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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

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Cod. Pal. germ. 339: Wolfram von Eschenbach „Parzival“

Wolfram von Eschenbach

Das Bild Wolfram von Eschenbachs in der Manessehandschrift.Wolfram von Eschenbach (ca. 1170-1220), offenbar ein Berufsdichter, stammte nach eigener Aussage aus Bayern. Über seine soziale Herkunft existieren nur Vermutungen. Er konnte wahrscheinlich sowohl Französisch als auch Latein und besaß Kenntnisse auf allen Gebieten der mittelalterlichen Wissenschaft. Dabei behauptete er im "Parzival" von sich selbst, er könne weder lesen noch schreiben. Aber seine Werke gelten als Höhepunkt der mittelalterlichen, deutschsprachigen Dichtkunst.

Der "Parzival" entstand vermutlich um 1200-1210. Er gehört zu den am meisten gelesenen Werken des Mittelalters und ist in mehr als 80 Handschriften überliefert. Sechs davon sind mit Illustrationen geschmückt. Alleine drei dieser illustrierten Codices stammen aus der Werkstatt Diebold Laubers.

Der „Parzival“

Das Gastmahl der Königin Belakane für Gahmuret (fol. 27r).Der Roman spielt zur Zeit des Königs Artus und erzählt die Geschichte der Tafelritter Gawan und Parzival. Sie beginnt mit dem Geschehen um Parzivals Vater Gahmuret und seine beiden Ehefrauen, den Königinnen Belakane und Hertzeloyde. Beide bringen Söhne zur Welt, Feirefiz, den Heiden, und Parzival, den Christen. Letzterer wächst nach Gahmurets Tod auf Wunsch von Hertzeloyde fern von jeglichen ritterlichen Einflüssen in der Wildnis auf.

Parzival besiegt einen Ritter im Lanzenstechen (fol. 131r).Diese behütete Jugend kann dennoch nicht verhindern, daß in Parzival der Wunsch entsteht, Ritter zu werden. Der naive Held verläßt seine Mutter, die daraufhin vor Gram stirbt. Er erreicht nach einigen Abenteuern den Artushof, tötet dort den Roten Ritter Ither, einen Verwandten, und gewinnt dessen Rüstung. König Gurnemanz bringt Parzival Können und Tugenden eines Ritters bei. In Belrapeire befreit und heiratet der junge Held Königin Condwiramur.

Gawan reitet mit Orgeluse weg (fol. 449v).Auf der Suche nach neuen Abenteuern kommt Parzival schließlich zur Gralsburg Munsalvaesche. Aus höfischer Zurückhaltung jedoch versäumt er es, den kranken Gralskönig Amfortas mit der Frage nach dessen Wohlbefinden zu erlösen. Er wird verflucht, aus der Tafelrunde ausgestoßen und verbringt mehrere Jahre mit der vergeblichen Suche nach der Gralsburg, um sein Versäumnis nachzuholen. Erst nachdem er beim Einsiedler Trevrizent, dem Bruder seiner Mutter, eine innerliche Wandlung erfahren hat und sich mit seinem Bruder Feirefiz ausgesöhnt hat, kann Parzival Amfortas die erlösende Frage stellen und wird zum Gralskönig berufen. Parallel zu Parzivals Gralssuche wird die Geschichte vom Neffen Königs Artus', Gawan, erzählt. Auch er gehört zur Tafelrunde und muß zahlreiche Abenteuer zur Verteidigung seiner eigenen ritterlichen Ehre und im Dienste der Minne bestehen. Nachdem er für die Fürstentochter Obilot gekämpft hat und von deren Vater zum Ritter geschlagen wurde, beginnt er ein Liebesverhältnis mit Antikonie. Schließlich aber bemüht er sich um die Gunst der Herzogin Orgeluse, die er nach langem Werben auch gewinnt.

Lippaut schlägt Gawan zum Ritter (fol. 271r).Die Heidelberger Handschrift Cod. Pal. germ. 339 entstand um 1443-1446 in der Werkstatt Diebold Laubers zu Hagenau und enthält 64 kolorierte Federzeichnungen. Die meist ganzseitigen Illustrationen gliedern und strukturieren den Text, so daß die wichtigsten Momente des Handlungsablaufs für den Leser mit Hilfe der Bilder nachvollziehbar sind.

Sie gewähren darüber hinaus Einblicke in das ritterliche Leben des Mittelalters. Fol. 271r zeigt einen, allerdings auf einem Mißverständnis beruhenden, Ritterschlag: Fürst Lippaut hat Gawan gebeten, ihm ritterlich im Kampf beizustehen. Aber die Formulierung der Überschrift Also ein herre des landes gerte ritterschaft an gawan den helt wird vom Illustrator falsch verstanden und das gerte ritterschaft als Ritterschlag interpretiert. So zeigt die Illustration nun, wie Fürst Lippaut von Gawan zum Ritter erhoben wird.

Bilder aus der Welt der Ritter

Kolbenturnier, bei dem Gahmuret Hertzeloyde gewinnt (fol. 44v).Auch Kampfszenen und Turniere spielen eine große Rolle in den Darstellungen. Letztere, im Grunde nichts anderes als Übungen für den Ernstfall, waren in Frankreich entstanden. Aber der Brauch breitete sich rasch über ganz Europa aus. Der Begriff kommt von lateinisch "torneamentum" oder französisch "tournoi" und meint die charakteristische Drehbewegung, welche die Ritter ausführten, wenn sie sich umdrehten, um aufeinander zu zu reiten. Turniere vollzogen sich stets nach strengen, vorher festgelegten Regeln. Dazu gehörten nicht nur die sorgfältig überwachten Kampfbestimmungen, sondern auch eine förmliche Einladung sowie Ausrufung und Ehrung des Siegers am Ende eines Turniers. In der Regel geschah diese Preisverleihung durch eine der edlen Damen, deren Anwesenheit den Kampf zum Minnedienst erhöhte. Turniere, wie der tjost – d. h. das Lanzenstechen, fanden auf besonders eingerichteten und von Schranken umschlossenen Plätzen statt. Ein solcher abgesteckter Platz findet sich z. B. auf fol. 44v. Hier wird ein Turnier mit sogenannten Streitkolben, schon im Altertum bekannten Schlagwaffen, gezeigt. Die Ritter tragen dabei besondere, eigens für den Kampf mit Streitkolben oder Schwert entwickelte Turnierhelme mit einem Gittervisier.

Der verletzte Gawan auf Schastel marveille (fol. 425v).Die Illustrationen bilden jedoch nur eine idealisierte Form der Realität ab. Turniere konnten ebenso schnell auch in tatsächliche Kämpfe umschlagen. Aber selbst bei einem friedlichen Ende zogen sich die Ritter ernste Verletzungen zu, die unter Umständen zu ihrem Tode führten. Die Bilder des Cod. Pal. germ. 339 geben in der Regel nur die Sieger wieder. Sie zeigen ritterliches Leben, so wie wir es uns heute noch vorstellen und drücken in Bildern aus, was wir meinen, wenn wir davon reden, jemanden „auszustechen“, „in die Schranken zu weisen“ oder „aus dem Sattel zu heben“.

Literatur

  • Adelung, Gedichte
    Adelung, Friedrich: Altdeutsche Gedichte in Rom oder fortgesetzte Nachrichten von Heidelbergischen Handschriften in der Vatikanischen Bibliothek, Königsberg 1799, S. 21-28
  • Adelung, Nachrichten
    Adelung, Friedrich: Nachrichten von altdeutschen Gedichten, welche aus der Heidelbergischen Bibliothek in die Vatikanische gekommen sind. Nebst einem Verzeichnisse derselben und Auszügen, Königsberg 1796, S. 24, No. 339.
  • Bartsch, Handschriften, 1887
    Bartsch, Karl: Die altdeutschen Handschriften der Universitäts-Bibliothek in Heidelberg (Katalog der Handschriften der Universitätsbibliothek in Heidelberg 1), Heidelberg 1887, Nr. 167.
  • Becker, Mittelhochdeutsche Epen
    Becker, Peter Jörg: Handschriften und Frühdrucke mittelhochdeutscher Epen. Eneide, Tristrant, Tristan, Erec, Iwein, Parzival, Willehalm, Jüngerer Titurel, Nibelungenlied und ihre Reproduktion und Rezeption im späteren Mittelalter und in der frühen Neuzeit, Wiesbaden 1977, S. 80-83, Nr. 3.
  • Benziger, Parzival
    Benziger, Karl J.: Parzival" in der deutschen Handschriftenillustration des Mittelalters. Eine vergleichende Darstellung des gesamten vorhandenen Bildmaterials unter besonderer Berücksichtigung der Berner Handschrift Cod. AA. 91 (Studien zur deutschen Kunstgeschichte 175), Straßburg 1914.
  • Bumke, Eschenbach, 1997
    Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, 7., völlig neu bearbeitete Auflage (Sammlung Metzler 36), Stuttgart/Weimar 1997.
  • VL (2) Bd. 10, Sp. 1376-1418 (bes. Sp. 1381-1397), (Joachim Bumke)
    Bumke, Joachim in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Zweite völlig neu bearbeitete Auflage, Berlin/ New York 1978ff. (VL2), Bd. 10, Sp. 1376-1418.
  • Fechter, Kundenkreis 1938
    Fechter, Werner: Der Kundenkreis des Diebold Lauber, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen Heft 3, 55, 1938, S. 121-146, bes. S. 132.
  • Flood, Strassburger 'Parzival', 1989
    Flood, John L.: Johann Mentelin und Ruprecht von Pfalz-Simmern. Zur Entstehung der Straßburger ‚Parzival‘-Ausgabe vom Jahre 1477, in: Gärtner, Kurt / Heinzle, Joachim (Hrsg.): Studien zu Wolfram von Eschenbach. Festschrift für Werner Schröder zum 75. Geburtstag, Tübingen 1989, S. 197-209, bes. S. 202f.
  • Hanauer, Lauber, 1995
    Auguste Hanauer, Diebolt Lauber et les calligraphes de Haguenau au XVe siècle, in: Revue catholique d'Alsace N. F. 14, 1895, S. 411-427; 481-493, 563-576.
  • Kautzsch 1895
  • Killy, Literaturlexikon Bd. 12, S. 413-419 (bes. S. 425-440), (Christian Kieninig)
    Kiening, Christian in: Killy, Walther (Hrsg.): Literaturlexikon, Autoren und Werke deutscher Sprache, Gütersloh 1988ff., Bd. 12, S. 413-419, 425-440 (Bildteil).
  • Lachmann, Eschenbach Bd. 1, 7. Ausgabe
    Lachmann, Karl (Hrsg.): Wolfram von Eschenbach, Bd. 1: Lieder, Parzival und Titurel, 7. Ausgabe, neu bearbeitet und mit einem Verzeichnis der Eigennamen und Stammtafeln versehen von Eduard Hartl, Berlin 1952.
  • Martin, Parzival und Titurel
    Martin, Ernst (Hrsg.): Wolframs von Eschenbach Parzival und Titurel, 1. Teil: Text (Germanistische Handbibliothek 9.1), Halle/ Saale 1900 (teilweise fehlerhafte Angaben).
  • Mittler / Werner
    Mittler, Elmar/ Werner, Wilfried (Hrsg.): Mit der Zeit. Die Kurfürsten von der Pfalz und die Heidelberger Handschriften der Bibliotheca Palatina, Wiesbaden 1986, S. 87, Nr. 15, Abb. S. 86 (Bl. 185v).
  • Nellmann / Kühn, Parzival, 1994
    Nellmann, Eberhard / Kühn, Dieter (Bearb.): Wolfram von Eschenbach "Parzival". Nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann, übertragen von Dieter Kühn (Bibliothek deutscher Klassiker 110/ Bibliothek des Mittelalters 8.1 und 8.2), 2 Bände, Frankfurt/ M. 1994.
  • Ott, Parzival-Stoff
    Ott, Norbert H. : Zur Ikonographie des Parzival-Stoffs in Frankreich und Deutschland. Struktur und Gebrauchssituation von Handschriftenillustration und Bildzeugnis, in: Heinzle, Joachim/ Johnson, Peter L./ Vollmann-Profe, Gisela (Hrsg.): Probleme der Parzival-Philologie, Marburger Kolloquium 1990 (Wolfram-Studien. Veröffentlichungen der Wolfram von Eschenbach-Gesellschaft 12), Berlin 1992, S. 119-132.
  • Ott, Druckgraphik, 1992
    Ott, Norbert H.: Auf dem Wege zur Druckgraphik. Illustration deutschsprachiger Handschriften des Spätmittelalters und ihre Beziehungen zu Holzschnitt und Kupferstich, in: Exlibriskunst und Graphik. Jahrbuch der Deutschen Exlibris-Gesellschaft 1992, S. 5-17, bes. S. 6f. und Abb. 1.
  • Ott 1995
    Ott, Norbert H.: Die Handschriften-Tradition im 15. Jahrhundert, in: Tiemann, Barbara (Hrsg.): Die Buchkultur im 15. und 16. Jahrhundert (Veröffentlichung der Maximilian-Gesellschaft. Jahresgabe der Maximilian-Gesellschaft) 1. Halbband, Hamburg 1995, S. 47-124, bes. S. 96.
  • Saurma-Jeltsch, Bilderhandschriften
    Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Wiesbaden 2001, Bd. 1, S. 71-87, 109, 112f., 120, 130 & 137, Bd. 2, S. 65f., Nr. 43, Abb. 162 (Bl. 62v).
  • Saurma-Jeltsch, Erzählweise
    Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Zum Wandel der Erzählweise am Beispiel der illustrierten deutschen Parzival«-Handschriften, in: Heinzle, Joachim/ Johnson, Peter L./ Vollmann-Profe, Gisela (Hrsg.): Probleme der Parzival-Philologie, Marburger Kolloquium 1990 (Wolfram-Studien. Veröffentlichungen der Wolfram von Eschenbach-Gesellschaft 12), Berlin 1992, S. 124-152.
  • Saurma-Jeltsch, Brüsseler Tristan, 1999
    Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Der Brüsseler Tristan: Ein mittelhochdeutsches Haus- und Sachbuch, in: Ertzdorff, Xenja von (Hrsg.): Tristan und Isolt im Spätmittelalter. Vorträge eines interdisziplinären Symposium vom 3. Bis 8. Juni 1996 an der Justus-Liebig-Universität Gießen (Cloe. Beihefte zum Daphnis 29), Amsterdam/ Atlanta 1999, S. 247-301.
  • Schirok, Parzivalrezeption
    Schirok, Bernd: Parzivalrezeption im Mittelalter (Erträge der Forschung 174), Darmstadt 1982.
  • Schirok, Litterae 67
    Schirok, Bernd (Hrsg.): Wolfram von Eschenbach 'Parzival'. Die Bilder der illustrierten Handschriften (Litterae 67), Göppingen 1985.
  • Stamm-Saurma, Zuht und wicze
    Stamm-Saurma, Liselotte E.: Zuht und wicze. Zum Bildgehalt spätmittelalterlicher Epenhandschriften, in: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 41, 1987, S. 42-79 (mit zahlreichen Abbildungen).
  • Stephan-Chlustin, Anne: Artuswelt und Gralswelt im Bild. Studien zum Bildprogrammm der illustrierten Parzival-Handschriften (Imagines Medii Aevi. Interdisziplinäre Beiträge zur Mittelalterforschung, Bd. 18), Wiesbaden 2004, bes. S. 60-67.
  • Traband 1982
    Traband, Gérard: Diebolt louber schriber zu hagenowe. In: Etudes haguenoviennes N.F. 8, 1982, S. 51-92.
  • Ulzen, Parzival
    Ulzen, Uta (Hrsg.): Wolfram von Eschenbach 'Parzival'. Abbildungen und Transkriptionen zur gesamten handschriftlichen Überlieferung des Prologs (Litterae 34), Göppingen 1974.
  • Wegener 1927
    Wegener, Hans: Beschreibendes Verzeichnis der deutschen Bilder-Handschriften des späten Mittelalters in der Heidelberger Universitäts-Bibliothek, Leipzig 1927, S. 46.
  • Wilken 1817
    Wilken, Friedrich: Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelbergischen Büchersammlungen. Nebst einem Verzeichniß der aus der pfaelzischen Bibliothek im Vatican an die Universität Heidelberg zurückgegebenen Handschriften, Heidelberg 1817, S. 416f.
  • Wolfram <von Eschenbach>, Parzival, 1998
    Wolfram von Eschenbach, Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Einführung zum Text von Bernd Schirok, Berlin/ New York 1998.
  • Zimmermann, in: Kostbarkeiten, 1999
    Schlechter, Armin (Hrsg.): Kostbarkeiten gesammelter Geschichte. Heidelberg und die Pfalz in Zeugnissen der Universitätsbibliothek (Schriften der Universitätsbibliothek Heidelberg 1), Heidelberg 1999, S. 147f., Nr. A 10, Abb. 5 (Bl. 582r).

© Ulrike Spyra, Maria Effinger, Universitätsbibliothek Heidelberg, 09/2008