(Cod. Pal. Germ. 152) Historie vom Herzog Herpin
Wappen angebracht (fol. 372r), das auf den Besitzer oder Besteller der Handschrift hinweist. Es ist das
Wappen von Savoyen. Man trifft es auch in unserer Herpin-Handschrift (85v), ferner in Cod. Pal. Germ. 353
(Wittich vom Jordan) und - zusammen mit dem von Württemberg - in Cod. Pal. Germ. 345 (allerdings nur
im Teil des »Friedrich von Schwaben«). Alle sogenannten Hennfflin-Bücher dürften demnach durch Margarete
von Savoyen (t 1479), die Gemahlin des Kurfürsten Ludwig IV. (1424-1449) und Mutter Philipps (Kurfürst
1476) erworben worden sein, die in zweiter Ehe mit Ulrich V. von Württemberg vermählt war. Als Ent-
stehungszeit kämen die Jahre zwischen 1470 und 1479 in Frage. Den Sitz der Werkstatt vermutet Wegener
in Stuttgart, der Residenzstadt Margaretes. Die Mundart der Texte wird man allerdings kaum generell als
Stütze dafür anführen dürfen, wie es Wegener -wenn auch vorsichtig - tut (S. 72). Vielmehr sind die Dialekte
der einzelnen Handschriften recht verschieden. Offensichtlich westschwäbisch ist Cod. Pal. Germ. 67 (Sigenot)
mit dem Namensvermerk Hennfflins1.Ähnlich ist der Lautstand in Cod. Pal. Germ.353 (Wittich vom Jordan)2.
Beide Handschriften weichen durch das kleine Format (8°) von den übrigen ab, Cod. Pal. Germ. 67 außerdem
durch die Schriftart (Bastarda gegenüber Buchkursive) und teilweise durch die Farbgebung. - Niederaleman-
nische Elemente zeigt dagegen Cod. Pal. Germ. 152 (Herpin)3. Ähnlich ist die Mundart von Cod. Pal.
Germ. 142 (Pontus und Sidonia) und des ersten Teiles von Cod. Pal. Germ. 345 (Lohengrin). Ganz anders
jedoch stellt sich der - entgegen der Tabelle von Wegener - von einer anderen Hand geschriebene zweite
Teil (Friedrich von Schwaben) dar: Hier findet man die vom Bairischen beeinflußten Merkmale des Ost-
schwäbischen. —
Für die Abweichungen sind verschiedene Erklärungen möglich. So müssen Mundart der Vorlage und
Heimatdialekt des Schreibers berücksichtigt werden. An verschiedene Entstehungsorte zu denken fällt schwer.
Ein und derselbe Künstler hätte dann von Margarete mit der Ausmalung der an verschiedenen Plätzen erwor-
benen Handschriften beauftragt sein müssen; in allen Manuskripten wäre - auf Veranlassung Margaretes? -
Raum für andernorts zu ergänzende Miniaturen ausgespart worden.
Die 260 Miniaturen unserer Herpin-Handschrift zeigen eine wesentliche Entwicklung gegenüber denen der
Lauber-Werkstatt an. Die gerahmten Bilder sind szenisch geschlossen aufgebaut, die Umwelt ist weitgehend-
unter Beachtung der perspektivischen Gesetze — berücksichtigt, sowohl was die Landschaftselemente, als was
die Interieurs betrifft. Die perspektivische Wirkung wird erhöht durch das am oberen Bildrand streifenförmig
angelegte Blau des Himmels, das zum Horizont hin sich stark aufhellt. Die Personen sind meist in richtigen
Proportionen dargestellt, in bürgerlicher Tracht von modischer Eleganz, jedoch allzu steif gemessen in den
Bewegungen. Lediglich die Kampfbilder sind von abwechslungsreicher Dynamik und ansprechender Farbig-
keit. Hier tritt zudem die auffallendste Schwäche des Zeichners, die sich sonst in der Darstellung von plumpen,
wenig ausdruckvollen Gesichtern äußert, wegen der meist behelmten Köpfe der Krieger am wenigsten in
Erscheinung. Im übrigen sind die zahlreichen Darstellungen von Turnier-, Tanz- und Gesellschaftsszenen
kulturhistorisch von erheblichem Interesse.
Die »Historie vom Herzog Herpin« ist die spätmittelhochdeutsche Prosaübertragung einer französischen
Chanson de geste »Lion de Bourges«. Wiewohl der eigentliche historische Hintergrund in der Zeit des ersten
Kreuzzuges liegt, wird auch hier der Stoff mit der Person Karls des Großen verbunden:
Der Sohn des von König Karl verbannten Herzogs Herpin wird als Findling von einer Löwin gesäugt und
später von einem Ritter adoptiert, der ihn »Low« nennt. Im Turnier gewinnt er die Hand einer Königstochter.
Dabei unterstützt ihn ein »weißer Ritter«, der, mit hohen Zechschulden gestorben und durch den Wirt in den
Rauchfang gehängt (!), von Low aus Mitleid freigekauft und kirchlich bestattet worden ist. Low findet seine
Eltern wieder, wird aber in den zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen, Verfolgungen, Intrigen
wiederholt von Gattin und Kindern getrennt. Um sein Erbe in Bourges anzutreten, muß er das Hörn blasen,
das nur sein rechtmäßiger Besitzer blasen kann. Er stirbt als Einsiedler, während in weiteren durch Haß, Neid,
Betrug und Zwietracht ausgelösten Kämpfen beide Söhne ihr Leben verlieren.
Stoff und Haltung der französischen Vorlage entsprechen dem Geschmack einer Zeit, in der die Idealwelt
höfischen Artus-Rittertums immer stärker verblaßt, in der die ritterlichen Tugenden nicht nur ihre lebens-
prägende Kraft verlieren, sondern auch aus der Literatur mehr und mehr verdrängt werden.
Realistische Darstellung breitet sich aus, die nicht nur die dinghafte Umwelt stärker in den Blick nimmt,
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Wappen angebracht (fol. 372r), das auf den Besitzer oder Besteller der Handschrift hinweist. Es ist das
Wappen von Savoyen. Man trifft es auch in unserer Herpin-Handschrift (85v), ferner in Cod. Pal. Germ. 353
(Wittich vom Jordan) und - zusammen mit dem von Württemberg - in Cod. Pal. Germ. 345 (allerdings nur
im Teil des »Friedrich von Schwaben«). Alle sogenannten Hennfflin-Bücher dürften demnach durch Margarete
von Savoyen (t 1479), die Gemahlin des Kurfürsten Ludwig IV. (1424-1449) und Mutter Philipps (Kurfürst
1476) erworben worden sein, die in zweiter Ehe mit Ulrich V. von Württemberg vermählt war. Als Ent-
stehungszeit kämen die Jahre zwischen 1470 und 1479 in Frage. Den Sitz der Werkstatt vermutet Wegener
in Stuttgart, der Residenzstadt Margaretes. Die Mundart der Texte wird man allerdings kaum generell als
Stütze dafür anführen dürfen, wie es Wegener -wenn auch vorsichtig - tut (S. 72). Vielmehr sind die Dialekte
der einzelnen Handschriften recht verschieden. Offensichtlich westschwäbisch ist Cod. Pal. Germ. 67 (Sigenot)
mit dem Namensvermerk Hennfflins1.Ähnlich ist der Lautstand in Cod. Pal. Germ.353 (Wittich vom Jordan)2.
Beide Handschriften weichen durch das kleine Format (8°) von den übrigen ab, Cod. Pal. Germ. 67 außerdem
durch die Schriftart (Bastarda gegenüber Buchkursive) und teilweise durch die Farbgebung. - Niederaleman-
nische Elemente zeigt dagegen Cod. Pal. Germ. 152 (Herpin)3. Ähnlich ist die Mundart von Cod. Pal.
Germ. 142 (Pontus und Sidonia) und des ersten Teiles von Cod. Pal. Germ. 345 (Lohengrin). Ganz anders
jedoch stellt sich der - entgegen der Tabelle von Wegener - von einer anderen Hand geschriebene zweite
Teil (Friedrich von Schwaben) dar: Hier findet man die vom Bairischen beeinflußten Merkmale des Ost-
schwäbischen. —
Für die Abweichungen sind verschiedene Erklärungen möglich. So müssen Mundart der Vorlage und
Heimatdialekt des Schreibers berücksichtigt werden. An verschiedene Entstehungsorte zu denken fällt schwer.
Ein und derselbe Künstler hätte dann von Margarete mit der Ausmalung der an verschiedenen Plätzen erwor-
benen Handschriften beauftragt sein müssen; in allen Manuskripten wäre - auf Veranlassung Margaretes? -
Raum für andernorts zu ergänzende Miniaturen ausgespart worden.
Die 260 Miniaturen unserer Herpin-Handschrift zeigen eine wesentliche Entwicklung gegenüber denen der
Lauber-Werkstatt an. Die gerahmten Bilder sind szenisch geschlossen aufgebaut, die Umwelt ist weitgehend-
unter Beachtung der perspektivischen Gesetze — berücksichtigt, sowohl was die Landschaftselemente, als was
die Interieurs betrifft. Die perspektivische Wirkung wird erhöht durch das am oberen Bildrand streifenförmig
angelegte Blau des Himmels, das zum Horizont hin sich stark aufhellt. Die Personen sind meist in richtigen
Proportionen dargestellt, in bürgerlicher Tracht von modischer Eleganz, jedoch allzu steif gemessen in den
Bewegungen. Lediglich die Kampfbilder sind von abwechslungsreicher Dynamik und ansprechender Farbig-
keit. Hier tritt zudem die auffallendste Schwäche des Zeichners, die sich sonst in der Darstellung von plumpen,
wenig ausdruckvollen Gesichtern äußert, wegen der meist behelmten Köpfe der Krieger am wenigsten in
Erscheinung. Im übrigen sind die zahlreichen Darstellungen von Turnier-, Tanz- und Gesellschaftsszenen
kulturhistorisch von erheblichem Interesse.
Die »Historie vom Herzog Herpin« ist die spätmittelhochdeutsche Prosaübertragung einer französischen
Chanson de geste »Lion de Bourges«. Wiewohl der eigentliche historische Hintergrund in der Zeit des ersten
Kreuzzuges liegt, wird auch hier der Stoff mit der Person Karls des Großen verbunden:
Der Sohn des von König Karl verbannten Herzogs Herpin wird als Findling von einer Löwin gesäugt und
später von einem Ritter adoptiert, der ihn »Low« nennt. Im Turnier gewinnt er die Hand einer Königstochter.
Dabei unterstützt ihn ein »weißer Ritter«, der, mit hohen Zechschulden gestorben und durch den Wirt in den
Rauchfang gehängt (!), von Low aus Mitleid freigekauft und kirchlich bestattet worden ist. Low findet seine
Eltern wieder, wird aber in den zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen, Verfolgungen, Intrigen
wiederholt von Gattin und Kindern getrennt. Um sein Erbe in Bourges anzutreten, muß er das Hörn blasen,
das nur sein rechtmäßiger Besitzer blasen kann. Er stirbt als Einsiedler, während in weiteren durch Haß, Neid,
Betrug und Zwietracht ausgelösten Kämpfen beide Söhne ihr Leben verlieren.
Stoff und Haltung der französischen Vorlage entsprechen dem Geschmack einer Zeit, in der die Idealwelt
höfischen Artus-Rittertums immer stärker verblaßt, in der die ritterlichen Tugenden nicht nur ihre lebens-
prägende Kraft verlieren, sondern auch aus der Literatur mehr und mehr verdrängt werden.
Realistische Darstellung breitet sich aus, die nicht nur die dinghafte Umwelt stärker in den Blick nimmt,
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