Schulz, Hugo [Oth.]; Conradus <de Megenberg> [Oth.]
Das Buch der Natur: die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache — Greifswald, 1897

Page: 220
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/Schulz1897/0228
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
22Ö

Einwohnern nicht erschlagen. Auch berichtet Aristoteles, im
Lande Lacedonia sei ein Berg, auf dem kein Skorpion den Fremden
etwas thue, die eingeborenen Leute aber schädigen sie. Die
Schlangen sind von Natur hitzig und schaden desshalb wenig oder
gar nicht, wenn sie kalt werden. Bei Nacht sind sie weniger
schädlich, wie am Tage, da sie Nachts vom Thau kalt werden.
Wer durch Schlangengift stirbt, erstarrt zuerst, wirkt aber das Gift
erhitzend ein, so tödtet es den Menschen durch Austrocknen und
Ausdörren. Doch sagt man, das Gift schade dem Menschen nicht,
wenn es nicht in's Blut komme. Es wird auch behauptet, dass die
Schlangen sich vor einem nackten Menschen fürchten, ihn fliehen,
und nicht wagen, ihn zu beschädigen. Ambrosius sagt, der
Speichel eines nüchternen Menschen sei für die Schlangen tödtlich,
denn wenn eine Schlange solchen Speichel auch nur ein wenig be-
rühre, sterbe sie sofort. Eia, Mensch, nun sieh, wie grosse Kraft
das Fasten hat, dass der nüchterne Speichel eine irdische Schlange
zu tödten vermag! Traun, so ist es billig, dass das Fasten auch
gegen die geistlichen Schlangen, das heisst gegen die bösen Geister,
hülfreich sei. Das Gift, welches von den Schlangen herrührt, ist
ebenso verschiedener Art, wie die Schlangen selbst. Es sind eben-
soviel böse Eigenschaften an ihnen bemerkbar, wie es verschiedene
Arten giebt. So bunt gefärbt sie sind, so viel Schmerzen machen
sie den Menschen. Die Milz der Schlangen ist klein und rund.
Die Schlange birgt ihren Kopf, indem sie den ganzen Leib darum
windet und greift so ihren Feind an. Wenn sie nemlich den Kopf
beschirmt, so bleibt sie lebendig, wenn auch der übrige Theil des
Körpers zu Grunde geht. Will sie ins Wasser gehen, so entledigt
die Schlange sich vorher ihres Giftes. Kommt sie aus dem Wasser
wieder heraus, so nimmt sie das Gift wieder auf, und wenn sie es
nicht finden kann, so schlägt sie den Kopf so oft gegen die Erde,
bis sie vor Leid stirbt. Die Schlange flieht jeden guten Geruch
und stirbt oft davon. Man sagt auch, aus dem Mark des Menschen
entständen Schlangen, besonders aus dem Rückenmark. Rabanus
giebt an, das lateinische Wort für Gift bedeute so viel wie ein
Aderstoff, weil das Gift in die Adern eindringt. Ader heisst aber
lateinisch Vena, daher rührt denn das lateinische Wort Venen um,
das heisst Gift. Wir haben ja schon vorher gesehen, dass das Gift
unschädlich ist, wenn es nicht mit dem Blut in Berührung kommt.
Alles Gift ist von Natur kalt, desshalb flieht das Leben vor dem
loading ...