Werner, Wilfried
Cimelia Heidelbergensia: 30 illuminierte Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg — Wiesbaden, 1975

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Zu den Handschriftensammlungen der Universitätsbibliothek
Heidelberg, ihrer Geschichte und ihrer Erschließung

Den ältesten Bestand bilden die 893 Codices Palatini. Sie waren ehemals Teil jener berühmten Bibliotheca
Palatina, die von Ottheinrich (Kurfürst von der Pfalz 1556-1559) durch Vereinigung der Schloßbibliothek mit
der Büchersammlung des Stifts zum Hl. Geist gegründet worden war. Zu ihr gehörten auch die Bücher, die
Ulrich Fugger, der einzige Protestant der Augsburger Patrizierfamilie, bei seiner Übersiedlung nach Heidelberg
im Jahre 1567 in der Heilig-Geist-Kirche hatte aufstellen lassen und die nach seinem Tode 1584 als testamen-
tarisches Vermächtnis des großen Bibliophilen dort verblieben. Neben berühmten griechischen und lateinischen
Handschriften gehörten dazu auch wichtige deutsche Literaturwerke. — Die Pfälzische Bibliothek wurde nach
der Eroberung Heidelbergs durch die kaiserlichen Truppen unter Tilly im Jahre 1622 vom bayerischen Herzog
Maximilian dem Papst zum Geschenk gemacht und der Vatikanischen Bibliothek einverleibt. Aus Rom
gelangten durch die Napoleonischen Kriege einige besonders wertvolle griechische und lateinische Hand-
schriften der Pfälzischen Sammlung zunächst nach Paris, durch den Frieden von 1815 dann in ihre frühere
Bibliotheksheimat zurück nach Heidelberg. Es waren 26 Codices Palatini Graeci (unter ihnen die Anthologia
Graeca, 10. Jhdt., eine Sammelhandschrift vorwiegend geographischen Inhalts, 10. Jhdt., eine Thukydides-
Handschrift, 11. Jhdt.) sowie 12 Codices Palatini Latini (u.a. Plautus, 10./IL Jhdt., Gregor von Tours,
9. Jhdt., Florus, 9. Jhdt.). Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl führten im Jahre darauf zur Rückgabe der
847 Codices Palatini Germanici. Der Reichtum an Werken der deutschen Literatur des 12.-15. Jahrhunderts
(z.B. König Rother, 12. Jhdt., Rolandslied des Pfaffen Konrad, 12. Jhdt., Hartmanns Iwein, 13. Jhdt., Kleine
Heidelberger Liederhandschrift, 13. Jhdt.) macht den besonderen Wert dieser Gruppe aus.

Gleichzeitig wurden vier weitere lateinische, für die Heidelberger Universitätsgeschichte besonders wichtige
Handschriften sowie der althochdeutsche Otfrid-Kodex aus der Fuggerschen Sammlung (9. Jhdt.) zurück-
erstattet, den man - wohl wegen seiner lateinischen Vorrede - unter die Palatini Latini eingereiht hatte. Die
Anzahl der griechischen Kodizes konnte 1881 ergänzt werden durch drei Palatina-Handschriften, die 1620 an
einen Wittenberger Gelehrten verliehen worden waren und die jetzt — nach langjährigem Aufenthalt in der
Universitätsbibliothek Halle - nach Heidelberg zurückkamen.

Zu den Codices Palatini Germanici zählt heute auch die Große Heidelberger Liederhandschrift (Manesse-
Kodex).

Sämtliche in den Jahren 1815 und 1816 an die Universitätsbibliothek Heidelberg zurückgegebenen Codices
Palatini Graeci, Latini und Germanici sind beschrieben bei Friedrich Wilken1. - Karl Bartsch2 verzeichnet
die Palatini Germanici bis zum Jahre 1500 sowie die deutschen und niederländischen Texte in den Palatini
Latini, Codices Salemitani und Codices Trübner.

Der Katalog von Jakob Wille3 umfaßt die Palatini Germanici aus der Zeit von 1500-1622 sowie in einem
Anhang die Handschriften der BATT'schen Sammlung (jetzt bei den »Heidelberger Handschriften«).

Zur Gruppe der Codices Salemitani gehören 442 meist lateinische Handschriften des 10.-18. Jahr-
hunderts. Sie stammen aus der Zisterzienserabtei Salem (Salmansweiler) am Bodensee, die 1803 säkularisiert
worden war und deren Büchersammlung im Jahre 1826 durch die Universitätsbibliothek angekauft wurde (vor
allem theologische Literatur, Kanonistik, illuminierte Bibeln und kostbare liturgische Bücher, insbesondere
des 13. bis 16. Jahrhunderts, zum Teil französischer Herkunft). Mit der Salemer Sammlung waren die Reste der
Bibliothek des ebenfalls aufgehobenen Benediktinerklosters Petershausen vereinigt worden (Hauptwerk dieses
Teils: ein Sakramentar des lO.Jhdts von der Reichenau). Die Codices Salemitani werden erschlossen durch
ein alphabetisches Repertorium (Bandkatalog), einen Standortkatalog (maschinenschr.) und ein Zettelregister.
An einer Neuaufnahme dieses Bestandes wird zur Zeit gearbeitet.

Die Sammlung Trübner, ein Vermächtnis des Buchhändlers Nikolaus Trübner, eines gebürtigen Heidel-
bergers (gest. 1884), enthält unter ihren 154 Nummern neben etlichen Drucken (bibliophilen Werken, Fak-
similes, Sammlungen von Karikaturen usw.) eine größere Anzahl von orientalischen Handschriften in zum Teil

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