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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

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Palatini Graeci – Die griechischen Handschriften der Bibliotheca Palatina

Zu den insgesamt ca. 2.700 Handschriften der Bibliotheca Palatina, die bis heute in den Tresoren der Biblioteca Apostolica Vaticana (BAV) aufbewahrt werden, gehören knapp 400 griechische Kodizes, die zwischen dem 9. und dem Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden sind.

Der Fonds umfasst die gesamte Bandbreite griechischer Handschriftenkultur, ausgehend von der frühchristlichen Periode bis zur Frühen Neuzeit. Vertreten sind neben historischen, philosophischen, theologischen und rechtswissenschaftlichen Texten vor allem literarische Werke. Die Sammlung legt ein nachhaltiges Zeugnis der griechischen Kultur von der klassischen bis zur byzantinischen Zeit ab.

Die überlieferten Textzeugen klassischer Autoren, wie beispielsweise Plato und Aristoteles, Sophokles oder Euripides belegen, dass diese Werke im Mittelalter wieder und wieder kopiert und vervielfältigt wurden, um das Erbe der Antike zu bewahren. Wissenschaftler und Philologen aus der Zeit des Humanismus, die mit ihrer Arbeit dazu beitrugen, dass seit dieser Zeit das Griechische - neben dem Latein - einen selbstverständlichen Platz im Kanon der Wissenschaften innehatte, sind ebenfalls mit vielen ihrer Texte unter den griechischen Handschriften der Bibliotheca Palatina zu finden. Dies ist nicht zuletzt ein Beleg dafür, dass im 16. und frühen 17. Jahrhundert in Heidelberg ein großes wissenschaftliches Interesse an griechischen Texten und griechischer Kultur bestand.

Mit dem von der Polonsky Foundation finanzierten Digitalisierungs- und Erschließungsprojekt der Palatini graeci soll das Wissen über diesen Teil des europäischen Handschriftenerbes für kommende Generationen gesichert und ohne Zugangsbeschränkungen nutzbar gemacht werden.

Provenienzen

Der größte Teil der griechischen Handschriften, die heute zur Bibliotheca Palatina gezählt werden, stammt aus dem Besitz des Augsburger Patriziers Ulrich Fugger (1526-1584). Als zum Protestantismus übergetretenes Mitglied einer katholischen Familie und da er u.a. aufgrund seiner zahlreichen Buchankäufe große Schulden angehäuft hatte, musste er seine Heimatstadt verlassen und übersiedelte 1564 nach Heidelberg, wohin Kurfürst Friedrich III. ihn eingeladen hatte. Drei Jahre später folgte ihm seine Bibliothek, die ca. 500 Pergament-, ca. 800 Papierhandschriften und rund 8.200 Drucke enthielt. Die insgesamt 86 Transportkisten wurden bis zur ersten Öffnung 1571 auf den Emporen der Heiliggeistkirche aufbewahrt. Eine Abschrift des notariell beglaubigten Originalinventars hat sich im Vatikan unter der Signatur BAV, Cod. Pal. lat. 1921 erhalten. Viele der Bücher lassen sich durch eine spezifische “Fugger-Signatur” und eine Rötelnummer, die meist auf den Vorsatzblättern eingetragen wurden, eindeutig identifizieren. Die Büchersammlung ging mit Fuggers Tod 1584 endgültig in den Besitz der Pfälzer Kurfürsten über und wurde in der Folge ein Teil der Bibliotheca Palatina.

Fugger hatte seine Handschriften aus unterschiedlichen Quellen (Vorprovenienzen) erworben, die oft durch entsprechende Einträge in den Handschriften zu identifizieren sind. Eine alphabetische Auflistung der griechischen Bücher mit Angabe der Provenienzkürzel von der Hand des aus Bunzlau stammenden Juristen Martin Gerstmanns (1527-1585) hat sich in BAV, Pal. lat. 1950, fol. 183r-194v erhalten.

Mane. / Maneti

Aus dem Besitz des Florentiner Humanisten Giannozzo/Iannotius Manetti (1396-1459) und seines Sohnes Angelo/Agnolo Manetti (1432-1479) stammen ca. 40 griechische, etwa ebenso viele hebräische und über 140 lateinische Handschriften. Bezeichnet werden sie mit dem Kürzel Mane. oder mit Maneti. Die Bibliothek Manettis gilt als eine der bedeutendsten Renaissance-Bibliotheken Italiens und enthält neben den eigenen Werken des berühmten Philologen und Historikers auch einen repräsentativen Querschnitt der humanistischen Literatur des italienischen Quattrocento. Die Handschriften gelangten um 1550 an Fugger.

Egn. / egna.

Mit Egn. oder egna. werden die 73 griechischen Handschriften aus dem Vorbesitz des italienischen Humanisten und Dichters Giovanni Battista Cipelli (1478-1553), genannt Egnatius, bezeichnet, die kurz nach dessen Tod für Ulrich Fugger in Venedig erworben wurden (vgl. Lehmann, Fuggerbibliotheken I, S. 95f.). Eigentlich war sein Buchbesitz für das dortige Kloster S. Giorgio Maggiore bestimmt. Die zum Teil sehr alten Manuskripte (magna ex parte antiquissimi) wurden von Gerstmann in einem Spezialkatalog erfasst (BAV, Pal. lat. 1925, fol. 103v-106v).

Hen. / Henr.

Für die mit Hen. bzw. Henr. gekennzeichneten Manuskripte kann keine eindeutige Aussage bezüglich der Provenienz getroffen werden. Hier wurden bislang zwei Vorschläge zur Identifikation des Vorbesitzers gemacht, die beide davon ausgehen, dass es sich um ein Kürzel des Vornamens Heinrich/Henricus/Henri handelt: Zwischen 1558 und 1568 hatte Henri Estienne (1531-1598), protestantischer Buchdrucker, Philologe und Humanist aus Frankreich, enge Beziehungen zu Fugger. Er durfte u.a. Handschriften aus der Bibliothek Fuggers nutzen, um sie in seiner Offizin zu drucken.

Ungefähr zur selben Zeit hielt sich auch der Schotte Henry Scrimger (1506-1572), Jurist und Philosoph, auf Einladung Fuggers in Augsburg auf, wo er selbst eine umfangreiche Bibliothek mit Drucken und Handschriften aufbaute (Lehmann, Fuggerbibliotheken I, S. 132-153). Von 1553 bis 1563 arbeitete er für Fugger und erwarb u.a. in Italien zahlreiche Handschriften für ihn.

Cyp.

Das Kürzel Cyp. bezieht sich auf Hieronymus Tragodistes Cyprius. Schon 1555 hatte der aus Zypern stammende Tragodistes den Ankauf von mindestens 98 griechischen Handschriften für Ulrich Fugger vermittelt. Er selbst ist mehrfach als Besitzer bedeutender griechischer Codices und auch als Kopist nachweisbar (Lehmann, Fuggerbibliotheken I, S. 112f.)

seors.

Handschriften, die als Einzelankäufe bzw. aus nicht mehr nachvollziehbaren Quellen in Fuggers Sammlung kamen, sind durch das Kürzel seors. für lat. seorsum, abgesondert, gekennzeichnet.

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