreiben
. Voller Betrübnis aber bleibe ich stehen, und so
wie Psyche anfing die Liebe zu beweinen, nachdem sie
dieselbe kennen gelernt, so bejammere ich den unersetzlichen
Schaden dieses Herkules, nachdem ich zur
Einsicht der Schönheit desselben gelangt bin.
Die Kunst weint zugleich mit mir. Denn das Werk,
welches sie den größten Erfindungen des Witzes und
Nachdenkens entgegensetzen, und durch welches sie
noch jetzt ihr Haupt wie in ihren goldenen Zeiten zu
der größten Höhe menschlicher Achtung erheben
könnte, dieses Werk, welches vielleicht das letzte ist,
in welches sie ihre äußersten Kräfte gewandt hat,
muß sie halb vernichtet und grausam gemißhandelt
sehen. Wem wird hier nicht der Verlust so vieler
hundert anderer Meisterstücke derselben zu Gemüte
geführt! Aber die Kunst, welche uns weiter unterrichten
will, ruft uns von diesen traurigen Überlegungen
zurück und zeigt uns, wieviel noch aus dem
Übriggebliebenen zu lernen ist, und mit was für
einem Auge es der Künstler ansehen müsse.
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