Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 379
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1906. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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„XXVI. Thidericus nobilis, natus de
Yseneborch . . . Hie anno domini . m . cc.
XXV. in die beate Marie Magdalene primum
Iapidem nove ecclesie Monasteriensis posuit
et ipsum diem celebrare instituit. (Unde et
hi versus in paradiso sunt depicti:

Gaudeat ecclesia cum peccatrice Maria

Hunc celebrando diem, quem primus ob eius amorem

Primum sortitus pacis eultor Theodoricus

Hie fecit celebrem, quo nostrae sedis honorem,

Huic operi iapidem primum posuit pater idem.

Anno gratia . m. cc . XXV. die festo
Magdalenae.)

Et fertur, quod in die Mariae Magdalenae
fuerit natus et tali die in episcopum electus
et tali die mortuus."

[26. Thiderich, Edeler, geborener von Ysenburg . . .
Dieser legte im Jahre des Herrn ] 225 am Tage der
heiligen Maria Magdalena den ersten Stein der neuen
Münsterschen Kirche und bestimmte, diesen Tag zu
feiern. (Deswegen sind auch im Paradies folgende
Verse aufgemalt:

Es freue sich die Kirche mit der Sünderin Maria
Bei der Feier dieses Tages, welchen zuerst aus Liebe

zu ihr
Der Friedenspfleger Theodorich hier berühmt machte
An dem dieser Vater den ersten Stein zu diesem

Werke legte,
Unseres Sitzes Ehre.

Im Jahr der Gnade 1225 am Festtage Magdalenas.

Und es wird erzählt, daß er am Tage Maria
Magdalena geboren gewesen ist und am gleichen
Tage zum Bischof erwählt und am gleichen Tage
gestorben.]

Der Vers fehlt heutzutage im Paradies.
Da die Gestalt des Bischofs aber durch den
Grundstein wie durch das Spruchband und
den verschwundenen Vers als die Dietrichs
von Ysenburg erwiesen ist, so läßt sich die
Zeitstellung dieser Münsterschen Standbilder
— es sind vier gleichaltrige, Dietrich von
Ysenburg, die heilige Magdalena, der heilige
Laurentius und ein unbekannter Ritter —
ebenfalls näher bestimmen.

1 265 wird der Dom unter Bischof Gerhard
von der Mark eingeweiht. Dieser letztere
stirbt 1 277. Vor ihm waren noch drei andere
Bischöfe während des Baues gestorben:
Ludolf 1247, Otto 1259 und Wilhelm 1260.
Keiner dieser vier Bischöfe hat in dem Paradies
ein Standbild erhalten. Der aufgemalte Vers
gedenkt keines derselben, nicht einmal des-
jenigen, der den Bau vollendet hat und 1277
gestorben ist. Diese Standbilderreihe kann
also zum mindesten nicht nach 1277 ent-
standen sein. Ihre Herstellung ist zwischen
1226, dem mutmaßlichen Todesjahr Dietrichs,
und 1277 erfolgt; höchstwahrscheinlich unter
dem ersten Nachfolger, also vor 1247.

Damit stimmt das Ornament der Kapitelle
und die Standbilder ordnen sich richtig in
die früher angegebene Reihenfolge ein.

Grunewald.

Max Hasak.

Bücherschau.

Königliche Museen Berlin. — Die Gewebe-
sammlung des K. Kunstgewerbemuseums.
Im amtlichen Auftrage herausgegeben von Julius
Lessing. Verlag von Ernst Wasmuth in Berlin. —
Von diesem monumentalen Werke (welches hier
bereits Bd. XIII, Sp. 349/350 angezeigt wurde)
ist soeben das IX. Heft erschienen, dem das
SchlulJheft nicht unmittelbar, wie früher vorgesehen
war, sondern, gemäß neuer Bestimmung, erst als
XII. folgen soll.
Das neueste Heft (welches, wie alle anderen
30 Großfoliotafeln, zur Hälfte Farben- und Licht-
drucke umfaßt) hat den Vorzug, den vielbesprochenen
Aachener Elefantenstoff in Lichtdruckrepro-
duktion ganz, also mit den vier gleichen Kreisen, in
farbiger Reproduktion einen Kreis, mit einem
Teil des folgenden, mithin auf Doppeltafel den ganzen
Rapport in natürlicher Größe zu bringen.
Man braucht diese über jedes Lob erhabenen Ab-
bildungen, das vollendete Ergebnis der fast ein Jahr-
zehnt währenden chromophotographischen Arbeiten
im Berliner Kunstgewerbemuseum, nur zu vergleichen

mit der Farbentafel IX in Bd. II der »Melanges
d'Archcologie« von Cahier et Martin, Paris 1851, die
für die damalige Zeit recht gut war. um die absolute
Notwendigkeit neuer Aufnahmen zu erkennen, widrigen-
falls dieser hinsichtlich seiner schweren Bindung,
seiner monumentalen Zeichnung, seiner ungewöhn-
lich reichen (aus Dunkelrot, Gelbgrau, Weiß, Violett,
Hellblau, Grün bestehenden) Färbung aus dem großen
Werke hätte ausgeschlossen werden müssen. Als
Ursprungszeit wird für dieses, durch die eingewebte,
noch nicht erschöpfend gedeutete Inschrift als byzan-
tinisch gewährleistete Gewebe 814 oder 1000, also
das Todesjahr Karls des Grolien oder das Eröffnungs-
jahr seines Grabes, angegeben. Am nächsten dürfte
es liegen, an das letzte Viertel des X, Jahrh. zu
denken, in dem die 971 von Konstantinopel über-
gesiedelte Kaiserin Theophanu ihrem Sohne Otto III.
diesen kostbaren Stoif vielleicht als Grabdecke für den
hohen Ahnherrn schenkte. — Möge es dem unermüd-
lichen Sammler für sein großes Werk vergönnt sein,
dasselbe bald zum Abschluß zu bringen, mit Einschluß
des Textbandes, in dem die gerade dieses, von so
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