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Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 5.1888

Seite: 385
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Nr. 49.

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Blitzdrahtweldungen.

Berlin. Da die Arbeitervertreter im Reichsversicherungsamt aus
ihrer Arbeit entlassen worden sind, haben sich keine weiteren mehr
gefunden. Die „Kreuzzeitung" schlägt vor, Unteroffiziere an deren
Stelle einzuschieben.

Greiz. Der fürstlich reußische Gebeimrath von Schnüfflich laßt
ein Buch erscheinen, in welchem die Gründung von Fachvereinen als
stnatsgefäbrlich und die Forderung des Normalarbeitstages als hoch,
verrätherijch nachgewiesen wird.

Ratibor in Ober-chlesien. Der Verein nothleidender Großgrund-
besitzer ist endlich zu Stande gekommen. In seinem Programm ver-
^ langt er, daß jedes seiner Mitglieder eine Staatsrente erhalten soll
, und zwar auf Lebenszeit in Gestalt von bv Prozent feiner Grund-
! rente.

Kamerun. Ein preußischer Schulmeister ist nun schon seit sechs
Monaten hier und ist noch gar nicht krank gewesen. Die Kolonial-
verwaltung wird über den merkwürdigen Fall eine ausführliche Denk-
schrift abfassen und dem Reichsnmt des Auswärtigen in Berlin ein-
fenden lassen.

Osten und Westen.

(Siehe Illustration ans Seite SS2.)

^n des Reiches Grenzen stehen, auf's Gewehr gelehnt, die Posten;
Wachsam, unverdrossen spähen Tag und Nacht sie ans nach Osten.
Ueber's Schneefeld, dnrch's Gestöber, in den Sätteln hängend, traben
Finstre, bärt'ge Grenzkosaken. Sind es Menschen, sind es Raben,
Die das schwärzliche Gefieder auf der Schneeflnr Weiße schmiegen
Und zuweileu, wie verdrossen, ans zu kurzem Flattern fliegen?
Mühsam kann der jnnge Krieger, der aus Posten steht, die Beiden,
Von der Flocken Fall geblendet, ans die Daner unterscheiden,

Und er fühlt, wie ihm die Bilder zwischen Horchen, Späh'n und Sinnen
Bei des Schneesturms Wirbelwehen leise ineinander rinnen.

Tränmend lanscht er in die Ferne durch das grane, dichte Schneien —
War das nicht des doppelköpf'gen Adlers hnngerheifres Schreien,
Jener Schrei der Gier, des Zornes, einer Feindschaft nnermessen,
Den, wer einmal ihn vernommen, nimmer wieder kann vergessen,
Jener Schrei, der uns vom Traume weckt wie Schlachtruf des Kor-
saren,

Daß wir mit geballter Rechten ans vom weichen Pfühle fahren,

Jener Schrei, bei dem die Mnskeln straff sich spannen nnd die Sehnen,
Jener Schrei, bei dem die Nüstern sich vor heißer Kampflust dehnen?
Flog er nicht, der Doppelköps'ge, dnrch der Flocken wirr Gewimmel,
Untertauchend in dem schweren, fahlen Schneegewölk am Himmel?
Alles still — der Aar verschwunden — mit dem Flng, dem schwalben-
schnellen,

Doch sein Hnngerschrei wird wieder, näher in das Ohr uns gellen,
Nahen wird er unversehens sich mit scharsen Klauenhieben,

Wird er doch von nimmersatter, zügelloser Gier getrieben,

Bis der Blitz die Todeskugel mitten in die Brust getragen,

Bis zu Brei man beide Köpse mit dem Kolben ihm zerschlagen. —
Wieder lauscht und späht der Posten durch die Dämmerung, die blasse?
Trollt da nicht auf breiten Sohlen eine duukle, zott'ge Masse
Rasch heran mit heißem Odem — sendet sie durch das Verstummen
Dieser Oede nicht des Bären zornig-dumpfes, tiefes Brummen? -
Drüben thürmten um die Wette Schnee und Sturmwind eine Mauer.,'
Dort verfchwaud er oder — legte tückisch nur sich ans die Laner,

Denn, ob er an seinen Tatzen mürrisch sauge unterdessen —

Ruhen wird er nicht nnd rasten, bis er sich mit uus gemessen,

Bis er uns in wildem Ringen sest umklammert mit den Pranken,
Bis erstickt aus der Umarmung auf den Schnee wir niedersanken,

Oder — bis die gnte Klinge, darauf „Zorndorf" steht geschrieben,
Bis an's Heft mit festem Stoße in das Herz wir ihm getrieben. —
Wieder lanscht und späht der Posten — leiser Klagelant der Enlen —
Aber plötzlich — langgezogen — serner Wölfe wildes Henlen,
Daß das Blut in feinen Adern er gerinnen fühlt erschrocken,

Daß des Herzens jngendrasche, lebensfrohe Schläge stocken,

Daß die Angen nach den feigen Rändern blaue Blitze schießen
lind die Fiuger seiner Rechten krampfhaft um deu Schaft sich schließen.
Ha, da schleicht's heran verstohlen (düstrer wird es rings und trüber)
Struppig, mager, flankenpeitschend — und im Rudel stiebt's vorüber,
In des Schneesturms graue Schleier vor der Büchse Blitz sich hülleud,
Doch die todte, bange Oede mit Gehenl noch lange füllend.

Nun, man wird vom „Waffenbruder" immer noch vertrauend sprechen,
Bis sie plötzlich iu die Hürden nns nnd in die Hütten brechen,
Kig nnd gransam, giergestachelt, ohne Schonung, wölsisch-reißend,
Unter sich um ihre Beute tückisch balgend sich und beißend,

Wenn wir nicht ein großes Treiben bilden nnd ein flottes Jagen,
Und sie nicht wie tolle Hnnde todt mit Treiberknittelu schlagen.

Stehen wirklich wir zur Stunde zwischen Elfen schon nnd Zwölsen?
Äch, uur wenig Federlesens machten »vir mit Bär nnd Wölfen,
Und dem Aar, dem doppelköpf'gen, dienten wir mit blauen Bohnen,
Wären eüng alle Völker, die im „faulen" Westen wohnen,

Gäbe man der Wahrheit Fackeln nnd der Freiheit Fenerbrände
Unbesorgt den tapsern Männern dieser Völker in die Hände,

Denn die Räuber, hie nns drohen, scheuen, selbst wenn blutbetrunken,
Aengstlich alles Licht und Feuer, flüchteu fchou vor einem Funken.
So jedoch in Fesseln schmachtend — wollt und könnt ihr's wirklich

"'»vagen,
Dieses RiesenriUgens Ende stolz nnd froh vorauszusagen?

Wubolf Lanant.
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