Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 353
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Abhandlungen.

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„Frühholländer."

Eine Rezension mit Lichtdruck (Tafel VI).

ie Kunst der Frühzeit
in den nördlichen
Territorien der Nie-
derlande hat bis vor
kurzem Forscher und
Kenner nicht in ähn-
lichem Maße wie die gleichzeitigen
Meister von Brügge und Gent, Löwen
und Antwerpen beschäftigt. Neben
der reichen Fülle von Schöpfungen der
vlämischen Malerei, die es gestattet, die Ent-
wickelung dort durch das XV. und XVI. Jahrh.
kontinuierlich zu verfolgen, sind die Denk-
male der holländischen Schilderkunst nur spär-
lich erhalten und weithin zerstreut. Die
Altartafeln und Votivbilder danken es meist
bloß einem glücklichen Zufall, wenn sie die
finsteren Tage der Bilderstürme und des
herrschenden Calvinismus überdauerten. Nur
wenige dieser Reste einer regen Produktion
wurden der Heimat zurückgewonnen und
traten dort aus ihrer Verborgenheit hervor.
Im fernen Ausland leuchtete bisweilen ein
holländischer Autorname in Verbindung mit
einem Malwerk von starker Sonderart auf und
beweist, daß die Machthaber des XVII. Jahrh.,
Rembrandt und Jakob van Ruisdael, Jan Ver-
meer und Pieter de Hooch, Frans Hals und
Jan Steen, Terborch und Metsu, auf eine lange
Ahnenreihe zurückblicken konnten. In der
„Auferweckung des Lazarus", welche i889 in
Genua für das Berliner Museum erworben
wurde, erkannte man eine Komposition des
von Karel van Mander als Landschaftsmaler
hochgepriesenen Albert v. Ouwater,') eine
Altartafel, beiderseitig bemalt, im Hofmuseum
zu Wien ist die einzige beglaubigte Leistung
des Geertgen tot Sint-Jans, Gemälde des Jakob
Cornelisz. van Oostzanen fand man zuerst
in Kassel und Neapel,2] ein frühes Meister-

') W. Bode im »Jahrbuch der Kgl. Preuss. Kunst-
sammlungen« XI (1890) S. 35.

2) L. Scheibler im »Jahrbuch der Kgl. Preuss.
Kunstsammlungen« III (1882) S. 13.

werk des Jan van Scorel steht in der Pfarr-
kirche zu Ober-Vellach, die Arbeiten des Juan
d'Olanda in Palencia und des Jan Joest in
Calcar geben einen Begriff von der Art der
Haarlemer Malerschule im Beginn des
XVI. Jahrh. Nur durch scharfsinnige Plai-
doyers moderner Kritiker gelangte Jan Mostaert,
der Hofmaler der Margareta von Österreich,
wieder in den Besitz seines in alle Winde zer-
streuten Lebenswerkes. Von der unerschöpf-
lichen Erfindungskraft des holländischen Genius
schon in der Frühzeit zeugen allenthalben die
Stiche des Lucas van Leyden in ihrer an-
schaulichen Schilderung mannigfacher Szenen,
der Menge von Beobachtungen und Episoden.
Stammeseigentümlichkeiten, die sich aus
Sprache und Literatur erweisen, fanden früh
ihren Ausdruck auch im künstlerischen
Schaffen. Eine gewisse naturwüchsige Auf-
fassung, die am Tatsächlichen, Selbstgesehenen
haftet, ist nicht wohl mit dem Streben nach
weltfremder vollendeter Formenschöne oder
dem hohen Pathos der Tragödie vereinbar.
Auch was die Maler und Stecher Hollands
in ihren Bildern bieten, sind lebensechte
Historien, Anekdoten, sinnvolle Fabeln, kernige
Sinnsprüche und Nutzanwendungen. Die
Wirklichkeit drängt sich mit ihrem platten All-
tagswesen auch in erhabene und heilige Vor-
stellungen. Sittenstück, Bildnis und Land-
schaft entsprachen am meisten dieser Rich-
tung. Bei der überzeugenden Verdeutlichung
eines Herganges oder einer schlichten Situation
entwickelt sich der Sinn für Humor und In-
timität, für Stimmungen, welche bei dem Ein-
druck der Szene mitklingen. Die Begeben-
heiten aus Evangelien und Legenden verlegt
man gern an bekannte Stätten, in die eigene
behagliche Bürgerstube, in den Schloßgarten
adeliger Landsitze, in den Chor der Pfarr-
kirche oder vor die Tore der Heimatstadt.
Jede Gestalt der heiligen Geschichte wird am
liebsten gleich als Porträt aufgefaßt; Besteller,
Freunde, Bruderschaftsmitglieder, Pilger-
genossenschaften werden unmittelbar in die
biblischen Darstellungen scharenweis aufge-
nommen. Gerade bei den Holländern kon-
trastieren lebensfrohe, gemütvolle Züge und
diese Unmittelbarkeit der Konzeption oft in
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