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Restaurierungsgeschichte mittelalterlicher Gewölbe- und Wandmalereien im Gebiet des heutigen Niedersachsen
Restaurierungsgeschichte232
1903 Im Zuge der Neuausmalung des Kirchenraums
Entdeckung und Teilfreilegung der Wandmalereien an
der Südwand des Chors. Anschließende Untersu-
chung durch einen hannoverschen Kirchenmaler und
Auffindung weiterer Malereien an der Ostwand.233
1907 Vollständige Freilegung und Restaurierung der
Malereien im Chor durch einen Kirchenmaler aus
Hannover.234
1959/60 Verkleinerung des östlichen Südfensters im
Chor.235 Ausbau der Nordempore im Chor. Versetzung
der Kanzel von der Innenseite der Triumphbogen-
leibung zur südlichen Ostwand des Langhauses.
Freilegung und Restaurierung der Wandmalereien im
Langhaus und an der Triumphbogenleibung durch
einen Kirchenmaler aus Hameln. Teilrestaurierung der
Wandmalereien im Chor.236
1979 Restaurierung aller Malereien durch einen
Restaurator aus Bramsche. Teilabnahme von Überma-
lungen an der Chorostwand. Vermutlich Hinterfüllung
von losen Putzbereichen.237
2002 Risskittung, Hinterfüllung und Retusche inner-
halb der Trinitätsdarstellung an der Triumphbogen-
wand durch Restauratoren aus Groß Thondorf.238
2004 Untersuchung und Konservierung der Chorma-
lereien durch einen Lehrter Restaurator.239
Restauratorische Maßnahmen 1903-07
Auffindung und Freilegung
1903 wurden an der Südwand des Chors im Zuge der
Neuausmalung der Kirche Malereien entdeckt. Der
hannoversche Provinzialkonservator Reimers empfahl
Kirchenmaler Ebeling aus Hannover für die nähere
Untersuchung und Beurteilung der Malereien auf
ihren Erhaltungswert. Ebeling befand die figürlichen
Malereien als erhaltenswert, die Quadermalerei dage-
gen als unbedeutend und datierte ihre Entstehungs-
zeit auf circa 1400. Er entdeckte auch an der Ostwand
Malerei und empfahl die Freilegung und Restau-
rierung von fachkundiger Hand, da die Malereien „in
ihrem Zusammenhang von kunsthistorischem Wert"
seien. Weitere Freilegungsarbeiten habe er unter-
sagt.240 Im Dezember 1903 erhielt Ebeling den Auftrag
für die weitere Freilegung der Malereien.241 Im Juli
1904 wurde der Kirchengemeinde eine staatliche Bei-
hilfe für die Freilegung und Instandsetzung ge-
währt.242 1905 hegte die Kirchengemeinde den
Wunsch, die Arbeiten aufzuschieben, da Ebeling sich
durch den im Frühjahr ausgebrochenen Malerstreik
außerstande sah, sie auszuführen.243 Im August 1906
war die Freilegung noch immer nicht erfolgt.244
Ebeling wird sie im Frühjahr oder Sommer 1907 aus-
geführt haben, da im August des Jahres die Restau-
rierung bereits vollendet war.
Über das Vorgehen bei der Freilegung sind aus den
Quellen keinerlei Informationen zu entnehmen. Die
im Rahmen der vorliegenden Arbeit ausgeführte res-
tauratorische Untersuchung hatte zum Ergebnis, dass
die Freilegung mechanisch mit Hammer und Spachtel
bzw. Messer vorgenommen wurde. Auf der mittelal-
terlichen Malerei lagen ein dünner Verputz und viele
jüngere Fassungen, die im Eckbereich der Nord- und
Westwand des Chors noch sichtbar sind. In Teil-
bereichen sind Hack- und Kratzspuren zu finden.
Durch die großflächige Freilegung sind Höhungen der
Malerei abgeschabt worden. Auffällig sind viele
Abplatzungen von Tünche-Malschicht-Paketen. Diese
Schäden können bereits älteren Ursprungs sein. Mög-
licherweise sind aber auch lose Bereich bei der Frei-
legung abgeschabt worden. Auf der Malerei liegen
viele Reste jüngerer Tünchen, die bei der Freilegung
nicht berücksichtigt wurden.
Restaurierung
Im Juli 1904 war der Kirchengemeinde für die
Freilegung und Restaurierung eine staatliche Beihilfe
gewährt worden, unter der Bedingung, dass „die in
der Farbe erhaltenen Flächen nicht übermalt, sondern
nur ausgebessert" würden. Die Zahlung der Beihilfe
sollte erfolgen, sobald der Provinzialkonservator be-
scheinigt hätte, dass die „Arbeiten vom Standpunkt
der Denkmalpflege aus gut ausgeführt" seien.245
Die Restaurierung fand erst im Jahre 1907 statt. Über
die Vorgehensweise wurde nicht berichtet. Die durch
die Autorin durchgeführten restauratorischen Unter-
suchungen deuten jedoch darauf hin, dass Ebeling
nicht nur Ergänzungen vornahm. Ausbrüche ergänzte
er mit Kalkmörtel. Risse ließ er weitestgehend unbe-
rücksichtigt. Anschließend übermalte er den maleri-
schen Bestand lasierend. Hierbei ist ein Unterschied
zwischen der Behandlung der figürlichen und der
dekorativen Malerei erkennbar. Die figürlichen Male-
reien überarbeitete er, indem er zunächst die Lokal-
töne lasierend übermalte und anschließend die
Konturen in Rot nachzog. Hierbei orientierte er sich
an der mittelalterlichen Vorzeichnung, die er wieder-
holte und als Kontur präsentierte. Die ursprüngliche,
nur noch fragmentarisch vorhandene, schwarze
Kontur, beließ er in vorhandenen Bereichen, rekons-
truierte sie jedoch nicht. Ebelings Übermalung kann
als behutsam und gewissenhaft gelten, da er mit was-
serlöslichen Farben arbeitete und nicht vom Bestand
abwich. Unter seiner Kontur ist die ursprüngliche Vor-
zeichnung zum Teil noch erkennbar. Die Abweichun-
gen sind minimal.
Ebeling hat sämtliche vorhandene Zeichnung nachge-
zogen. Dagegen hat er bestimmte Lokaltöne nicht
überarbeitet. Dazu zählen mit Kalk ausgemischte und
daher besser erhaltene Farbtöne, wie zum Beispiel
von Inkarnaten, die er weitgehend im vorgefundenen
Zustand beließ. Darin enthaltene Fehlstellen blieben
sichtbar. Dasselbe galt für Bereiche, in denen die
Lokaltöne nie vorhanden oder nicht mehr erhalten
waren und die ausschließlich die Vorzeichnung erken-
Restaurierungsgeschichte mittelalterlicher Gewölbe- und Wandmalereien im Gebiet des heutigen Niedersachsen
Restaurierungsgeschichte232
1903 Im Zuge der Neuausmalung des Kirchenraums
Entdeckung und Teilfreilegung der Wandmalereien an
der Südwand des Chors. Anschließende Untersu-
chung durch einen hannoverschen Kirchenmaler und
Auffindung weiterer Malereien an der Ostwand.233
1907 Vollständige Freilegung und Restaurierung der
Malereien im Chor durch einen Kirchenmaler aus
Hannover.234
1959/60 Verkleinerung des östlichen Südfensters im
Chor.235 Ausbau der Nordempore im Chor. Versetzung
der Kanzel von der Innenseite der Triumphbogen-
leibung zur südlichen Ostwand des Langhauses.
Freilegung und Restaurierung der Wandmalereien im
Langhaus und an der Triumphbogenleibung durch
einen Kirchenmaler aus Hameln. Teilrestaurierung der
Wandmalereien im Chor.236
1979 Restaurierung aller Malereien durch einen
Restaurator aus Bramsche. Teilabnahme von Überma-
lungen an der Chorostwand. Vermutlich Hinterfüllung
von losen Putzbereichen.237
2002 Risskittung, Hinterfüllung und Retusche inner-
halb der Trinitätsdarstellung an der Triumphbogen-
wand durch Restauratoren aus Groß Thondorf.238
2004 Untersuchung und Konservierung der Chorma-
lereien durch einen Lehrter Restaurator.239
Restauratorische Maßnahmen 1903-07
Auffindung und Freilegung
1903 wurden an der Südwand des Chors im Zuge der
Neuausmalung der Kirche Malereien entdeckt. Der
hannoversche Provinzialkonservator Reimers empfahl
Kirchenmaler Ebeling aus Hannover für die nähere
Untersuchung und Beurteilung der Malereien auf
ihren Erhaltungswert. Ebeling befand die figürlichen
Malereien als erhaltenswert, die Quadermalerei dage-
gen als unbedeutend und datierte ihre Entstehungs-
zeit auf circa 1400. Er entdeckte auch an der Ostwand
Malerei und empfahl die Freilegung und Restau-
rierung von fachkundiger Hand, da die Malereien „in
ihrem Zusammenhang von kunsthistorischem Wert"
seien. Weitere Freilegungsarbeiten habe er unter-
sagt.240 Im Dezember 1903 erhielt Ebeling den Auftrag
für die weitere Freilegung der Malereien.241 Im Juli
1904 wurde der Kirchengemeinde eine staatliche Bei-
hilfe für die Freilegung und Instandsetzung ge-
währt.242 1905 hegte die Kirchengemeinde den
Wunsch, die Arbeiten aufzuschieben, da Ebeling sich
durch den im Frühjahr ausgebrochenen Malerstreik
außerstande sah, sie auszuführen.243 Im August 1906
war die Freilegung noch immer nicht erfolgt.244
Ebeling wird sie im Frühjahr oder Sommer 1907 aus-
geführt haben, da im August des Jahres die Restau-
rierung bereits vollendet war.
Über das Vorgehen bei der Freilegung sind aus den
Quellen keinerlei Informationen zu entnehmen. Die
im Rahmen der vorliegenden Arbeit ausgeführte res-
tauratorische Untersuchung hatte zum Ergebnis, dass
die Freilegung mechanisch mit Hammer und Spachtel
bzw. Messer vorgenommen wurde. Auf der mittelal-
terlichen Malerei lagen ein dünner Verputz und viele
jüngere Fassungen, die im Eckbereich der Nord- und
Westwand des Chors noch sichtbar sind. In Teil-
bereichen sind Hack- und Kratzspuren zu finden.
Durch die großflächige Freilegung sind Höhungen der
Malerei abgeschabt worden. Auffällig sind viele
Abplatzungen von Tünche-Malschicht-Paketen. Diese
Schäden können bereits älteren Ursprungs sein. Mög-
licherweise sind aber auch lose Bereich bei der Frei-
legung abgeschabt worden. Auf der Malerei liegen
viele Reste jüngerer Tünchen, die bei der Freilegung
nicht berücksichtigt wurden.
Restaurierung
Im Juli 1904 war der Kirchengemeinde für die
Freilegung und Restaurierung eine staatliche Beihilfe
gewährt worden, unter der Bedingung, dass „die in
der Farbe erhaltenen Flächen nicht übermalt, sondern
nur ausgebessert" würden. Die Zahlung der Beihilfe
sollte erfolgen, sobald der Provinzialkonservator be-
scheinigt hätte, dass die „Arbeiten vom Standpunkt
der Denkmalpflege aus gut ausgeführt" seien.245
Die Restaurierung fand erst im Jahre 1907 statt. Über
die Vorgehensweise wurde nicht berichtet. Die durch
die Autorin durchgeführten restauratorischen Unter-
suchungen deuten jedoch darauf hin, dass Ebeling
nicht nur Ergänzungen vornahm. Ausbrüche ergänzte
er mit Kalkmörtel. Risse ließ er weitestgehend unbe-
rücksichtigt. Anschließend übermalte er den maleri-
schen Bestand lasierend. Hierbei ist ein Unterschied
zwischen der Behandlung der figürlichen und der
dekorativen Malerei erkennbar. Die figürlichen Male-
reien überarbeitete er, indem er zunächst die Lokal-
töne lasierend übermalte und anschließend die
Konturen in Rot nachzog. Hierbei orientierte er sich
an der mittelalterlichen Vorzeichnung, die er wieder-
holte und als Kontur präsentierte. Die ursprüngliche,
nur noch fragmentarisch vorhandene, schwarze
Kontur, beließ er in vorhandenen Bereichen, rekons-
truierte sie jedoch nicht. Ebelings Übermalung kann
als behutsam und gewissenhaft gelten, da er mit was-
serlöslichen Farben arbeitete und nicht vom Bestand
abwich. Unter seiner Kontur ist die ursprüngliche Vor-
zeichnung zum Teil noch erkennbar. Die Abweichun-
gen sind minimal.
Ebeling hat sämtliche vorhandene Zeichnung nachge-
zogen. Dagegen hat er bestimmte Lokaltöne nicht
überarbeitet. Dazu zählen mit Kalk ausgemischte und
daher besser erhaltene Farbtöne, wie zum Beispiel
von Inkarnaten, die er weitgehend im vorgefundenen
Zustand beließ. Darin enthaltene Fehlstellen blieben
sichtbar. Dasselbe galt für Bereiche, in denen die
Lokaltöne nie vorhanden oder nicht mehr erhalten
waren und die ausschließlich die Vorzeichnung erken-



