Kautzsch, Rudolf
Diebolt Lauber und seine Werkstatt in Hagenau — Stuttgart, 1895

Seite: 79
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von Dr. R. Kautzsch. 79

sich wohl, mit Hilfe der Einbände solche alte Bibliotheken wieder zu-
sammenzusuchen.

Barack schliesst seine Beschreibung mit der Bemerkung: „Der
Text ist mit groben, roh bemalten Federzeichnungen illustriert und mag
in der damals zu Hagenau bestehenden Bücherschreiberei gefertigt sein".

E.

Keine der bisher bekannten Hss. aus Hagenau kann ganz oder
auch nur zum grössern Theile einem Zeichner zugewiesen werden,
den wir in zwei Werken, jedesmal im Gefolge C's, treffen. In der
oben unter C II besprochenen Bibel tauchen plötzlich mitten unter
den überaus rohen Gestalten C's eingehend ausgeführte, mit spitziger
Feder sorgsam gezeichnete Figuren auf, von jenen ganz verschieden,
lediglich auf einige zusammenhängende Stücke der Hs. beschränkt,
während sonst nirgends auch nur eine Annäherung an diesen pein-
lichen Stil bemerkbar ist. Zweifellos haben wir als den Urheber dieser
Darstellungen einen neuen, besonderen Zeichner anzusehen, da weder
C noch D, neben denen er zunächst auftritt, jene Bilder gefertigt haben
kann. Diese Aufstellung wird zur Gewissheit, wenn wir beachten, dass
in keiner von 3 andern Hss. C's (I, III u. V), in sehr zahlreichen
Bildern sich je etwas ähnliches findet, während wieder in C IV die-
selben fein ausgeführten Köpfe, dieselbe Zeichnung mit spitzer Feder,
aber wieder nur auf 3 Bilder beschränkt, wahrnehmbar ist.

In der That lassen sich auch diesem fünften Zeichner, E, eine
Reihe Einzelheiten nachweisen, die ihn von allen andern Arbeitern
der Werkstatt scheiden.

Er zeichnet in gestrichenem Stil, aber in ganz dünnen Strichen.
Die Schatten (selbst im Gesicht) werden durch reichliches Schraffieren
hervorgehoben.

Für seine Formensprache ist bezeichnend, dass sich feste Ge-
sichtstypen nicht umschreiben lassen: er zeichnet sehr individuelle
Köpfe. Aber sie machen nicht den Eindruck peinlicher Ängstlichkeit.
Von der handwerksmässigen Sicherheit, die mit wenig Strichen alles
erreicht, ist er ebenso weit entfernt. An den Köpfen ist ihm offenbar
am meisten gelegen. Er zeichnet sie denn auch fast stets zu gross.
Dafür werden sie aber höchst sorgsam ausgeführt. Die Nase ist regel-
mässig gebildet, die Stirn hoch gewölbt, das Haar frei und natürlich
gezeichnet.

Wenn der Zeichner auch in seinem zweiten Werk sich nicht
ganz wie im ersten zeigt, sondern etwas kräftiger, freier und gleich-
massiger, so sehe ich doch keinen Grund, der die Zuweisung der
beiden Stücke an einen Zeichner verböte. Des Verbindenden ist
doch mehr, als des Trennenden. Wenn wir Köpfe vergleichen, wie
die der Mohrenprinzessin in der Mosesgeschichte (C II = E I) und
des Berners beim Drachenkampf (C IV = E II), so werden wir schwer-
lich an verschiedene Urheber denken wollen. Nichts hindert, in der
zweiten Hs. das spätere, darum entwickeltere Werk E's zu sehen.
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