Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

Seite: 305
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Die neue Problemlage der Ästhetik.

Von

Maximilian Beck.

Dieser Titel läßt erwarten, es handle sich um immanente Probleme
der Ästhetik als einer selbständigen Wissenschaft. Das erste Problem
aber, mit dem wir uns auseinanderzusetzen haben, ist gerade die Frage,
o b denn Ästhetik überhaupt eine selbständige Wissenschaft ist. Denn
wenn diese Frage verneint werden sollte und wenn sich zeigt, daß Ästhe-
tik nur eine Teildisziplin der Philosophie ist, dann versteht es sich von
selbst, daß eine neue Problemlage der Ästhetik gleichbedeutend sein muß
mit einer Auswirkung neuer Problementscheidungen auf dem Gebiete der
philosophischen Grunddisziplinen, nämlich der Ontologie und Erkennt-
nistheorie. Eben dies zu zeigen ist die Hauptabsicht dieser Ausfüh-
rungen. —

Wir fragen also:

1. Ist die Ästhetik eine selbständige Wissen-
schaft?

Die Selbständigkeit wird einer Wissenschaft garantiert durch die
Sonderart ihres Forschungsgegenstandes. Nicht willkürlich schafft sich
eine Wissenschaft ihren Gegenstand, sondern ein spezifischer Gegen-
stand fordert von sich aus eine spezifische Wissenschaft, die sich mit ihm
zu befassen hat, und dieser Gegenstand schreibt der Wissenschaft die
ihr gemäßen Methoden vor. Da alle Wissenschaft Erkenntnis ist,
Erkenntnis aber ihrem evidenten Sinn nach Erfassen eines von der Er-
kenntnis selbst unabhängig Bestehenden, so muß der Erkenntnisgegen-
stand einer Wissenschaft schon vor und unabhängig von ihr existieren.
Und soll die auf ihn gerichtete Wissenschaft eine selbständige
Disziplin sein, dann muß der spezifische Gegenstand dieser Disziplin
a 1 s dieser Gegenstand ohne Hinblick und Rückgang auf andere wissen-
schaftliche Disziplinen voll und ganz erforschbar sein.

Trifft dies nun für die Ästhetik zu?

Es s c h e i n t zuzutreffen — solange man nämlich der Ästhetik, eben
u m ihre Selbständigkeit zu wahren, als Forschungsgegenstand ein in
sich geschlossenes Seinsgebiet unterschiebt!

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXIII. 20
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