Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 237
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1906. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Frühgotische Balkendecken- und Wand-Malerei
aus einem Kölner Wohnhause.

(Mit 3 Abbildungen )



as im Jahre 18119 dem Abbruch
verfallene Haus Nr. 67 am Holz-
markt zu Köln hatte in seinem
Äußeren wenig Bemerkenswertes,
nur eine Reihe breiter Fenster und ein hoher
Giebel zeichneten es vor den übrigen Ge-
bäuden der Straßenzeile aus, welche in ihrer
Mitte die enge, von zahlreichen Stützbogen
überspannte Holzgasse einschlössen. Nichts
zeigte die Front des Hauses mehr von dem
früheren stattlichen Gewände, das uns in der
Woensamschen Rheinansicht der Felix Agrip-
pina nobilis Romanorum Colonia vom Jahre
1531 erhalten ist; überraschend dagegen wirkte
nach Durchschreiten des 24 ;/; tiefen Hauses
der zwischen diesem und einem Hintergebäude
gelegene Hof. Auf der Nordseite verband
die Stockwerke beider Baulichkeiten eine auf
Säulen ruhende zierliche Holzgalerie mit schön
geschnitztem Geländer, ein Werk des XVII.
Jahrh., nach Westen hin bildete eine drei-
fache Bogenstellung der späteren Renaissance
mit darüber angebrachtem Relief den Ein-
gang zu einem geräumigen Saal, dessen Stuck-
dekor und Inschriften auf eine Benutzung
im Dienste der Rechtspflege hindeuteten. Das
städtische Hochbauamt hatte es sich angelegen
sein lassen, Relief und Bögen rechtzeitig beim
Abbruch in Sicherheit zu bringen, ersteres
den Beständen des Historischen Museums zu
überweisen, letztere als verbindende Architektur
zwischen Stapelhaus und Gartenhalle in der
Axe der Mühlengasse zu verwenden. Aber
der Abbruch sollte noch eine besondere Über-
raschung bereiten.

Bei Entfernung des Deckenputzes in dem
ersten Stockwerk des Vorderhauses machte
man dieselbe Entdeckung wie kurze Zeit vor-
her in einem Hause der Lintgasse, daß näm-
lich unter dem Stuck die vollständige alte
Bemalung des Balkenwerkes sich vorfand,
dort in den Formen des XVI. Jahrh., hier
in solchen, welche einer weit früheren Zeit
angehören. Ein bemerkenswertes Stück

deutsch-mittelalterlicher Profankunst auf dem
Gebiete der Innendekoration trat zutage.
Im ersten Stockwerk des Hauses bildete die
eng geteilte Dachbalkenlage die sichtbare

Zimmerdecke, über die ein lebhafter Farben-
schmuck verteilt war, dessen Erhaltung durch
sorgsamstes Verfahren beim Abbruch sich
ermöglichen ließ.

Die Balken aus Tannenholz, 3,70—4,20 m
lang, 16 cm breit, 33 cm hoch, sind an den
Unterflächen in roher Weise angehauen zur
Aufnahme des Pliesterwerks und des Stucks,
so daß sich nicht mehr feststellen läßt, auf
welche Weise sie hier früher ausgebildet ge-
wesen sind; die beiden Balkenseiten dagegen
zeigen dies noch vollauf im Wechsel von
ornamentaler und heraldischer Bemalung.
Die erstere (Abb. 1) stattet die Deckenfelder,
deren Breite zwischen 52 und 82 cm schwankt,
mit leichtem Rankenwerk in schwarzer Farbe
aus, die Balkenseiten versieht sie mit einer
Einteilung in Kreisausschnitten, welche durch
kleinere Dreiecke miteinander verbunden sind.
Ihre Umrahmung bildet ein 5 cm breiter, rot-
brauner Streifen, der sich in satter Färbung
sowohl gegen den weißen Grund des Kreis-
ausschnittes als auch gegen das tiefe Schwarz
der verbleibenden Balkenflächenteile kräftig
abhebt. In den letzteren, die ungefähre
Trapezform aufweisen, entwickelt sich aus der
Spitze der erwähnten Dreiecke ein flott ent-
worfenes, gut gezeichnetes Ornament, welches
dem Räume sich völlig anpaßt. Das Blatt-
werk besitzt weiße, rund ausgekerbte Rand-
flächen, von denen sich nach dem Innern
hin, die Farbe zu dunkleren Tönen abschattiert,
zu zinnoberrot, saftgrün, ockergelb, blaugrün
und violett. Die Mittelblumen über den Drei-
ecken erscheinen abwechselnd weiß und gelb.
Zur Belebung der kleinen schwarzen Räume
zwischen Ornamenten und Umrahmung sind
Punkte und kleine Ranken in weißer Farbe
aufgemalt.

Die Kreisausschnitte werden von phan-
tastischem Figurenwerk ausgefüllt, das Tiere
und Fratzenwerk zum Gegenstand der Dar-
stellung hat: Widder, Schaf, Bock, Hirsch
und Adler, kämpfende Hähne, gegeneinander
rennende gewappnete Hasen, Menschenköpfe
in manchen kaum denkbaren Verbindungen
mit Pferden, Greifen, Schlangen, Löwen,
Füchsen, Eseln, einfach und mehrfach ver-

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