Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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BESPRECHUNGEN.

ser Trennung hervorgehende Ästhetik hat allen Grund, zu versichern, daß sie dem
Künstler nichts zu sagen hat (4). Aber sie müßte noch darüber hinaus versichern,
daß sie demjenigen, der die Kunst als Nichtkünstler liebt und der sein Verhältnis
zu ihr durch Erkenntnis klären und vertiefen möchte, ebenfalls nichts zu sagen hat.
Sie wendet sich an den Methodologen. Aber entgleitet ihr damit nicht ihr Gegen-
stand, der immer nur in einem personal verwurzelten Verhältnis zur Kunst gegeben
ist? Muß nicht dieses Verhältnis den festen Boden abgeben, auf dem alle erkennende
Verständigung über Kunst, alle Ästhetik sich entfaltet? — Ob diese Kritik gerecht
ist, wird sich dort entscheiden, wo sich die Prinzipien an dem konkreten Gegenstand
versuchen. Wird es ihnen gelingen, irgendeinen Zug an dem ästhetischen Phänomen
zu erschließen? Oder eignen sie sich nur zu Grundlegungen, auf denen sich schließ-
lich nichts gründen läßt? Wir mögen die logische Strenge einer Untersuchung wie
der vorliegenden bewundern. Aber wir nehmen an, daß dem Verfasser an der An-
erkennung dieser wissenschaftstechnischen Vollkommenheit wenig gelegen ist. Wir
können deshalb nur hoffen, daß seine Wissenschaft nicht länger die Probe der An-
wendung scheut und von der Logik der Ästhetik zur Ästhetik kommt.

Berlin. Helmut Kuhn.

Pierre Courthion: Panorama de la Pein tu re francaise con-
temporaine. Paris 192 7, Kra.

Das leicht und schnell niedergeschriebene Buch eines jungen Kunstschrift-
stellers, der weder Vollständiges noch einen methodisch aufgebauten Oberblick über
die Malerei der Gegenwart geben will, sondern nur Randbemerkungen zu einigen
Malern der Gegenwart. Courthion weist gelegentlich lächelnd und witzig törichte
Wertungen des breiten Bürgertums zurück, indem er z. B. schreibt, man solle
sich endlich abgewöhnen, Meissonnier als den Michelangelo der Lupe zu bezeichnen,
was schon an sich ein unlogisches Epitheton sei und zweitens eine Geschmacklosig-
keit; denn in einem pedantischen Miniaturmaler stecke niemals ein michelangelesker
Geist. An ähnliche Paradoxe knüpft Courthion mehrfach an. Aber auch er selbst
gefällt sich in Paradoxen, z. B. indem er Cezanne, der den Impressionismus über-
wand, Monet, der ihm treu blieb, voranstellte, und Dufy, den Illustrator, Graphiker
und Dekorateur als Maler den vorigen gleichsetzt und die ephemere Erscheinung
eines Jean Lurcat als bedeutenden Konstrukteur bezeichnet, während ihm gegenüber
Andre Derain, der Stärkste unter den jetzigen Malern, herabgesetzt wird. Ohne
jeden Snobismus sind Picasso, Rouault, Modigliani und Marie Laurencin ge-
wertet, allerdings, ohne daß über sie wesentlich Neues ausgesagt wird.

Berlin. Otto Grautoff.

Werner Ziegenfuß: Die Phänomenologische Ästhetik. Nach
Grundsätzen und bisherigen Ergebnissen kritisch dargestellt. Berliner In-
auguraldissertation 1927, Leipzig, Robert Noske, 161 S.

Es wäre bedauerlich, wenn die im Jahre 1926 mit dem Preis der Berliner
Fakultät ausgezeichnete Dissertation von Z. in der üblichen Versenkung verschwin-
den würde, in der Dissertationen zu verschwinden pflegen. Z. war in der
schwierigen Lage, die auseinanderstrebenden Arbeiten über Ästhetik, die aus dem
Gedankenkreis der Phänomenologie hervorgegangen waren, einheitlich zu fassen
und kritisch zu durchleuchten. Es muß anerkannt werden — auch wenn man auf
weite Strecken hinaus den Lösungen von Z. nicht zustimmen kann —, daß er
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