Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

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1906.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. G.

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Bücher schau.

Kirchen. Von Cornelius Gurlitt, Professor an
der Technischen Hochschule in Dresden. „Hand-
buch der Architektur." Vierter Teil, 8- Halbband.
Heft I. Mit 607 Abbildungen im Text und sechs
Tafeln. Kröner, Stuttgart 1906. (Preis 32 Mk.)
Das groß angelegte (nahezu vollendete) „Hand-
buch der Architektur" besteht aus vier Teilen : All-
gemeine Hochbaukunde; die Baustile; die Hochbau-
konstruktionen; Entwerfen, Anlage und Ein-
richtung der Gebäude — Des letzteren Teiles
VIII. Halb band, behandelt im I. Heft die
Kirchen, das also nicht die Geschichte der Kirchen-
architektur, noch die Baukonstruktionen, bezw. archi-
tektonischen Motive lehren, vielmehr dem Architekten
mit den für den Bau einer Kirche maßgebenden
Ratschlägen an die Hand gehen will, unter Beigabe
mancher Illustrationen, die, mit vereinzelten Aus-
nahmen, im letzten Jahrzehnt von deutschen Archi-
tekten in Deutschland gebaute, bezw. ausgestattete
Kirchen wiedergeben — Um aktuelle praktische Unter-
weisungen handelt es sich daher, die von dem hierzu
in hervorragendem Maße berufenen Verfasser, auf
Grund eingehender Studien und reicher Erfahrungen,
mit höchst anerkennenswerter Objektivität umfänglichst
geboten werden. — Der allgemeine Teil be-
leuchtet die Ästhetik der kirchlichen Kunst und ihrer
Symbolik, namentlich Tradition und Baustil,
endlich die Umgebung der Kirche, für die dem
„Freilegen" älterer Kirchen mit Recht ein gehöriger
Zügel angelegt wird. — Die Baustilfrage wird
hier in ihrer Anwendung auf katholische und evan-
gelische Kirchen behandelt, nicht mit der Absicht
eigentlicher Lösung, sondern mit der Beschränkung
auf die ruhige Darlegung der verschiedenen Auf-
fassungen, wie sie im letzten halben Jahrhundert,
namentlich in dessen zweiter Hälfte, sich geltend zu
machen suchten. Wenn der Verfasser am Schlüsse
der langen interessanten Erörterung der „rechten
Tradition", d. h. den den Forderungen des Gottes-
dienstes sich anpassenden Bauformen das Wort redet,
so hat er damit gewiß Recht, und es ist ein Glück,
daß sich dafür mehr oder weniger alle Stilarten
eignen. — • Der ungefähr das Vierfache umfassende
besondere Teil ist den konfessionellen An-
forderungen gewidmet, zunächst den speziell e n
der Juden (S 126 bis 165), der Katholiken (S. 176
bis 302), der Protestanten (bis S. 424), sodann den
gemeinsamen. Das letzte (XI.) Kapitel beschäftigt
sich mit Einzel fragen, die Über Dorfkirchen,
Akustik, Restaurieren alter Kirchen manche sehr be-
achtenswerte Winke geben, 16 Beispiele für archi-
tektonische (Ausbau-) Lösungen, zu denen dieser
Zeitschrift viele Beiträge hätten entnommen werden
können. — Der Verfasser verbindet mit seinen durch-
aus richtigen konservativen Grundsätzen moderne Be-
strebungen, die den Schwerpunkt bei der Heistellung
nur in das Empfinden des Künstlers verlegen, also unter
Umständen in die reine Willkür, der gegenüber das
Ergänzen im wohlerfaßten Sinne der Alten doch
noch als Rettungsanker erscheint. — Das keiner
Schwierigkeit ausweichende fleißige Buch ist über-
reich an aktuellem Lehrstoff und der Verfasser weit!

mit dem Selbstbewußtsein des erfahrenen Architekten
die Objektivität des nüchternen Referenten wohl zu
vereinigen. Schnütgen.

Alt-Nürnbergs Profanarchitektur. Ein Bild
ihres geschichtlichen Werdeganges. Mit Berück-
sichtigung der Stadtbefestigung, Straßenbilder und
Brunnen. In 151 Lichtdruckdarstellungen mit
einem anleitenden Text. Von Dr. Fritz Traugott
Schulz. Verl. von Gerlach & Wiedling, Wien
und Leipzig. (Preis 65 Mk.)
Mit der Alt-Nürnberger Kunst, der kirchlichen
wie der profanen, hat der Verfasser sich in ganz
hervorragendem Maße beschäftigt und sie in der dies,
jährigen Landes-Ausstellung zur Darstellung gebracht,
deren historische Abteilung sein (von ihm selber
in dieser Zeitschrift zur Beschreibung gelangendes)
Werk ist. — Als lehrreicher Vorläufer, wie als glück-
liche Begleiterscheinung mag das vorliegende Tafel-
werk betrachtet werden, das zum ersten Male die
viel bewunderte Profanarchitektur der berühm-
ten „mittelalterlichen- Stadt in ihrer kunstgeschicht-
lichen Entwicklung vorführt durch eine 151 Dar-
stellungen auf 113 Tafeln umfassende, sehr hand-
liche Kleinfolio-Mappe, zu der 32 Seiten mit neun
Illustrationen Einleitung und Beschreibung liefern.
— Die Aufnahmen sind sämtlich tadellos und die
volle Einheitlichkeit ihrer Tönung erhöht noch
die Gefälligkeit der Wirkung. — Mit den Aus-
läufern der romanischen Kunst beginnt das viel-
gestaltige Bild und durch die Phasen der Hoch-
und namentlich der überaus reichen Spätgotik, sowie
der mannigfaltigen Abwandlungen der verschiedenen
Renaissancearten, wie des Barock und des Rokoko
setzt es sich fort, in großer Mannigfaltigkeit und doch
bewunderswerter Harmonie, zu dem einhelligen EflekT,
den keine andere Stadt weder erreicht, noch bewahrt
hat. — Die Burg und die Stadtbefestigung des XIV.
und XVI. Jahrh. bilden den Ausgangspunkt der Wan-
derung, die entzückenden Straßen und Plätze (in die
natürlich auch einige Kirchen gehören) die Fort-
setzung, und dann tritt der Profanbau in seine Rechte,
besonders das private Wohnhaus mit seinen ungemein
reichen Architekturformen und Ziergliedern, in denen
die Chörlein und Erker, die Höfe und Treppenanlagen,
die Giebel und Kassaden Bildwerk und ehedem auch
Malerei eine Hauptrolle spielen. Wer Nürnberg auch
genau kennt, wird von Überraschungen überschüttet und
mit Staunen gewahren, wie lange die spätgotischen Maß-
werkformen sich als malerischer Friesschmuck überall
erhalten haben. Den Schluß bilden die zahlreichen
Brunnen in ihren vielfachen Gestaltungen. — Da jedes
Bauwerk, sei es genau, sei es annähernd datiert ist, so
bietet die Durchblätterung der Tafeln einen ebenso
belehrenden wie anregenden Genuß, der dem kost-
baren Werke hoch anzurechnen ist. Scholligen.

Les origines du style gothique en Brabant
par R. Lemaire. I. Parti*': L ' archi tect ure
romane. Vromant & Co., Bruxelles. (Pr. 10 frcs.)
Das Studium der mittelalterlichen Kunst, nament-
lich der gotischen Architektur wird im Nachbarlande
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