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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

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Glossar zur spätmittelalterlichen Buchmalerei und Buchherstellung D - F

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D

Dornblatt
Vegetabilisches Ornament, das vor allem in gotischen Handschriften und im Zusammenhang mit Fleuronnée häufig vorkommt. Als Dornblätter bezeichnet man kleine, spitz zulaufende, häufig auch dreiteilige oder herzförmige Blattformen wie sie z. B. Efeu- oder Weinblättern zu eigen sind. Bei Dornblattranken handelt es sich um ein Ornament, welches häufig als Bordürenrahmen auftritt. Es wird von einer Leiste gebildet, von der dornenbesetzte Zweige und Ranken mit Dornblättern ausgehen.
Dornenrindentinte
DornenrindentinteDiese Tinte wird aus der Rinde von Schlehenzweigen hergestellt. Ein Rezept hierzu nennt im frühen 12. Jahrhundert Theophilus (Roger von Helmarshausen) im 38. Kapitel seines Traktats ‘de diversis artibus’: Die Schlehenzweige sollen im Frühjahr geschnitten und für einige Tage getrocknet werden. Anschließend kann die Rinde abgeklopft und cirka drei Tage in Wasser angequollen werden. Das rot-braun gefärbte Wasser wird abgegossen, aufgekocht und die Rinde während des Kochens wieder zugegeben. Dieser Vorgang wird wiederholt, bis die Rinde ausgelaugt ist und entfernt werden kann. Der Sud wird langsam eingekocht und mit etwas Wein versetzt. Zum vollständigen Trocknen wird der Sud in Pergamentsäckchen gegossen und in die Sonne gehängt; man erhält eine lackartige harte Masse. Zum Schreiben werden kleine Stücke abgebrochen und in ein wenig Wasser oder Wein aufgelöst. Rindentinte ergibt eine rot-braune, lasierende Schrift. Um die Tinte dunkler und deckender zu gestalten, wurde z.T. Vitriol (Kupfer- oder Eisensulfat) zugesetzt, das mit der Gerbsäure aus der Rinde einen schwarzen Eisen-Gerbsäure-Komplex eingeht (s. auch ‘Eisengallustinte’).
Drolerie
Von frz. drôleries - etwas Komisches, Amüsantes; bereits in der karolingischen Buchmalerei bekannte Darstellungen, die innerhalb des Rankenwerks von Initialen oder Bordüren kleine Tiere, Menschen oder Misch- und Halbwesen beim Ausüben meist spielerisch aufgefaßter Tätigkeiten zeigen. Häufig werden auch scherzhafte und groteske Szenen abgebildet. Vor allem in gotischen Handschriften oft verwendetes Gestaltungselement. Diese am häufigsten verbreitete Form tritt zuerst in England um die Mitte des 12. Jahrhunderts auf. In der Frühzeit besaßen die figürlichen Elemente meist noch symbolhafte Bedeutung. Im Laufe der Entwicklung ging diese jedoch verloren. Die Darstellungen wurden im 13. und 14. Jahrhundert zu genrehaften und dekorativen Gestaltungselementen.

E

Eiklar
Bindemittel. In der Buchmalerei wird das Eiweiß von Hühnereiern zu Schaum aufgeschlagen und das nach einiger Zeit sich am Topfboden absetzende Eiklar abgegossen; man erhält sogenanntes ‘defibrilisiertes Eiweiß’, das als Bindemittel für die Farben dient. Eiklar trocknet als recht spröder und fester Film auf.
Einband
Römischer Pergamenteinband des 17. Jhds. (Cpg 16) Mehr oder weniger feste Schutzhülle für das zu einem Buchblock gebundene Papier oder Pergament. Der Einband setzt sich aus zwei Deckeln aus Holz oder Pappe, dem Rücken und dem Überzug aus Leder, Pergament, Gewebe oder Papier zusammen. Die einzelnen Papier- oder Pergamentlagen werden für den Einband mit Hilfe eines Heftfadens in der Lagenmitte durchstochen und an mehreren quer über den Rücken des Buchblocks verlaufenden Streifen aus Leder oder Schnur- den sogenannten Bünden – befestigt. Die Enden dieser Bünde wiederum werden (mit Hilfe z. B. von Pflöcken oder Klebungen) an den Buchdeckeln montiert. Um eine größere Stabilität zu erreichen, verbindet man die beiden Deckel außerdem an Kopf und Fuß bzw. Schwanz mit einem weiteren Streifen, dem sogenannten Kapital, miteinander.
Ottheinrich-Einband mit Blindstempeln und Beschlägen (CPG 353)Je nach Technik und Material des Einbandes lassen sich Holzdeckelband, Pergamenteinband, Ledereinband, (Edel-)Pappband, Franzband, Sprungrückeneinband usw. unterscheiden. Von Halbband – im Unterschied zum Ganzband – spricht man dagegen, wenn Rücken und Deckel nicht mit demselben Material bezogen sind, oder die Deckel ohne Bezug bleiben und nur teilweise von dem des Rückens mit bedeckt werden.
Zu bestimmten Zeiten tendierte man außerdem dazu, sämtliche Bücher einer Bibliothek in das selbe Material zu binden. So wurden etwa nahezu alle Codices der nach Rom gebrachten Bibliotheca Palatina dort in weißes Pergament gebunden.
Wurden die Buchdeckel mit Leder bezogen, so konnte dieses auch noch weiter durch eingeprägte Muster aus Streicheisenlinien, Einzel- oder Rollenstempeln verziert werden. Gelegentlich finden sich sogar mit Gold verzierte eingeprägte Wappen oder Porträts wie bei den von Kurfürst Ottheinrich in Auftrag gegebenen und nach ihm benannten Einbänden. Äußerst selten haben sich aus Gold oder Silber hergestellte und mit Edelsteinen und Elfenbeinreliefs verzierte Prachteinbände erhalten wie z. B. beim Lorscher Evangeliar. Um das Bezugsmaterial vor Bestoßungen zu schützen, wurden an den Buchdeckeln außerdem häufig verzierte Metallteile, sogenannte Beschläge, angebracht. Sie schützten vor allem die Ecken oder dienten in Form von zentral angebrachten runden Buckeln als Auflagemöglichkeit für den Deckel oder boten die Möglichkeit Ketten anzubringen, mit deren Hilfe das Buch vor Diebstahl gesichert wurde.
Ebenfalls anzutreffen sind häufig auch Metallschließen oder Textil- bzw. Lederbänder zum Verschluß des oft sperrenden Buchblocks.
Eisengallustinte
Eisengallustinte ist die wohl am häufigsten verwendete Schreibflüssigkeit des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Die erste Beschreibung ihrer Herstellung von Philo von Byzanz stammt schon aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Aus dem arabischen Raum wurde die Eisengallustinte wahrscheinlich von Juden oder Mauren Mitte des 1. Jahrhunderts nach Mitteleuropa eingeführt, wo sie sich schnell durchsetzte. Erst mit der Entwicklung der modernen Farbstoffchemie seit dem 19. Jahrhundert wurde sie langsam verdrängt.
Zur Herstellung der Tinte sind im Mittelalter eine Vielzahl von Rezepten überliefert, als Beispiel sei hier ein Rezept aus dem Heidelberger Cod. Pal. Germ. 489 ‘Von den Farben’ genannt: (Fol. 27r)
Schwartze dinten
Nimm den vierten tail aines mass wasser, oder wein, und 1 lot galla romana, wol gestossen, und legs in das wasser, und setz es zum fewr das es siede, ain halb stundt, darnach thue ain lot gummi arabicum wol gestossen darein, und ruers undereinander. Lass ain claine weil sieden, darnach leg 1 lot vitriol wol gestossen darein, und ruer es wol undereinander, und nims war das es nit uberlauff.
Hauptbestandteile der meisten Rezepte sind neben Galläpfeln, Vitriol und Wasser auch Gummi arabicum, Alaun, Zucker und Wein. Die Galläpfel, die die gerbsäurehaltige Substanz für die Tinte liefern, entstehen durch das Gelege der Gallwespe (Cynips tinctoria) in dünnen Ästen und Blättern junger Eichen. Nach 3-6 Monaten haben sich hellbraune bis grünschwarze Gallen mit einem Durchmesser von 8-15 Millimetern gebildet, in denen sich die jungen Gallwespen entwickeln. Die Zusammensetzung der gerbsäurehaltigen Substanzen (Tannin, Gallussäure usw.) im Gallapfel ist sehr unterschiedlich, so daß es für die Herstellung der Tinte recht schwierig ist, eine gleichbleibende Qualität zu erreichen.
Bei der zweiten Tintenkomponente, dem Vitriol, unterscheidet man zwischen Eisenvitriol (Eisensulfat; Fe SO4.7H2O) und Kupfervitriol (Kupfersulfat, Cu SO4.5H2O). Im Mittelalter kannte man zwar auch schon beide Vitriole, konnte sie jedoch bei der Gewinnung im Bergwerk nicht vollständig voneinander trennen, so daß Eisenvitriol immer mit Kupfervitriol und anderen Vitriolen verunreinigt war. In Verbindung mit der Gerbsäure und Luftsauerstoff wird das Eisenion im Vitriol aufoxidiert und fällt als schwarzer Eisengallatkomplex aus, der Eisengallustinte.
Die Eisengallustinte zeichnet sich durch ihre schöne tiefschwarze Färbung und Wasserfestigkeit aus. Allerdings ist sie nicht lichtstabil und verursacht durch Bildung von Schwefelsäure den gefürchteten Tintenfraß in Handschriften.
Epistolar
enthält die während der Messe gelesenen Abschnitte (Perikopen) aus den Episteln (Briefe des Neuen Testamentes) in der Reihenfolge des liturgischen Jahres unter Angabe des jeweiligen Festtages und der Textquelle.
Evangelistar
siehe Perikope, Perikopenbuch

F

Faden
Vegetabilisches Ornament in Form von auslaufenden, gelegentlich auch gewundenen oder spiralig gedrehten Fäden, das vor allem in Zusammenhang mit Fleuronnée auftritt.
Falz
Falz mit dem Eintrag de hagenowe (Cpg 300, fol 355v) Der Begriff Falz hat im Bereich der Handschriftenkunde im wesentlichen zwei Bedeutungen. Zum einen meint er den Knick in der Mitte eines Doppelblatts. Zum anderen werden damit Papier- oder Pergamentstreifen bezeichnet, die entweder der Verstärkung der Lagen oder der Verbindung der einzelnen Blätter zu Lagen dienen. In der Werkstatt Diebold Laubers etwa wurden zur Herstellung großformatiger und damit besonders repräsentativer Handschriften die herkömmlichen Doppelblätter auseinander geklappt, mit ihrer Langseite auf Falzstreifen geklebt und so neue, größere Doppelblätter geschaffen. Die alte Querfaltung oder der alte Falz im ersten Sinne ist häufig noch heute sichtbar. Für die Falzstreifen im zweiten Sinn wurde nicht mehr benötigte Makulatur aus Papier und Pergament verwendet, wobei die Pergamentfragmente der Heidelberger Lauber-Handschriften größtenteils aus einem Rechnungsbuch der Diözese Straßburg stammen. Zum Teil lassen sich auf ihnen noch heute Namen von Orten und Einwohnern der Region um Straßburg entziffern.
Farbe
Anorganische Farbmittel werden durch Zermahlen von farbigem Gestein gewonnen oder auf (halb-)synthetischem Weg hergestellt. Als farbiges Gestein für Rot wurden u.a. verschiedene rote Erdpigmente (Eisen(III)-oxide in unterschiedlichen Anteilen) [Roter Ocker, Bolus, Echter Rötel], natürlicher und künstlicher Zinnober (Quecksilbersulfid HgS) oder Mennige (Bleioxid PB3O4) verwendet. Azurit (basisches Kupfercarbonat 2 CuCO3.Cu(OH)2 ) oder Lapislazuli (sulfidhaltiges Aluminiumsilikat) dienten z.B. als blaues Pigment. Für die grünen Farben konnten Grüne Erden (Eisen(II)-silikat, Magnesiumsilikat mit Tonanteilen), Malachit (basisches Kupfercarbonat CuCO3.Cu(OH)2) oder auch Grünspan, ein künstlich hergestelltes Kupferacetat (Cu(CH3COO)2 . H2O) verwendet werden. Für gelbe Flächen konnte der Miniator das giftige Auripigment [Arsentrisulfid; As2S3) benutzen, für Weiß das ebenfalls giftige Bleiweiß (bas. Bleicarbonat; 2 PbCO3 . Pb(OH)2) oder einfach Kreide (Calciumcarbonat; CaCO3).  Neben den genannten Pigmenten standen dem mittelalterlichen Buchmaler noch eine Reihe weiterer farbiger Mineralien zur Verfügung.
Die organischenFarbmittel sind pflanzlicher oder tierischer Herkunft. Sie dienten hauptsächlich zum Färben von Stoffen, wurden jedoch auch in der Buchmalerei verwendet. Die farbstoffhaltigen Teile (Beeren, Blüten, Wurzeln) wurden ausgekocht, zu Kohle verbrannte Pflanzenreste oder Elfenbein ergaben ein tiefschwarzes Pigment (Pflanzenschwarz, Beinschwarz). Da die meisten organischen Farbstoffe nur eine transparente Malschicht ergeben, wurden die Farbstoffe auf ein Substrat aufgezogen (meist Kreide), wenn man eine opake (deckende) Farbe erreichen wollte.
Besonders bekannt sind heute noch  Safran (Naben des Crocus sativus L.), Indigo (Indigofera tinctoria L.; Isatis tinctoria L.) oder auch der aus der Antike berühmte Purpur (Drüsensekret verschiedener Schneckenarten, wie Murex trunculus, Murex brandaris, Purpura haemastoma).
Färberdistel (Carthamus tinct. L.)
Auch 'Saflor' oder 'Falscher Safran' genannt. Die Blüten enthalten ein unbeständiges und wasserlösliches Saflorgelb und ein zartrotes, beständiges, aber schlechtlösliches Saflorrot (Carthamin). Daher wurde Saflorgelb zunächst mit Wasser ausgeschieden.
Der Farbstoff der getrockneten Blüten reagiert mit Alkalien orange, mit schwachen Säuren stumpfrot. Saflor wurde zum Färben benutzt, aber auch als Pigment und Holzbeize.
Fleuronnée
Initiale aus Cpg 403, fol. 4r Von französisch fleuronnée – geblümt, fleuron – Blümchen. Ornament zur Gestaltung von Initialen, welches meist mit der Feder gezeichnet wurde und sich aus linearen Elementen zusammensetzt. Vorbild dieser Elemente sind stilisierte Pflanzenformen wie Blätter, Ranken, Knospen oder Dornen. Typisch für Fleuronnée-Initialen ist der Kontrast zwischen einfarbigem, kompaktem Buchstaben und feingliedrigem, netzartigem Linienwerk, das ihn umgibt. Meist werden für Buchstabe und Fleuronnée unterschiedliche Farben verwendet. Steht die Initiale vor einem Feld, das sich aus solchem Linienwerk zusammensetzt, so spricht man von Fleuronnéegrund. Fleuronnée tritt zum ersten Mal im 12. Jahrhundert in französischen Manuskripten auf.
Folio
Von lat. folium – Blatt. Wird in zwei Bedeutungen verwendet: Folio und die dazugehörige Abkürzung fol. bezeichnet in den mittelalterlichen Handschriften ohne Seitenzählung die oft nachträglich eingetragene Nummer eines Blattes. S. a. Foliierung. - Mit Folio wird auch das Format einer Handschrift angegeben: Die Bezeichnung leitet sich von der Anzahl der Faltungen eines Pergamentbogens ab und meint einen einmal gefalzten Bogen. Eine Handschrift in Folioformat bzw. ein Foliant ist ungefähr 30-45 cm hoch.
Foliierung
Mittelalterliche Handschriften hatten in der Regel keine Seitenzählung. Stattdessen begann man im späten Mittelalter mehr und mehr die Blätter der Manuskripte zu zählen. Häufig wurde die Foliierung auch erst in nachmittelalterlicher Zeit, manchmal sogar erst im 19. und 20. Jahrhundert, mit Bleistift nachgetragen.
Bei foliierten Handschriften bezeichnet man die Seiten zur Unterscheidung mit Recto und Verso: Recto meint die Vorderseite eines Blattes, die sich beim aufgeschlagenen Buch auch der rechten Seite befindet. Verso heißt die Rückseite des Blattes, die im aufgeschlagenen Buch jeweils links liegt. Bsp.: Die Seiten 16v(erso) und 17r(ecto) des Cod. pal. germ. 16
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Literatur

  • Schneider, Karin: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. Eine Einführung (Sammlung kurzer Grammatiken Germanischer Dialekte, B. Ergänzungsreihe Nr. 8), Tübingen 1999
  • Jakobi-Mirwald, Christine: Buchmalerei. Ihre Terminologie in der Kunstgeschichte, 3., überarb. u. erw. Aufl. Berlin, 2008.

© Ulrike Spyra, Jens Dannehl, Maria Effinger, Universitätsbibliothek Heidelberg, 9/2008