Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

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1906.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

Bücherschau.

Die mittelalterliche Baukunst Bautzens. Von
Dr. Ing. Fritz Rauda. Herausgegeben von der
Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften
zu Görlitz. In Kommission der Buchhandlung von
H. Tzschaschel in Görlitz. (Dresdener Dissertation.)
Preis 4 Mk.
Die Erkenntnis, daß man dem meist komplizierten
Werdegang mittelalterlicher Bauten nur durch ein
gründliches Eindringen in ihre technischen und for-
malen Eigenschaften und Einzelheiten gerecht werden
kann gegenüber der älteren Methode, die ausging
von dem meist zufällig überkommenen Urkunden-
material, mit dem die Gebäude wohl oder übel in
Beziehung gebracht wurden, hat bei den bekannteren
und hervorragenderen Werken vielfach bereits zu i
ganz neuen Aufschlüssen geführt. Weniger in diesem
Sinne aufgeklärt ist noch die provinzielle Kunst, so-
weit sie nicht bei den Inventarisationswerken oder
Einzeldarstellungen hinreichende Würdigung gefunden
bat. Dies war auch hinsichtlich der mittelalterlichen
Bauwerke Bautzens der Fall, bei denen man noch
immer auf den längst veralteten Angaben Puttrichs
und der Lokalforschung fußte. Es ist in der vor- J
liegenden Schrift der erfolgreiche Versuch gemacht,
an der Hand sorgfältiger Aufnahmen durch eingehende
technische und stilkritische Untersuchungen in die
Baugeschichte Bautzens, des sächsischen Nürnberg,
neues Licht zu bringen.

Die noch stattliche Reihe erhaltener kirchlicher
Bauten wird mit der reizenden Schloßkapelle vom
Jahre 1486 eingeleitet, die mit der kahlen Pro-
filierung Arnolds von Westphalen die spätgotische
Dekorationslust verbindet, wahrscheinlich beeinflußt
vom Breslauer Rathaus. Der folgende Abschnitt be-
handelt das Franziskanerkloster. Die nur noch in
Ruinen vorhandene und in unserer Zeit durch einen
mit beispielloser Dissonanz mitten in sie hinein-
gestellten Wasserturm verunstaltete Kirche war zwei-
schiffig und gewölbt, in ihren älteren westlichen Teilen
frühgotisch vom Anfang des XlV.Jahth. und ausBruch-
stein mit Backstein gemischt, in den jüngeren, aus der
zweiten Hälfte des XIV. Jahrh. aus reinem Backstein.
Die Klosterbaulichkeiten selbst gingen erst bei einem j
Brande im Jahre 1894 zugrunde, ohne daß eine Auf-
nahme der Reste angefertigt wurde; nur der Kreuz-
gang ist jetzt in seinen Grundzügen von Rauda wieder
freigelegt worden. Das bisher unberücksichtigte Auf-
treten des Backsteins hier in Bautzen gibt Rauda
Veranlassung zu einem besonderen Kapitel über die
Backsteinbaukunst der westlichen Oberlausitz, aus
dem allerdings hervorgeht, daß der Backstein außer-
halb Bautzens in dieser Gegend eine künstleiisch sehr
bescheidene Rolle gespielt hat. — Beim Bautzener
St. Petersdom interessiert namentlich der Westbau.
Von dem 1221 geweihten Dom ist nichts Nachweis-
liches mehr vorhanden. Der älteste Teil der heutigen
Kirche ist der Mittelteil des Westbaus, Ende des
XIII. Jahrh. wahrscheinlich als einzelnerTurm begonnen,
bald darauf aber zu einer zweitürmigen Anlage er-
weitert. Dann (etwa in der ersten Hälfte des XV. Jahrh.,
als durch den Anbau eines zweiten südlichen Seiten-

schiffs die Längsachse der Kirche sich verschob, nach
den Formen zu urteilen, aber bereits früher) wechselte
man wieder den Plan und ging zu einer breiten ein- oder
dreitürmigen Anlage über; aber auch diese kam nicht
zur Vollendung: nach dem zweiten Geschoß blieb
sie liegen, und man begnügte sich mit einem seit-
lichen regelmäßig achteckigen Turmaufbau, der im
XVII. Jh. seine heutige Bekrönung erhielt.— Von den
weiteren Kirchen sei noch die am Nordabhang der
Stadt gelegene malerische Ruine der zweischiffigen
um die Mitte des XV. Jh. erbauten Nikolaikirche ge-
nannt, mit interessantem Wehrgang zwischen den
Streben an der Nord- und Westseite.

Etwas zu kurz gekommen ist im Vergleich zu
den Kirchenbauten die profane mittelalterliche Archi-
tektur; sie wird in einer Schlußbetrachtung zusammen-
gedrängt, bei der allerdings ihr Hauptwerk, die mäch-
tige „Alte Wasserkunst" durch eine gute Aufnahme
vertreten ist.

Im allgemeinen ist Rauda bemüht, wesentlich auf
Grund einer genauen technischen Untersuchung und
Stilvergleichung seine Datierungen aufzubauen. Hierbei
wird freilich der Wert der voraufgeschickten chroni-
kalen und urkundlichen Nachrichten bisweilen gar zu
sehr unterschätzt. Eine stärkere Heranziehung dieses
Materials, soweit es zuverlässig ist, wäre hier und da
angezeigt gewesen.

Die klaren und zahlreichen Abbildungen ermög-
lichen dem Leser eine plastische Vorstellung der be-
handelten Objekte.

Köln. Hugo Rahtgens.

Die mittelalterliche Plastik Regensburgs
von Alfred Seyler. Wolf & Sohn in München
1905.

Diese Doktor-Dissertation ist wiederum von Prof.
B. Riehl in München veranlaßt worden, der die (so
notwendigen) Studien über die Plastik, namentlich
des Mittelalters und in Süddeutschland, nicht nur
durch seine eigene Publikationen ständig pflegt, sondern
auch seine Zuhörer dazu anregt. — Von einem der-
selben (aus Aachen) liegt hier wieder eine höchst
anerkennenswerte Arbeit vor, die sich mit der bislang
nur wenig beachteten Bildhauerei in dem an mittelalter-
lichen Denkmälern überreichen Regensburg beschäftigt.
Diese beginnt schon im XI. Jahrh. (St. Emmeran), ent-
wickelt sich im XII. Jahrh. (St. Jakob), beginnt ihre Blüte
am Schluß des XIII. Jahrh., zunächst an den Grab-
mälern zumeist im Relief, um dann in den Portal-
reliefs und den freistehenden Figuren besonders des
Domes als des Mittel- und Glanzpunktes des gesamten
Kunstschaffens ihren Höhepunkt durch das ganze
XIV. Jahrh. zu behaupten, mit bedeutsamen Nach-
wirkungen in dem XV. Jahrh. — Auf diesem Wege
kommt die vielfach verkannte früh- und hoch-
gotische Plastik mit ihrer ganzen Schönheit in
Bewegung, Drapierung, Ausdruck zur Geltung, den
Wunsch herausfordernd, es möchte ihr in ihrem
Schulzusammenhang vom Verfasser eine erweiterte
illustrierte Studie gewidmet werden. Schniitgen.
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