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Welscher Gast: Inhalt und Aufbau

Das Hauptanliegen des ›Welschen Gastes‹ ist die Vermittlung höfischer und religiöser Verhaltensnormen und ethischer Bildungsinhalte an das deutschsprachige aristokratische Publikum. Das Hauptaugenmerk gilt dabei einer Tugend- und Lasterlehre mit der Beständigkeit (staete oder staetekeit) im Zentrum.

Gliederung

Der Autor gliedert sein Werk in zehn ›Teile‹ (von den ersten Herausgebern als ›Bücher‹ bezeichnet, so auch in den Gliederungsschemen dieser Plattform), zuzüglich einer Versvorrede. Inwieweit eine weitere Untergliederung in Kapitel und Unterkapitel sowie eine in manchen Handschriften dem Haupttext vorangestellte Prosazusammenfassung auf Thomasin zurückgehen, ist nicht endgültig zu klären.

Illustrationen

Personifizierte Tugenden und Laster und deren Interaktionen mit Menschen in verschiedenen Lebensrollen sind das häufigste Motiv der bildlichen Darstellungen, die seit der ältesten erhaltenen Handschrift das Werk begleiten (und mit einiger Wahrscheinlichkeit auf Thomasin zurückgehen). Die Bilder stehen zum Text oftmals in einer komplexen Beziehung: Sie reproduzieren nicht nur das im Text Gesagte, sondern führen es weiter aus oder setzen eine eigene Metaphorik ein.

Quellen

Die Quellen des Werkes sind vielfältig und noch nicht umfassend erforscht. Die ausgiebige Verwendung des Alten Testaments sowie Anlehnungen an Seneca, Gregor den Großen und Boethius zeugen von der klerikalen Bildung Thomasins, Übernahmen von Petrus Alfonsi und Alain de Lille von seiner Vertrautheit mit der lateinischen Literatur des 12. Jahrhunderts. Eine wichtige Quelle war vermutlich insbesondere das weit verbreitete ›Moralium dogma philosophorum‹, eine wahrscheinlich auf die sog. Schule von Chartres zurückgehende ethische Abhandlung. Referenzen auf Figuren des volkssprachigen Antikenromans und der Artusepik, eine Verwandtschaft mit den provenzalischen ensenhamens, Anspielungen auf den ›Parzival‹ Wolframs von Eschenbach sowie die Auseinandersetzung mit der ritterlichen Kampf- und Minneideologie verbinden den ›Welschen Gast‹ mit der höfischen Literatur um 1200.

Teil 1

Die ersten Adressaten des ›Welschen Gastes‹ sind junge adelige Männer und Frauen. Sie adressiert Thomasin in Teil 1 und warnt sie vor dem Müßiggang, nachdem er in der Vorrede dargelegt hat, dass eine fruchtbringende Lektüre in die Tat umgesetzt werden muss. Den adeligen Damen legt er Demut ans Herz, den Rittern Freigebigkeit, beides wesentliche soziale Qualitäten der hochmittelalterlichen Feudalgesellschaft. Als Vorbilder werden Protagonisten des Antikenromans und der Artusepik empfohlen, wenn auch Thomasin die Lektüre fiktionaler Belletristik, die unter dem Verdacht der Lüge steht, nicht uneingeschränkt gutheißt.

Teil 2

Mit einer dezidierten Wendung an erwachsene »Fürsten« und »Herren« beginnt Teil 2. Ihnen wird deren Vorbildfunktion (›Spiegel‹) für das Volk bewusst gemacht, besonders in Bezug auf die Ausgeglichenheit und Beständigkeit in der Tugend. Dazu gehört auch die Übereinstimmung von Worten und Taten. Als Beispiel für die Beständigkeit werden der immergleiche Lauf der Himmelskörper und wiederkehrende Zyklen der aus vier Elementen bestehenden irdischen Natur genannt. Die (auch zeitgenössische) Menschheitsgeschichte ist hingegen eher Beleg für gottfernes Chaos.

Teil 3

Eine Fortsetzung der Ausführungen über die menschliche Unbeständigkeit ist das Thema von Teil 3. Die Voraussetzung für deren Überwindung ist die beharrliche und getreue Ausübung des von Gott zugewiesenen Standes. Reichtum ist dabei nicht immer von Vorteil, wird doch der törichte Reiche durch seine Gier um den Schlaf gebracht. Ähnlich ambivalent ist die Herrschaft, da der Herr – vom Volk um seine Stellung beneidet – stets in Sorgen ist. Eine andere ambivalente Qualität ist die Macht, die tendenziell nach Machtvermehrung und Unterwerfung anderer strebt. Ähnlich verhält es sich mit Ruhmsucht, adeliger Abstammung und Lustsuche.

Teil 4

Die genannten weltlichen Qualitäten sind zwar an sich nicht schlecht, sie gehen jedoch oft mit Lastern einher, die in Teil 4 erörtert werden. Wie der Reichtum die Gier weckt, werden die Macht von der Verachtung, die Ruhmsucht von der Leichtfertigkeit und der Adel von der Torheit begleitet. Das Luststreben ruft gleich vier Laster hervor: Trägheit, Völlerei, Hurerei und Trinklust. Es folgen Ratschläge über Geduld, Furcht und den Umgang mit Trauer, beschlossen durch den Ausblick auf die himmlische Seligkeit.

Teil 5

Dort befindet sich Gott, das oberste Gut. Mit der Erörterung zweier Kategorien von Gütern fängt Teil 5 an. Neben Gott, dem obersten Gut, gibt es noch ein anderes wahres Gut, nämlich die Tugenden, die zu Gott hinführen. Auch das Schlechte lässt sich ähnlich einteilen: der Teufel und die Laster bzw. Untugenden, die den Weg zu ihm ebnen. Als Fünftes unterscheidet Thomasin die bereits zuvor erwähnten sechs irdischen Qualitäten (Reichtum etc.), die an sich weder gut noch schlecht sind. Die genannte Lehre wird dem Leser anhand des Bilds zweiter Treppen oder Leitern dargelegt. Die Hingabe an irdische Qualitäten und Laster führt zum Mangel an tugendhaften Gesellschaftseliten, sowohl im weltlichen als auch im geistlichen Bereich.

Teil 6

Nur die Hinwendung zur Tugend, zu der in Teil 6 aufgefordert wird, kann den Menschen retten. Geduld und Ausdauer ist dabei gefragt, was an einer Reihe alttestamentlicher Figuren demonstriert wird. Dieser Kampf ist der Krieg, den ein wahrer Ritter führen soll; er braucht dafür Großzügigkeit und Mut sowie eine ritterliche Ausrüstung, deren Bestandteile als Tugendallegorien aufgezählt werden.

Teil 7

Lehren über Leib und Seele sind das Thema von Teil 7. Der Mensch, den sein Verstand von Tieren unterscheidet, sollte seine Hoffnung nicht auf die Stärke und Schnelligkeit seines Körpers setzen. Leider setzen Ritter und Kleriker ihren Verstand nicht zum Tugenderwerb, sondern zur Ausweitung ihres Reichtums. Man sollte Rat suchen bei den vier Kräften der Seele: Einbildung, Gedächtnis, Verstand und Vernunft. Der Verstand findet Hilfe bei diversen Fertigkeiten, unter denen den sieben freien Künsten eine prominente Stellung zukommt. Darüber hinaus sind Medizin und Theologie für die Gesundheit des Leibes bzw. der Seele zuständig. Wem diese Künste durch Mangel an Bildung nicht zugänglich sind, der sollte gute Vorbilder nachahmen. Die Pflege von Leib und Seele ist die wichtigste Lebensaufgabe.

Teil 8

In Teil 8 geht Thomasin zur Behandlung von Mäßigung und Maßlosigkeit über. Das rechte Maß, der mittlere Weg, führt zur Tugendhaftigkeit, während Exzesse in der Lebensführung zum Fall führen. Die Maßlosigkeit des Hochmuts wird am zeitgenössischen Beispiel des Aufstiegs und Falls Ottos IV. aufgezeigt, während Friedrich II. von Gott für seine Mäßigung mit der Herrschaft über deutsche Länder belohnt wurde. Menschen brauchen gute Führung, und die Christenheit hat sie in der Person des Papstes. Thomasin verurteilt die Stimmen, die den päpstlichen Aufruf zur Kreuzzugskollekte kritisiert haben (Walther von der Vogelweide?), und ruft die deutsche Ritterschaft einschließlich des Königs zur Befreiung des Heiligen Grabes auf.

Teil 9

Die Erörterung von Recht und Unrecht in Teil 9 setzt bei der Kritik der richtenden Herren an, die ein Gleichgewicht zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zu suchen haben. Das Recht hat zwei Flügel: die geistliche und die weltliche Gerichtsbarkeit. Es ist unzureichender Zusammenarbeit zwischen diesen beiden anzulasten, wenn Ketzer überhandnehmen, wie es Thomasin in seiner Gegenwart feststellt. Der heillose Zwist zwischen Klerikern und Laien und deren gegenseitiger Neid führen zum Niedergang der Höfischkeit. Gottesfurcht, Bedacht und gewissenhafte Prüfung können das Recht wiederherstellen.

Teil 10

Während Recht das Leben regelt, erfüllt milte (›Freigebigkeit‹, ›Großzügigkeit‹) es mit Freude, wie Thomasin im letzten Teil darlegt. Sie ist die Herrin der anderen Tugenden, die ihr wie in einer Prozession vorausgehen. Mittellose großzügige Menschen können ihre Großzügigkeit zwar nicht zeigen, sind aber deshalb nicht weniger tugendhaft. Andererseits ist nicht jede Gabe auf echte Großzügigkeit zurückzuführen. Der Beschenkte sollte dankbar sein. Eine Erörterung höfischer Regeln für Geschenke beschließt die Abhandlung.

Der hier skizzierte Aufbau des Werkes soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass der ›Welsche Gast‹ keine streng systematische Abhandlung akademischer Machart ist, sondern ein Gedicht für ein höfisches Publikum. Thomasin unterbricht seine Ausführungen häufig mit bildhaften Beispielen, assoziativ verknüpften Abschweifungen, Reminiszenzen an das zeitgenössische Weltgeschehen oder Vergangenes, und verwebt seinen Text durch zahlreiche Wiederholungen. Hinzu kommt das intermediale Spiel von Text-Bild-Beziehungen. An diesem alinearen Charakter des ›Welschen Gastes‹ sollen im Rahmen der vorliegenden Plattform die Chancen der digitalen Technologie sukzessive erprobt werden.

 

 

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