Right down to the text
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Cod. Pal. germ. 323: Rudolf von Ems: 'Willehalm von Orlens'

Der hat es brocht vncz an d(a)z ort - Rudolf von Ems

Selbstnennung Rudolfs von Ems (Cpg 323, fol. 285v) Von dem wart dis mere / wie es geschehen were / Einem knaben erkant / Der ist rüdolff genant / ein dinstman zü montfort / Der hat es brocht vncz an d(a)z ort….

Der höfische Epiker Rudolf von Ems gilt als einer der gelehrtesten Autoren mittelhochdeutscher Sprache. Urkundlich jedoch läßt er sich nicht nachweisen. Kenntnis von und über ihn besitzen wir nur aus Selbstzeugnissen und Erwähnungen anderer Autoren. Er entstammte wohl einer in Hohenems im Vorarlberger Rheintal ansässigen Ministerialenfamilie. Im "Willehalm von Orlens" bezeichnete er sich selbst als dinstmann zü montfort, er stand also in Diensten der Grafen von Montfort. Seine Tätigkeit als Schriftsteller läßt sich von etwa 1220 bis in die Mitte der fünfziger Jahre des 13. Jahrhunderts belegen.

Rudolf von Ems diktiert seinem Schreiber (Cpg 323, fol. 3r)Fünf Werke, meist epischer Natur, sind von ihm bekannt: "Der guote Gerhart", der erste Roman mit einem Kaufmann als Helden, wurde für den Ministerialen Rudolf von Steinach geschaffen. "Barlaam und Josaphat" ist ein volkssprachlicher Legendenroman über das Leben Buddhas. Das unvollendet gebliebene Werk „Alexander“ über Alexander den Gr. war vermutlich als Unterweisung für die Söhne Kaiser Friedrichs II. gedacht. Rudolfs letzte Arbeit, eine "Weltchronik", zur Legitimation staufischer Machtinteressen, blieb ebenfalls fragmentarisch. Davor enstand der Minneroman "Willehalm von Orlens".

Von franckenrich yn tüsche lant – Der „Willehalm von Orlens“ 

Das 15689 Verse und fünf Bücher umfassende Epos um Minne und Heldentum gehört zu den am weitesten verbreiteten deutschsprachigen Werken des Mittelalters. Insgesamt wird es von 45 Textzeugen überliefert. Fünf dieser Handschriften enthalten Illustrationen, in zwei weiteren waren Miniaturen vorgesehen. Es handelt sich um eine Übersetzung aus dem Französischen, deren genaue Vorlage unbekannt ist. Allerdings weist der "Willehalm" inhaltlich Parallelen zum Versroman "Jehan et Blonde" des Philippe de Rémi (ca. 1205-1240) auf. Rudolf dürfte aber auch aus Gottfrieds von Strassburg "Tristan" und dem "Parzival" Wolframs von Eschenbach geschöpft haben.

R-Initiale mit Akrostichon Rudolf (Cpg 323, fol. 3r) Als Vermittler des französischen Originals nennt er einen sonst nicht nachweisbaren, schwäbischen Ministerialen namens Johannes von Ravensburg. Auftraggeber der Übersetzung war Konrad von Winterstetten, seit 1220 Verwalter des Herzogtums Schwaben, Erzieher und Berater der jungen Könige Heinrich (VII.) und Konrad IV. und politischer Ratgeber und Beauftragter Kaiser Friedrichs II. Vermutlich entstand der Roman um 1235. Der Schluß des "Willehalms" könnte ein verschlüsselter Hinweis auf den Landfrieden sein, der nach der Empörung Heinrichs (VII.) gegen seinen Vater Kaiser Friedrich II. im August 1235 beim Hoftag zu Mainz verkündet wurde. Den wichtigsten Protagonisten seines Werks aber auch sich selbst und seinem Zuträger Johannes widmet Rudolf übrigens jeweils ein Akrostichon. D. h. zu Beginn eines jeden Buches lassen sich aus den Anfangsbuchstaben der aufeinanderfolgenden Zeilen von oben nach unten die Namen der genannten Personen herauslesen.

Wer hat mich guter her gelesen – Der Inhalt

Ilyes Minnetod (Cpg 323, fol. 37v)Eingebettet in Dialoge des Autors mit Personifikationen von Frau Minne und Frau Aventure beginnt die Geschichte um den Titelhelden Wilhelm von Orlens traurig. Sein gleichnamiger Vater kommt in einem Grenzkonflikt mit Herzog Jofrit von Brabant ums Leben. Wilhelms Mutter Ilye bricht angesichts des Leichnams ihres Mannes tot zusammen. Der französische König Philippe, mit beiden eng verwandt, übergibt den Sohn seinem Neffen Herzog Jofrit zur Erziehung, damit der ehemalige Kriegsgegner für seine Schuld am Tod des Vaters büßen kann. Als der zwölfjährige Wilhelm von seiner Herkunft erfährt, beschließt er, seine Ausbildung am englischen Hof zu vervollkommnen.

Wilhelm und Amelie beim Tric-Trac (Cpg 323, fol. 75v)Er lernt Prinzessin Amelie kennen und lieben. Doch diese zögert, willigt in eine Eheschließung erst ein, wenn er zuvor seine Schwertleite empfangen und sich im Kampf bewährt habe. Wilhelm reist daraufhin nach Brabant, wird zum Ritter geschlagen und nimmt erfolgreich an zahlreichen Turnieren teil. Unterdessen will König Reinher von England Amelie mit König Avenis von Spanien vermählen. Wilhelm erhält von Amelies Page Pitipas Nachricht von der baldigen Hochzeit und reist nach England. Ein Entführungsversuch mißglückt jedoch. Wilhelm wird von einem Speer schwer verletzt. Als Sühne für sein unritterliches Verhalten muß er Reinher schwören, ins Exil zu gehen, die Speerspitze in seiner Brust nur von einer Frau königlicher Abstammung herausziehen zu lassen und zu schweigen, bis Amelie ihm das Reden erneut erlaubt. Der schwer verwundete, nun stumme Wilhelm gelangt an den Hof König Amelots von Norwegen, wo er von Prinzessin Duzabele gesund gepflegt wird.

Wilhelms Kampf mit König Girart (Cpg 323, fol. 203v)Im folgenden hilft er Amelot erfolgreich bei der Vertreibung der verbündeten Könige Wittekin, Girart und Gutschart, die in Norwegen eingefallen waren, und kurz darauf auch gegen Alan von Irland. Dieser hatte das Kloster der Äbtissin Savine auf einer benachbarten Insel überfallen. Savine, die Schwester König Reinhers, reist anschließend zu ihrem Bruder, um ihn für ihr im Krieg beschädigtes Kloster um Hilfe zu bitten. Sie trifft auf ihre vor Liebeskummer kranke Nichte Amelie. Nach deren Schilderungen erkennt sie, im am norwegischen Hof lebenden, stummen Ritter Wilhelm von Orlens. Unter dem Vorwand sie gesund pflegen zu wollen, nimmt Savine Amelie mit auf ihre Insel. 

Die Hochzeitsnacht Wilhelms und Amelies (Cpg 323, fol. 255r)Dort treffen die Liebenden aufeinander und Amelie entbindet ihren Geliebten von seinem Schweigegelübde. Doch inzwischen erhebt auch Duzabele Anspruch auf Wilhelm, weil sie ihn von seiner tödlichen Wunde geheilt hat. Da beide jedoch zu eng miteinander verwandt sind, können Wilhelm und Amelie endlich heiraten. Duzabele wird mit dem dänischen König Wittekin, Amelots Sohn mit der Tochter Alans von Irland vermählt und Graf Morant als Bote nach England geschickt, um Amelies Eltern zu informieren. Wilhelm und König Reinher versöhnen sich. Herzog Jofrit übergibt seine Herrschaft an Wilhelm und zieht sich selbst ins Kloster zurück. Wilhelm und seine beiden Söhne, Wilhelm und Jofrit, regieren schließlich über England und die Normandie sowie über den Hennegau und das Herzogtum Brabant.

Vnd hat ie d(e)z capitel sin fig(ur)e do by gemolet – Die Bilder

Bildregister (Cpg 323, fol. 1r) Der Cod. Pal. germ. 323 entstand in der vermutlich in Straßburg tätigen, sogenannten elsässischen Werkstatt von 1418. Aus diesem Atelier stammt noch eine zweite "Willehalm"-Handschrift, der Cod. HB XIII 2 der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, die allerdings mit beinahe 160 Darstellungen sehr viel reicher illustriert wurde als das Heidelberger Manuskript: Der Cod. Pal. germ. 323 enthält nur 37 kolorierte Federzeichnungen. Anders als das Verzeichnis am Anfang der Handschrift glauben machen möchte, wurde also nicht jedes Kapitel des Werks illustriert. Stattdessen hat man nur einige, wenige Szenen des „Willehalms“ für die Bebilderung ausgewählt und damit ganz bestimmten Leserinteressen Rechnung getragen. Die Bildauswahl vermittelt somit eine eigenständige Interpretation des Werks, bei der besonderen Wert auf ritterliche Sitten und Tugenden sowie die Bewährung des Helden gelegt wurde.

Deckendes Braun und Grün (Cpg 323, fol. 29r)Die Illustrationen stammen vermutlich von einer frühen Illustratorengruppe ("Gruppe I" bzw. "A"), deren stilistische Wurzeln wohl im Oberelsaß und Breisgau liegen. Wahrscheinlich wurden von diesen Künstlern auch die Darstellungen der Handschriften Hs. 232 der UB Gießen und Hs. 972 des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg ausgeführt. Auffällig ist die ausgiebige Verwendung von grüner und brauner Deckfarbe und die flächige Kolorierung, die dem heutigen Betrachter beinahe als grob und unbeholfen erscheint. Aber ein solches Werturteil ist anachronistisch. Farbe wurde vor allem nach ihrem materiellen Wert beurteilt. Der üppige Auftrag sollte die Handschrift wertvoller erscheinen lassen. Unklar ist jedoch bis heute, mit welchen Pigmenten die Illustratoren gearbeitet haben. Insbesondere die Zusammensetzung des dunklen Brauns, dessen Erscheinung sich im Laufe der Jahrhunderte vermutlich verändert hat und das mitunter auf die folgenden Blätter durchschlägt, ist noch nicht untersucht.

Die Darstellungen werden von roten Nummern und Überschriften begleitet. Letztere dienten auch den Illustratoren als Anweisungen für die Bildthemen. Deshalb beginnen sie in der Regel mit der Wendung Hie soll... Beides, Nummern und Überschriften, finden sich darüber hinaus in dem Verzeichnis, welches dem Werk vorangestellt wurde. Der durch den Titel Hie vohent sich an des buoches capitel beim Leser erweckte Eindruck, es handele sich um ein Verzeichnis der einzelnen Werkkapitel ist jedoch irreführend. Tatsächlich werden, da im Cod. Pal. germ. 323 lediglich Bildüberschriften vorhanden sind, nur diese aufgeführt. Hier liegt also ein Bild- und kein Kapitelverzeichnis vor. In dieser Hinsicht hatte der Schreiber dann auch wieder Recht, wenn er behauptete, vnd hat ie d(e)z capitel sin fig(ur)e do by gemolet. 

© Ulrike Spyra, Maria Effinger, Universitätsbibliothek Heidelberg, 9/2008

Literatur

  • Adelung, Nachrichten
    Adelung, Friedrich: Nachrichten von altdeutschen Gedichten, welche aus der Heidelbergischen Bibliothek in die Vatikanische gekommen sind. Nebst einem Verzeichnisse derselben und Auszügen, Königsberg 1796, S. 22, 45-80, 84.
  • Bartsch, Handschriften, 1887
    Bartsch, Karl: Die altdeutschen Handschriften der Universitäts-Bibliothek in Heidelberg (Katalog der Handschriften der Universitätsbibliothek in Heidelberg 1), Heidelberg 1887 Nr. 155.
  • Hartong 1938
    Hartong, Maria-Magdalena: Willehalm von Orlens und seine Illustrationen, Diss. Köln 1938, S. 22-24, 90f.
  • Jänecke 1964
    Jänecke, Karin: »Der spiegel des lidens Cristi«. Eine oberrheinische Handschrift aus dem Beginn des 15. Jahrhunderts in der Stadtbibliothek zu Colmar (Ms. 306). Hannover 1964, S. 105.
  • Junk 1905
    Junk, Victor (Hrsg.): Rudolfs von Ems Willehalm von Orlens, herausgegeben aus dem Wasserburger Codex der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen (Deutsche Texte des Mittelalters 2), Berlin 1905.
  • Kautzsch, Rudolf: Notiz über einige elsässische Bilderhandschriften aus dem ersten Viertel des 15. Jahrhunderts, in: Philologische Studien. Festgabe für Eduard Sievers zum 1. Oktober 1896, Halle 1896, S. 187-293.
  • Lenschen 1967
    Lenschen, Walter: Gliederungsmittel und ihre erzählerischen Funktionen im »Willehalm von Orlens« des Rudolf von Ems (Palaestra, 250). Göttingen 1967, S. 22, Nr. 25, Abb. S. 24 (Bll. 3r/V. 11-18).
  • Mittler / Werner
    Mittler, Elmar / Werner, Wilfried: Mit der Zeit. Die Kurfürsten von der Pfalz und die Heidelberger Handschriften der Bibliotheca Palatina, Wiesbaden 1986, S. 74, Nr. 9; Abb. S. 75 (Bl. 18r).
  • Nellmann, Handschriften, 1992
    Nellmann, Eberhard: 'Wilhelm von Orlens'-Handschriften, in: Janota, Johannes u. a. (Hrsg.): Festschrift Walter Haug und Burghart Wachinger, 2 Bde., Tübingen 1992, Bd. 2, S. 565-587.
  • Peters 2000
    Peters, Ursula: Autorbilder in volkssprachigen Handschriften des Mittelalters. Eine Problemskizze, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 119, 2000, S. 350, 355, Anm. 95, S. 358.
  • Saurma-Jeltsch, Neuzeitliches, 1994
    Saurma-Jeltsch, Lieselotte Esther: Neuzeitliches in einer mittelalterlichen Gattung. Zum Wandel der illustrierten Handschrift, in: Zentrum zur Erforschung der frühen Neuzeit der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hrsg.): Hours in a Library. Mitteilungen, Beiheft 1, 1994, S. 70-112.
  • Saurma-Jeltsch, Bilderhandschriften
    Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Wiesbaden 2001, Band 2, S. 63f., Nr. 41 (Folioangaben der Abbildungen ab Bl. 260 fehlerhaft, da die alte Foliierung [s.o.] zugrundegelegt wurde), Abb. 6, 7, 10, 69, 70, 71 (Bll. 41v, 49v, 149r, 3r, 110v, 289v).
  • Saurma-Jeltsch, Textaneignung, 1988
    Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Textaneignung in der Bildersprache. Zum Verhältnis von Bild und Text am Beispiel spätmittelalterlicher Buchillustration, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 41, 1988, S. 41-59, 173-184, besonders S. 49f., Abb. 9 (Bl. 29r).
  • Stange 1951
    Stange, Alfred: Südwestdeutschland in der Zeit von 1400 bis 1450 (Deutsche Malerei der Gotik 4), München/ Berlin 1951, S. 52.
  • van Buren 1991
    van Buren, Anne Hagopian: Jan van Eyck in the Hours of Turin and Milan, Approached Through the Fashions in Dress, in: Masters and Miniatures. Proceedings of the Congress on Medieval Manuscript Illumination in the Northern Netherlands (Utrecht, 10-13 December 1989) (Studies and Facsimiles of Netherlandish illuminated manuscripts 3), Doornspijk 1991, S. 227, Anm. 36.
  • Killy, Literaturlexikon Bd. 10, S. 53-56 (Wolfgang Walliczek)
    Walliczek Wolfgang, in: Killy, Walther (Hrsg.): Literaturlexikon, Autoren und Werke deutscher Sprache, Gütersloh 1988ff., Band 10, S. 53-56.
  • VL (2) Bd. 8, Sp. 322-345 (Wolfgang Walliczek)
    Walliczek Wolfgang, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Zweite völlig neu bearbeitete Auflage, Berlin/ New York 1978ff. (VL2), Band 8, Spalte 322-345, besonders Spalte 334-338.
  • Wegener 1927
    Wegener, Hans: Beschreibendes Verzeichnis der deutschen Bilder-Handschriften des späten Mittelalters in der Heidelberger Universitäts-Bibliothek, Leipzig 1927, S. 11 f., S. 19f., S. 112.
  • Weigele-Ismael, Wilhelm von Orlens, 1997
    Weigele-Ismael, Erika: Rudolf von Ems: Wilhelm von Orlens. Studien zur Ausstattung und zur Ikonographie einer illustrierten deutschen Epenhandschrift des 13. Jahrhunderts am Beispiel des Cgm 63 der Bayerischen Staatsbibliothek München (Europäische Hochschulschriften. Kunstgeschichte. Reihe 28. Band 285) Frankfurt am Main/ Berlin u. a. 1997, bes. S. 31-44 und S. 222-224.
  • Wilken 1817
    Wilken, Friedrich: Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelbergischen Büchersammlungen. Nebst einem Verzeichniß der aus der pfaelzischen Bibliothek im Vatican an die Universität Heidelberg zurückgegebenen Handschriften, Heidelberg 1817, S. 409.