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III.

GESCHICHTE DER ERFORSCHUNG

Die ersten ausführlicheren Nachrichten erhalten wir
durch einen Fremdenführer, den der Kanonikus Ce-
lano im Jahre 1692 ausgehen ließ1. Die Katakomben
waren damals noch in Gebrauch oder wieder in Ge-
brauch genommen worden. In den schweren Epi-
demien, von denen die Stadt gerade im sechzehn-
ten und siebzehnten Jahrhundert heimgesucht wor-
den war, hatte der Vizekönig das vor der Stadt ge-
legene, verlassene Kloster San Gennaro als Pestlazarett
einrichten lassen und die Pestleichen in den verlasse-
nen Katakomben bestattet. Nach Beendigung der letz-
ten Epidemie hatte man dann die Katakomben ver-
mauert. Nun war im Jahre 1649 eine Verschlußmauer
eingestürzt, und der damals neunzehnjährige Celano
hatte, nach Verabredung mit dem Küster der Kirche,
eine vierstündige Wanderung durch die Katakomben
von S. Gennaro unternehmen können. Die starken
Eindrücke, die er damals erhalten hatte, gibt er in
seinem Fremdenführer wieder. Vor allem aber ließ er
durch einen Architekten einen Plan der Katakombe
zeichnen und gab ihn seinem Buche in einer Kupfer-
tafel bei. Der Plan ist, wie man auf den ersten Blick
sieht, voller Fehler und Unrichtigkeiten. Vor allem
ist die Einsicht in die geologischen Verhältnisse da-
durch versperrt, daß die erste und die zweite Kata-
kombe in eine Ebene verlegt sind und als eine einheit-
liche Anlage vorgeführt werden. Trotzdem ist der
Plan für uns noch von Wert. Denn wir sehen an ihm,
daß die Katakomben von S. Gennaro damals voll-
ständig erhalten und überall zugänglich waren, mit
Ausnahme einiger Kubikula neben dem Vorsaal der
ersten Katakombe, die man zum Begräbnis der Pest-
leichen verwandt und später vermauert hatte. Die
schönen Vorräume der zweiten Katakombe und „die
Grabstätte links vom Eingang der zweiten Katakom-
be“ scheinen ebenfalls noch unzugänglich gewesen zu
sein. Aber im übrigen hatte der härtere Tuffstein und
die Weiträumigkeit die Neapler Katakomben davor
bewahrt, daß sie durch eindringendes Regenwasser
sich mit Erde füllten und unzugänglich wurden.
Diesem günstigen Umstand können wir aus der Be-
schreibung Celanos noch einen anderen zur Seite
1 5. Aufl. Giornata settima p. 45-50. - Die Titel der Bücher s.
im Vorwort. 2 Celano 49. 3 J. Mabillon et M. Germain,
Museum italicum. T. I, 1. Paris 1687. p. 114t. 4 M. A.

stellen, nämlich den, daß die Katakomben im Jahre
1649 noch nicht geplündert waren. Er fand das Tauf-
becken im Vorsaal der ersten Katakombe mit Marmor
bekleidet und mit Wasser gefüllt2. Auch die Gräber
scheinen unangerührt gewesen zu sein.
Die Pest der Jahre 1656-58 zwang die Regierung noch
einmal zu einer starken Belegung der Katakomben
und zur Vermauerung der in Anspruch genommenen
Teile.
Celano scheint bis zu seinem Lebensende die Autorität
in Katakombensachen gewesen zu sein. Er führte im
Jahre 1685 den berühmten Mabillon dort herum, wie
dieser in seinem Iter italicum erzählt3. Der Kustos der
Reliquien in Rom, M. A. Boldetti, nahm noch 1720
die kurze Beschreibung Celanos samt seinem Plan in
sein bekanntes Katakombenwerk auf4.
Inzwischen setzte die Zerstörung der Katakombe ein.
Denn Pelliccia fand schon den gegenwärtigen Zustand
vor. Die großen Transennen, welche die Kubikula ab-
schlossen, wurden sämtlich entfernt, alle Gräber ge-
öffnet und ihres Inhalts beraubt, alle Grabplatten ver-
kauft und zu andern Zwecken verwendet, so daß nur
ein kleiner Teil später gesammelt und in das Museum
gebracht werden konnte. In der ganzen Katakombe
ist kein Stück Marmor mehr zu finden; es müßte denn
in neuerer Zeit aus dem Schutt ausgegraben worden
sein. Der Zustand der modernen Verwüstung scheint
zunächst schlimmer zu sein als in den römischen Kata-
komben. In Rom stößt man doch immer auf Partien,
die intakt sind.
Der Vergleich mit Rom läßt aber auch einen günstigen
Umstand erkennen. In Neapel ist nur geraubt, nicht
absichtlich zerstört worden. Die Schatzgräber und
Marmorhändler haben die Grabkammem mit ihren
Bildern unberührt gelassen, soweit sie nicht transpor-
tabel waren. Einen eigentlichen Bildersturm hat es in
Neapel nur im achten Jahrhundert gegeben, und er
hat nicht allzuviele Spuren zurückgelassen. Man trifft
in Rom viel mehr Denkmäler des Vandalismus aus
alter und neuer Zeit als in Neapel.
Diesen Zustand fand Pelliccia5 vor, als er im Jahre
1779 eine gelehrte Dissertation „De coemeterio, sive
Boldetti, Osservazioni sopra i cimiteri de’ s. martiri, ed antichi
cristiani di Roma. Roma 1720. p. 604fr. 5 Vgl. über ihn
Wetzer-Weltes Kirchenlextkon, 2. Aufl., Bd. 9, 1895, S. 1772t.
 
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