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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Cod. Pal. germ. 359: 'Rosengarten zu Worms' und 'Lucidarius'

Der Cod. Pal. germ. 359 enthält zwei völlig unterschiedliche Texte: Auf fol. 1v-65v überliefert er die Heldendichtung "Der Rosengarten zu Worms“, in welchem der Sagenkreis um Dietrich von Bern mit Gestalten des Nibelungenliedes verknüpft wird. Auf fol. 66r-89r folgt mit dem "Lucidarius" eine geistliche, belehrende Enzyklopädie. Analog zu ihrem Inhalt sind beide Texte auf eine völlig unterschiedliche Art und Weise illustriert worden.

Der "Rosengarten von Worms"

Der Kampf Hagens von Tronege mit Wolfhart von Garte (Cpg 359, fol. 29v)Die Heldendichtung entstand während des 13. Jahrhunderts gleich in mehreren Fassungen. Ein Autor ist nicht bekannt. Sie berichtet von Gippich, dem Herrn des Rosengartens von Worms. Der Vater Kriemhilts will sich nur demjenigen unterwerfen, der in der Lage ist, die zwölf Hüter seines Gartens zu besiegen. Hunnenkönig Etzel und Dietrich von Bern nehmen diese Herausforderung gemeinsam an. Sie reisen mit ihrem Gefolge nach Worms, wo im folgenden zwölf Kämpfe jeweils zwischen einem burgundischen und einem Berner Helden stattfinden.

Im Cod. Pal. germ. 359 werden überwiegend Szenen dieser Kämpfe gezeigt. Sie finden vor stilisierten Blütenranken, die den Rosengarten symbolisieren sollen, statt. Die abgebildeten Helden sind dabei in der Regel an ihrer aufwendig dargestellten Helmzier zu erkennen. Wolfhart von Garte etwa ist durch seine "redende" Helmzier, den Kopf eines Wolfes, relativ leicht zu erkennen. Schwieriger dagegen ist diejenige seines Gegners Hagen von Tronege zu identifizieren: Es sind laut Text zwei guldiniu wisenthorn, zwei goldene Wisenthörner, die er auf seiner Beckenhaube trägt.

Der Kampf Islans mit Volker von Alzey (Cpg 359, fol. 46v)Auch in der Darstellung des Kampfes zwischen dem Mönch Islan und dem burgundischen Lehnsmann Volker übernehmen Helmzier und Gewandung der Helden eine identifizierende Funktion. Volker von Alzey, der häufig auch videlaere und spilman genannt wird und dementsprechend eine Fidel im Wappen führt, ist eben an jener zu erkennen. Aber er trägt diese Helmzier nicht auf einem Helm: Stattdessen ist sie direkt auf seiner Helmbrünne angebracht. Diese Art der Anbringung war eigentlich nicht üblich.

Die so verzierte Helmbrünne mutet auch deshalb etwas grotesk an, da als Decke des nicht vorhandenen Helms noch Federn oder Zaddelwerk eingezeichnet wurden. Bei dem Gegner Volkers, Islan, dagegen wirkt weniger die Helmzier an sich identifizierend, sondern vielmehr seine über der Rüstung getragene, schwarze Mönchskutte. Von einer solchen wird auch seine Helmzier, ein Wolfskopf, bekleidet. Islan, der Bruder Hildebrands, war vor über zwanzig Jahren ins Kloster eingetreten und hat sich für die Reise nach Worms Urlaub vom Abt erbeten. Sein Verhalten während des ganzen Abenteuers entspricht jedoch nicht demjenigen eines frommen Klosterbruders. Im Gegenteil, er benimmt sich recht rauhbeinig, gerät in eine Rauferei und zertritt z. B. den Wormser Rosengarten.

Der Kampf zwischen Dietrich von Bern und Siegfried (Cpg 359, fol. 49r)Die zwölf Kämpfe enden mit Ausnahme eines einzigen, der unentschieden bleibt, mit einem Sieg der Berner über die Burgunder. So auch einer der letzten zwischen Dietrich von Bern, links, und Siegfried, der – wie sollte es anders sein – einen Drachenkopf als Helmzier führt. Dietrich, der vor Zorn zu rauchen anfängt, kann schließlich den zwischen den beiden Helden hart geführten Kampf für sich entscheiden. Laut Fassung A des "Rosengartens" gelingt ihm dies jedoch nur, indem er seinen Feueratem einsetzt. Interessant ist nun, daß die entsprechende Illustration des Cod. Pal. germ. 359 genau dieses Detail des feuerspeienden Berner Heldens zeigt, obwohl der hier überlieferte Text der Fassung D davon nichts berichtet.

Die Siegerehrung (Cpg 359, fol. 61r)Die Geschichte endet damit, daß der Burgunderkönig Gippich sich Dietrich von Bern und König Etzel unterwerfen muß. Die Sieger werden durch Kränze und Küsse geehrt, die ihnen zwölf schöne Jungfrauen zuteil werden lassen. Diese Siegerehrung wird auf fol. 61r gezeigt. Der Mönch Islan links im Bild bekommt gerade einen der Kränze aufgesetzt. Einer seiner Mitkämpfer, der sich in dieser Illustration nicht identifizieren läßt, umarmt und küßt eine Jungfrau. Im zugehörigen Text wird der Mönch Islan auch hier als rechtes Rauhbein ausgewiesen, da er beim Küssen mit seinem Bart der schönen Kriemhilt das Gesicht blutig kratzt. Bei seiner anschließenden Rückkehr ins Kloster drückt er außerdem seinen Mitbrüdern die gewonnenen Siegeskränze so fest auf die Köpfe, daß auch die Mönche anfangen zu bluten.

Der "Lucidarius"

Autoren- bzw. Schreiberbild (Cpg 359, fol. 66r)Der "Lucidarius" dagegen ist ein Lehrdialog zwischen Meister und Schüler, welcher sich vorwiegend mit theologisch-geistlichen Themen beschäftigt. Das deutschsprachige Werk entstand wohl im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts und orientiert sich neben anderen Quellen am "Elucidarium" des Honorius Augustodunensis. Lange Zeit wurde aufgrund von Angaben im Prolog A des Werkes im Kaplan Herzog Heinrichs des Löwen von Braunschweig der Verfasser gesehen. Neueren Forschungen zufolge jedoch stammte der anonyme Autor aus dem alemannischen Sprachraum.

"Lucidarius" oder luchtaere – wie die Übersetzung lautet – bedeutet "Erleuchter". Dementsprechend handelt das erste Buch des Werkes von Gott, Himmel, Hölle, Paradies und der Ordnung der Welt. Das zweite Buch beschäftigt sich mit der Lehre von der Erlösung, der Christenheit sowie der Bedeutung von liturgischen Handlungen und Riten. Das dritte Buch schließlich widmet sich Themen wie Tod, Fegefeuer, Hölle, Weltuntergang, Jüngstes Gericht und ewige Seeligkeit. Dieser eschatologische Teil wurde jedoch nur selten überliefert und ist auch im Cod. Pal. germ. 359 nicht enthalten.

Anders als der "Rosengarten" wurde der "Lucidarius" nur mit einer, etwa halbseitigen Illustration ausgestattet. Sie zeigt einen Schreiber, hinter dem man wohl den unbekannten Autor vermuten darf. An einem Schreibpult sitzend ist er gerade dabei, sein Manuskript zum Schreiben vorzubereiten: Mit einem Federkiel und unter Zuhilfenahme eines Lineals bringt er auf dem Papier Linien für die Zeilen an, wie sie auch in der Handschrift selbst zu finden sind.

Schreiber und Zeichner

Textausschnitt CPG 359, fol. 1vDer tatsächliche Schreiber des Manuskripts hieß Thomas Vogel. Laut einem seiner beiden Schreibersprüche stammte er aus dem Wallis. Im Elsaß läßt er sich urkundlich nicht belegen. Thomas Vogel hat wohl beide Texte des Cod. Pal. germ. 359 geschrieben. Dennoch legte er die Werke mit unterschiedlich großem Schriftraum und Spaltenzahl an, vielleicht waren sie ursprünglich für zwei verschiedene Codices bestimmt. Die Heidelberger Inventarien verzeichnen sie jedoch schon im 16. Jahrhundert als zu einer Handschrift gehörig.

Vermutlich hat Vogel für die "Elsässische Werkstatt von 1418" gearbeitet, denn das Manuskript weist einige ihrer Charakteristika auf. Der Zeichner der Illustrationen gehörte jedoch mit Sicherheit nicht zu demjenigen Künstlerkreis, der sonst üblicherweise für dieses Atelier tätig war. Er läßt sich in keiner anderen Handschrift der Werkstatt nachweisen.

Der Cod. Pal. germ. 359 gilt deshalb als Übergangswerk: Sein Text wurde noch unter Beachtung der Werkstattgewohnheiten geschrieben, aber seine Illustrationen wurden von einem fremden Zeichner ausgeführt, der vom Oberrhein her zugewandert sein könnte. Vielleicht wurden deshalb - wie auf fol. 60v - kurze Anweisungen für den Maler angebracht, der mit den Gewohnheiten der Werkstatt nicht vertraut war.

Übrigens hatte auch die "Werkstatt des Diebold Lauber" den "Lucidarius" in ihrem "Programm". In einer Bücheranzeige, die sich in der Handschrift Ms. Add. 28752 der British Library, London erhalten hat, heißt es: Item welicher hande buecher man gerne hat groß oder clein geistlich oder weltlich hübsch gemolt die findet man alle by diebolt louber schriber In der burge zue hagenow danach folgt eine ganze Reihe von Werken, darunter auch die Angabe item lucidarius.

© Ulrike Spyra, Maria Effinger, Universitätsbibliothek Heidelberg, 09/2008

Literatur

  • Adelung, Nachrichten
    Adelung, Friedrich: Nachrichten von altdeutschen Gedichten, welche aus der Heidelbergischen Bibliothek in die Vatikanische gekommen sind. Nebst einem Verzeichnisse derselben und Auszügen, Königsberg 1796, S. 202-211.
  • Adelung, Gedichte
    Adelung, Friedrich: Altdeutsche Gedichte in Rom oder fortgesetzte Nachrichten von Heidelbergischen Handschriften in der Vatikanischen Bibliothek, Königsberg 1799, S. 162-164.
  • Bartsch, Handschriften, 1887
    Bartsch, Karl: Die altdeutschen Handschriften der Universitäts-Bibliothek in Heidelberg (Katalog der Handschriften der Universitätsbibliothek in Heidelberg 1), Heidelberg 1887, Nr. 186.
  • Beckmann / Schroth 1960
    Beckmann, Josef Hermann/ Schroth, Ingeborg: Deutsche Bilderbibel aus dem späten Mittelalter. Handschrift 334 der Universitätsbibliothek Feiburg im Breisgau und M. 719-720 der Pierpont Morgan Library New York, Konstanz 1960, S. 11.
  • Buckl 1992
    Buckl, Walter: Überlieferungsgeschichte - Rezeptionsgeschichte -Literaturgeschichte. Das Beispiel des Lucidaris, in: Bräuer, Rolf / Ehrismann, Otfrid (Hrsg.): Mediävistische Literaturgeschichtsschreibung. GustavEhrismann zum Gedächtnis (Symposium Greifswald, 18.9. bis 23.9.1991) (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 572), Göppingen 1992, S. 153-172.
  • Gottschall / Steer 1994
    Gottschall, Dagmar/ Steer, Georg (Hrsg.), Der deutsche 'Lucidarius', Bd. 1: Kritischer Text nach den Handschriften (Texte und Textgeschichte 35), Tübingen 1994.
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    Händl, Claudia: Überlegungen zur Text-Bild-Relation in der >Sigenot<-Überlieferung, in: Brunner, Horst u. a. (Hrsg.): helle döne schöne. Versammelte Arbeiten zur älteren und neueren deutschen Literatur. Festschrift für Wolfgang Walliczek (Göppinger Arbeiten zur Germanistik Nr. 66), Göppingen 1999, S. 87-129.
  • Hagen / Primisser 1820
    Hagen, Heinrich Friedrich von der/ Primisser, Anton (Hrsg.): Der Helden Buch in der Ursprache (Deutsche Gedichte des Mittelalters 2.1), Berlin 1820.
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    Heinzle, Joachim: Mittelhochdeutsche Dietrichepik. Untersuchungen zur Tradierungsweise, Überlieferungsritik und Gattungsgeschichte später Heldendichtung (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 62), Zürich/ München 1978.
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    Heinzle, Joachim in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Zweite völlig neu bearbeitete Auflage, Berlin/ New York 1978ff. (VL2), Bd. 8, Sp. 187-192
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    Stamm, Lieselotte Esther: Die Rüdiger Schopf-Handschriften. Die Meister einer Freiburger Werkstatt des späten 14. Jahrhunderts und ihre Arbeitsweise, Aarau u.a. 1981, S. S. 211, S. 218f., S. 292, S. 309 und Anm. 44.
  • Stange 1951
    Stange, Alfred: Südwestdeutschland in der Zeit von 1400 bis 1450 (Deutsche Malerei der Gotik 4), Berlin/ München 1951, S. 52.
  • VL (2) Bd. 5, Sp. 939-947 (Georg Steer)
    Steer, Georg in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Zweite völlig neu bearbeitete Auflage, Berlin/ New York 1978ff. (VL2), Bd. 5, Sp. 939-947.
  • Killy, Literaturlexikon Bd. 7, S. 359f. (Georg Steer)
    Steer, Georg in: Killy, Walther (Hrsg.): Literaturlexikon, Autoren und Werke deutscher Sprache, Gütersloh 1988ff., Bs. 7, S. 359f.
  • Wegener 1927
    Wegener, Hans: Beschreibendes Verzeichnis der deutschen Bilder-Handschriften des späten Mittelalters in der Heidelberger Universitäts-Bibliothek, Leipzig 1927, S. 20f., Abb. 20 (Bl. 24v).
  • Wilken 1817
    Wilken, Friedrich: Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelbergischen Büchersammlungen. Nebst einem Verzeichniß der aus der pfaelzischen Bibliothek im Vatican an die Universität Heidelberg zurückgegebenen Handschriften, Heidelberg 1817, S. 440.
  • Wilpert 1965
    Wilpert, Gero von: Deutsche Literatur in Bildern, 2. Erweiterte Auflage, Stuttgart 1965, S. 12, Abb. 28 (Bl. 1verso).
  • Wisniewski 1986
    Wisniewski, Roswitha: Mittelalterliche Dietrich-Dichtung (Sammlung Metzler 205), Stuttgart 1986, S. 245-261.
  • Bremer DFG-Projekt: „Die ‚historische Dietrichepik‘. Neueditionen und Untersuchungen“