Corpus Vitrearum International – Virtuelle Bibliothek
Das Corpus Vitrearum International – Systematische Erschließung eines gefährdeten Kulturerbes
Das Corpus Vitrearum (CV) ist eine internationale wissenschaftliche Organisation, die sich der systematischen Erfassung, Dokumentation und Erforschung der Glasmalerei weltweit widmet. Die Initiative entstand aus der Erkenntnis, dass das fragile kulturelle Erbe der Glasmalerei durch die verheerenden Zerstörungen beider Weltkriege, durch fortschreitenden Zerfall und Vernachlässigung akut gefährdet war; zudem war die Gattung von der Kunstgeschichte lange Zeit als peripheres Forschungsgebiet behandelt worden.
Gründung und Entwicklung
Das Corpus Vitrearum Medii Aevi (CVMA) wurde 1952 auf dem Internationalen Kunsthistoriker-Kongress in Amsterdam gegründet. Treibende Kraft war Hans Robert Hahnloser, der die teils bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückreichenden Initiativen einzelner Länder bündelte und führende Kunsthistoriker sowie Denkmalpfleger für sein Vorhaben gewinnen konnte. Die Gründungsidee war ambitioniert: Jedes teilnehmende Land sollte die mittelalterlichen Glasmalereien auf seinem Territorium systematisch erfassen und in wissenschaftlichen Katalogbänden publizieren. Diese Bände sollten nach einheitlichen Standards erstellt werden, um die internationale Vergleichbarkeit und eine hohe wissenschaftliche Qualität zu gewährleisten.
Bereits Ende der 1960er-Jahre hat man in Ländern mit umfangreicheren nachmittelalterlichen Glasmalereibeständen die Zeitgrenze der zu erschließenden Denkmäler bis ans Ende des 18. Jahrhunderts hinaufgerückt. 2014 wurde schließlich entschieden, auf internationaler Ebene auch die Glasmalereien des 19. und 20. Jahrhunderts in das offizielle Arbeitsprogramm des Corpus Vitrearum aufzunehmen.
An die Erforschung der historischen Bestände waren von Beginn an auch denkmalpflegerische Aspekte geknüpft. Das Bewusstsein um den zunehmenden Verfall der Glasmalereien führte 1965 auf den 5. Internationalen Kolloquium des CVMA in Straßburg zur Gründung des Komitees für Konservierung und Technologie, das 2009 als „Hybrid-Komitee“ institutionell in ICOMOS (International Council on Monuments and Sites) verankert wurde und maßgeblich an der Formulierung internationaler Richtlinien für Konservierung und Restaurierung historischer Glasmalereien beteiligt war.
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- Bombenschäden in St. Remi in Reims durch deutsche Truppen während des Ersten Weltkriegs.
Foto: Corpus Vitrearum
Organisationsstruktur
Das Corpus Vitrearum ist als loses Netzwerk nationaler Komitees organisiert, die in ihren jeweiligen Ländern autonom arbeiten. Die Mitgliedsländer organisieren regelmäßige Kolloquien, die sich zu einer wichtigen Plattform für den wissenschaftlichen Austausch entwickelt haben. Koordiniert wird die Tätigkeit von einem internationalen Präsidium. Waren anfangs vor allem westeuropäische Länder wie Frankreich, Deutschland, Großbritannien und die Niederlande beteiligt, so erweiterte sich das Netzwerk im Laufe der Jahrzehnte auf weitere europäische Länder sowie auf Nordamerika. Aktuell (Stand Januar 2026) arbeiten 13 Nationen an dem Projekt mit; Chile und Irland haben Anträge auf Aufnahme gestellt.
Publikationen
Seit seinem Bestehen sind allein 104 Bände erschienen, die nach dem Prinzip klassischer Denkmälerinventare topographisch gegliedert sind. Fast jedes Nationalkomitee gibt daneben eine Studienreihe zu einzelnen Themenschwerpunkten heraus (23 Bände). Frankreich, die USA und Großbritannien sind außerdem dazu übergegangen, Kurzinventare ihres Gesamtbestandes zu erstellen (Recensement des vitraux ancien de la France, Checklists, Summary Catalogues). Diese Kurzinventare umfassen aktuell 30 Bände. Weitere 53 Bände befinden sich in Vorbereitung oder sind in Planung. Schließlich erscheinen in regelmäßiger Folge auch Konferenzberichte zu den internationalen Kolloquien.
Aufbau einer virtuellen Bibliothek
Seit dem Eintritt ins digitale Zeitalter arbeiten viele Nationalkomitees an der Digitalisierung ihrer Bestände und der Entwicklung von Online-Plattformen. Um die häufig nur in Forschungseinrichtungen und Universitätsbibliotheken vorhandenen Bände dieses internationalen Editionsvorhabens einem breiten Interessentenkreis zur Verfügung zu stellen, hat die Freiburger Arbeitsstelle des Corpus Vitrearum in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek Heidelberg damit begonnen, der Forschung die Inventarbände als digitales Volltextangebot zur Verfügung zu stellen. Die virtuelle Bibliothek soll schrittweise um weitere Bände der internationalen Reihe erweitert werden, mit dem langfristigen Ziel einer vollständigen digitalen Gesamtedition des Corpus Vitrearum.
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- Ein Forscherteam aus Frankreich und Deutschland begleitet die Restaurierung der Glasmalereien im Straßburger Münster.
Foto: Atelier Parot Aiserey, Frankreich