Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

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1906 — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

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Maria Magdalena
fjjeft 9 Jahrgang XVIII dieser Zeit-
schrift brachte einen Aufsatz aus
der Feder Dr. A. Kisas über ein 1904
zu Düsseldorf ausgestelltes Gemälde
des Suermondt-Museums zu Aachen. Im Ka-
talog der Düsseldorfer Ausstellung ist dasselbe
als Johannes d. T. und Maria Magdalena be-
zeichnet; der Verfasser sucht dagegen nachzu-
weisen, daß diese Deutung irrig sei, und daß
das Bild die Herodias und St. Johannes B.
darstelle. Ich gestatte mir, im Interesse der
christlichen Ikonographie auf seine diesbezüg-
lichen Ausführungen etwas näher einzugehen.
Ich darf aber solches ohne Zweifel um so eher,
als der Verfasser ausdrücklich zu einer unbe-
fangenen Prüfung des Bildes auffordert, da er
seit der Düsseldorfer Ausstellung seine Beob-
achtung nicht mehr habe kontrollieren können.
„Meine Beobachtung konnte ich seit der Düssel-
dorfer Ausstellung nicht mehr kontrollieren,
vielleicht werden diese Zeilen die Anregung
dazu bieten, daß dies von anderen unbefangenen
und kundigen Augen besorgt wird."

Der erste Grund, worauf der Verfasser seine
Ansicht stützt, ist die Haltung der beiden Fi-
guren: „Man kann nicht übersehen, daß die
Gestalten nicht etwa bloß posieren, bloß neben-
einander gestellt sind, sondern daß in dem
Bilde, allerdings mit geringer Lebhaftigkeit,
vor allem ohne große physiognomische Kunst
eine Aktion zum Ausdrucke kommt." Welche
Aktion er meint, hat er vorher des weiteren
ausgeführt. Die Frauengestalt reicht Johannes
mit der Linken einen Becher, dessen Deckel
sie mit der Rechten abgenommen hat,und der in
seinem Innern kleine schwarze Scheibchen birgt,
welche ebensowohl, wie Kisa sagt, Weihrauch-
körner, wie (vergiftetes) Backwerk darstellen
könnten. Vom Gestus. des hl. Johannes aber
heißt es: „Die Bewegung seiner kleinen, wohl-
gebildeten Rechten ist so zu deuten, daß er
(Johannes) im Begriffe war, in den dargebotenen
Becher zu langen, plötzlich aber mißtrauisch
geworden, die Finger zurückzieht und seine

') [Hinsichtlich der von Herrn Dr. Kisa in Bd.
XVIII Sp. 259/260 dem dort abgebildeten Gemälde
gegebenen Deutung hatte ich mich auf eine kleine
Abschwächung beschränken zu sollen geglaubt, zumal
der Verf. selbst die Anregung bot zu anderweitiger
Prüfung. — Sie ist erfolgt und wird hier zum Ab-
druck gebracht. D. H.

oder Herodias? :)

Begleiterin forschend ansieht, welche unter
seinen sanften, aber vorwurfsvollen Blicken
die ihren verwirrt senkt, wie ein auf beab-
sichtigter Missetat ertappter Bösewicht."

Diesen Ausführungen gegenüber ist indessen
zu bemerken, daß die Frauengestalt den Becher
nicht dem Täufer reicht, sondern lediglich in
der Hand hält. Was aber Johannes anlangt,
so haben wir in dessen Gestus eben den Gestus
vor uns, der auf den spätmittelalterlichen Bil-
dern zahllose Male bei dem Heiligen vorkommt.
Johannes weist mit seiner Rechten auf das
Lamm hin, das er ursprünglich auf seiner
Linken trug, das aber später bei der Zu-
schneidung des Gemäldes, bei welcher dieses
in eine ovale Form gebracht wurde, samt
der Hand und dem Vorderarm verloren ging.
Darum ist auch der Blick des Täufers nicht
vorwurfsvoll auf die Frauengestalt gerichtet, er
schaut vielmehr wie auch sonst in das Publikum
hinein. Wenn er dabei die Frauengestalt trifft,
so liegt das lediglich daran, daß diese zu seiner
Rechten steht. Ein treflliches Gegenstück zur
Aachener Tafel bietet ein Bild der Berliner
Gemälde-Galerie, ein Werk Bernhard Striegels.
Hätte der Verfasser dasselbe gekannt, würde
er wohl schwerlich die Darstellung des Suer-
mondt-Museums als „Herodias und Johannes"
bezeichnet haben.

Zweitens weist der Verfasser zur Begrün-
dung seiner Deutung auf ein Teufelchen hin,
welches dem Becher entsteigen und diesen als
Giftbrecher charakterisieren soll. Allein auf
der Aachener Tafelfindet sich ein solches Teufel-
chen nicht. Ich habe mir bei Gelegenheit
einer Durchreise durch Aachen die Mühe ge-
geben, das Bild genau zu untersuchen, und um
nur ja sicher zu gehen, habe ich einen kundigen
Begleiter mitgenommen. Das Resultat war,
daß nicht einmal mit einer Lupe das fragliche
Teufelchen über dem Becher oder sonst wo
auf der Darstellung zu entdecken war, ein Re-
sultat, das freilich schon vorher bei mir fest-
stand. Es ist mir völlig unerklärlich, wie
Kisa zu dem Teufelchen kommt. Sollte er
etwa die Falten des Mantels des Heiligen,
die allerdings oberhalb des Bechers auf der
Reproduktion — kaum auf dem Bild selbst —
eine entfernte Ähnlichkeit mit einem kleinen
Drachen haben, für das fliegende Drachen-
teufelchen gehalten haben?
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