Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 347
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1906.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 11.

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Papierschablonen von genau derselben
Zeichnung wurden übrigens mit Seide sehr
verschiedener Farbenstellung bedeckt, so daß
sich mit einfachen Mitteln reiche Abwechslung
ergab. Manche Einzelfiguren wurden zur
Sicherung rückwärts noch mit einer Papier-
schichte beklebt.

Auf der letzten Darstellung endlich sieht
man die Papierränder bereits mit Seide über-
stickt und noch mit weiteren Formen (Schnür-
chen, Metall-Lamellen u. a.) benäht.

Die Nähseide wurde übrigens, wie man an
erhaltenen Stücken deutlich erkennen kann,
gleichfalls aus den besprochenen Bändern
durch Ausziehen des farbigen Schusses ge-
wonnen. Man hatte so die Möglichkeit, genau
die Farben für die Stickseide zu erhalten, die
den zur Verwendung gelangenden Bändern
entsprachen.

Fast rührend ist es zu sehen, mit welcher
Liebe und Sorgfalt die Stickseide aufgewickelt
wurde, wobei sich durch kunstvolles und
zugleich sehr zweckmäßiges Abwechseln im
Legen der Fäden auf den quadratischen Wickel-

papieren einfache geometrische Musterungen
ergaben.

Man sieht aus allem, daß es sich um
Arbeiten handelte, die nicht gewerbsmäßig
und gleichgültig möglichst rasch abgefertigt
wurden, sondern um eine Beschäftigung, mit
der man sich und anderen Freude bereiten
und zugleich in bescheidenem Wirkungskreise
in Ehrlichkeit und Liebe eine wirklich wohl-
gefällige Tat ausüben wollte.

Trotzdem glaube ich, daß diese Technik
nicht nur eigenartige Reize hervorzurufen ver-
mag, wie sie auf anderem Wege kaum erreicht
werden können, sondern daß diese Wirkung auch
ohne unverhältnismäßige Mühe erlangt wird;
dies besonders, wenn eine vernünftige Arbeits-
teilung stattfindet. Es mag sich darum auch
lohnen, Versuche in dieser Art heute zu wieder-
holen. Gerade bei Stücken, die in die Ferne
wirken sollen, ist diese Technik besonders
empfehlenswert und darum in alter Zeit auch
sehr gerne für kirchliche Arbeiten verwendet
worden.

Wien.

Moritz Dreger.

Bücherschau.

Studienaus KunstundGeschichte. Friedrich
Schneider zum siebzigsten Geburtstage gewidmet
von seinen Freunden und Verehrern. Mit Friedrich
Schneiders Porträt nach einer Radierung von Peter
Halm, 18 Tafeln in Lichtdruck und 25 in Auto-
typien u. a. — Herder, Freiburg 1906. (Preis in
Leinw. geb. 50 Mk.)
Dieser Prachtkodex, von dem nur 150 Exemplare
in den Handel gelangen, paßt sich als Huldigung
für den gefeierten Prälaten der Eigenart desselben
in einer bewunderungswürdigen Weise nach allen
Richtungen an, namentlich hinsichtlich der überaus
vornehmen Ausstattung, die Schneider stets in be-
sondere Pflege genommen hat, wie hinsichtlich der
Auswahl der Beitragenden und ihrer Beiträge. Auf
Einladung von Prof. Sauer, der mit jugendlicher
Begeisterung und Hingebung den frischen Vorspann
übernahm für den glanzvollen Festzug zu Ehren des
Altmeister«, haben 51 Gelehrte 52 teils kürzere, teils
längere, zum Teil illustrierte Abhandlungen geliefert
über mancherlei kunstgeschichtliche, archäologische
und lokalhistorische Themen, die zumeist durch Rück-
sichten auf die wissenschaftlichen Neigungen des
Gefeierten, wie auf seinen Geburts- und Wohnort
Mainz ausgewählt erscheinen. — Sie sind dem kirch-
lichen wie dem profanen Kunstgebiete der Architek-
tur, Plastik, Malerei, dem Buchdruck entlehnt, dem
Mittelalter wie der späteren Zeit, und auch an prinzi-
piellen Erörterungen wie an biographischen Leistungen
fehlt es nicht. — Die Verfasser gehören den ver-

schiedensten Lebenssphären an, für welche die Be-
ziehungen der Verehrung gegen den weithin bekannten,
vielfach konsultierten Domherrn den Vereinigungs-
punkt schufen, in Verbindung mit den vermöglichen
Gönnern, welche die glänzende Ausstattung als ein
Homagium betrachteten. — Universitätsprofessoren
und Museumsdirektoren, Künstler und Literaten, ältere
Herren und junger Nachwuchs haben zu diesem Riesen-
strauss die Blumen geliefert, von denen jede als dieses En-
sembles würdig bezeichnet werden darf, die Mehr-
zahl als kostbar im Sinne wertvoller Gedanken und
neuer Ergebnisse. — Aus der Fülle dieser BiUten,
deren Aufzählung hier leider unausführbar ist, möge
nur eine herausgezogen werden, nicht nur weil sie
dem Herausgeber zu danken ist: Das Sposalizio der
hl. Katharina von Alexandrien.ein Beitrag zur Monogra-
phie der Heiligen und zur Geistesgeschichte des späteren
Mittelalters von Joseph Sauer; eine feinsinnige Studie.
Zur „Einführung* dient, im Anschluss an das
vortreffliche Porträt, das Eulogium von Sauer, wie
die von Hensler besorgte bibliographische Zusammen-
stellung der ausserordentlich zahlreichen Veröffent-
lichungen Schneiders, um ihn als Schriftsteller zu
charakterisieren. — Daß sich um einen Priester bei so
persönlicher Veranlassung ein solcher Kreis illustrer
Kunstforscher gruppierte, ist ein erfreulicher Beweis
für die Gemeinsamkeit der Ziele auf diesem jetzt so
flüssigen Gebiete, wie für die Objektivität derjenigen,
die sich ihm geweiht haben. — Ad multos annos!

Sc h II ii t J,r r II.
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