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Restaurierungsgeschichte mittelalterlicher Gewölbe- und Wandmalereien im Gebiet des heutigen Niedersachsen
Restaurierung
Die Renovierung der Kirche begann 1909, zur
Restaurierung der Wandmalereien kam es erst 1913.
Die Leitung über sämtliche Instandsetzungsmaßnah-
men hatte der Architekt und Professor Emil Högg,
Begründer und Direktor des Bremer Gewerbemuse-
ums und der Gewerbeschule. Der dort als Lehrer
beschäftigte Maler Leonhard Gunkel wurde mit der
Restaurierung der Wandmalereien beauftragt. Er re-
konstruierte die Rankenmalerei der Gewölbe anhand
des fragmentarischen Befunds. Im Chorgewölbe
lagen zwei Ausmalungen aus früh- und spätgotischer
Zeit übereinander, beide so beschädigt, dass man sie
nach Gunkel nicht restaurieren konnte.467
Die im südlichen Seitenschiff freigelegten Malereien
(Ursuladarstellung, Ölbergszene, Kreuzigung) wurden
di stacco abgenommen und in den Chor übertragen.
Nach Gunkel war die Abnahme notwendig, da der
malschichttragende Putz durch Mauerfeuchtigkeit
beschädigt war und keine Haftung zu dem darunter-
liegenden Stein hatte. Gunkel beschrieb die einzelnen
Arbeitsschritte sehr detailliert:
„Nachdem die Bildfläche gründlich von der Kalk-
schicht gereinigt war, wurde dieselbe mit verschiede-
nen mageren Emulsionen sehr viele Male getränkt.
Hiermit mußte erreicht werden, daß der Bildgrund
fester und härter wurde und daß die Bilder in Zeich-
nung und Farbe wieder klarer hervortraten. Nun be-
klebte man die Bilder, nachdem dieselben genau
copiert und dann mit einem Fixativ überzogen waren,
mit Pausleinen, das aufgeklebte Leinen gab dem
Bildgrund Festigkeit und Schutz. Erst dann erfolgte
das Abnehmen der Bilder. Mit einem scharfen Schus-
terstahl wurde die Bildfläche in cirka 80 cm breite
Steifen aufgeteilt. Da die Putzfläche sehr verschieden
stark war, 1/2-5 cm auf dem porösen Sandsteingrund
aufgetragen war, konnte die Fläche nicht abgesägt
werden und mußte daher mit besonders angefertig-
ten Eisen vom Grund gelöst werden. Die abgelösten
Stücke schaffte man zur weiteren Bearbeitung auf
den Schulboden. Von den hier nebeneinander mit der
Bildfläche nach unten lagernden Flächen, die wie
Gebirgsreliefkarten aussahen, wurden alle über 3 cm
hervortretenden Teile entfernt. Dann verstärkte man
sie mit einer darauf aufgetragenen Masse aus Gips,
Leim und Kalk gleichmäßig zu 5 cm dicken Platten. Es
war nun leicht zu bewerkstelligen, die entstandenen
Wandplatten an die entsprechend vertiefte neue
Aufnahmestelle richtig aneinanderzufügen und zu
befestigen. Die Nähte wurden sorgfältig verputzt, das
Pausleinen abgezogen und die schadhaften Stellen
vorsichtig ausgebessert und gestimmt."468 Gunkels
Maßnahmen zeigen den Willen zur Erhaltung und
zum Schutz der Wandmalereien. Die Übertragung der
Wandmalereien beinhaltete aber recht drastische
Maßnahmen, die sicher nicht verlustfrei für die Wand-
malereien ausgingen. Da der Verputz, wie beschrie-
ben, zum Teil nur wenige Millimeter stark und feucht
war, wird es schwierig gewesen sein, ihn unbeschä-
digt zu lösen. Risse und Abplatzungen an den Schnitt-
stellen der Malerei sind Indizien für Brüche innerhalb
des Putzgefüges und oberflächig entstandene
Schäden durch das Herausarbeiten. Leider äußerte
Gunkel sich nicht zu den verwendeten Materialien,
die er auf die Oberfläche der Malereien aufbrachte.
Die mehrfach aufgetragenen Emulsionen waren
mager gehalten und sollten die Wandmalerei härten,
weshalb vermutet werden kann, dass sie zumindest
teilweise in die Malschichten eingedrungen sind. Das
von Gunkel genannte Fixativ diente zur Verklebung
der Kaschierung und musste an der Oberfläche der
Malerei bleiben. Dieses wurde nach der Übertragung
offenbar nicht oder nur teilweise entfernt, da 1998
bei einer restauratorischen Untersuchung festgestellt
werden konnte, dass ein stark verbräunter Überzug
mit Abdrücken der Leinenkaschierung auf den
Malereien lag, der die Optik stark beeinträchtigte.
Durch verschiedene naturwissenschaftliche Analysen
konnte die Anwesenheit von Leinöl im Fixativ nachge-
wiesen werden. Es handelte sich vermutlich um ein
Harz-Öl-Gemisch.469 Für die Verstärkung der abge-
nommenen Malereien verwendete Gunkel nach eige-
nen Angaben ein Gemisch aus Kalk, Gips und Leim,
was er von hinten auf die Bildsegmente auftrug. Das
Gemisch füllte zudem alle Ausbrüche aus und wurde
dort gewissermaßen als Putzergänzung belassen. An
der Vorderseite dieser Ergänzungen finden sich viele
Luftbläschen, die für ein Vergießen der Masse spre-
chen und Abdrücke der Leinenkaschierung. Neben
diesen, oberflächig verdichteten Ergänzungen sind
auch offenporige, großflächige Ergänzungen an den
Randzonen der Bildsegmente feststellbar, die nach
Anbringung der Malereien im Chor ausgeführt wur-
den.470 Die von Gunkel in seinem Bericht genannten
vorsichtigen Ausbesserungen und Einstimmungen
erwiesen sich als flächige Übermalungen, die zwar auf
dem vorhandenen Bestand aufbauten, die ursprüngli-
che malerische Ausführung und die künstlerische
Handschrift aber erheblich veränderten. Nach der
Translozierung war Gunkel mit einem sehr fragmenta-
rischen Bestand konfrontiert471, den er optisch schloss
und vereinheitlichte, um die Lesbarkeit der Darstellun-
gen zu erhöhen. Bereits 1952 zeigten sich Schäden in
Form von Abblätterungen der Übermalung. Welches
Bindemittel Gunkel bei der malerischen Überarbei-
tung verwendete, ist nicht nachgewiesen. Die Unter-
suchungen von 1952 kamen jedoch zu dem Ergebnis,
dass nur diese Schicht abblätterte, nicht aber die
ursprüngliche Malerei. Daher kann man davon ausge-
hen, dass die Farben Überbunden waren und infolge
zu großer Oberflächenspannung abplatzten. Darunter
lag, wie man feststellte, eine „zweite, viel zartere far-
bige Schicht"472, bei der es sich um die mittelalterliche
Malerei handelte.
Restaurierungsgeschichte mittelalterlicher Gewölbe- und Wandmalereien im Gebiet des heutigen Niedersachsen
Restaurierung
Die Renovierung der Kirche begann 1909, zur
Restaurierung der Wandmalereien kam es erst 1913.
Die Leitung über sämtliche Instandsetzungsmaßnah-
men hatte der Architekt und Professor Emil Högg,
Begründer und Direktor des Bremer Gewerbemuse-
ums und der Gewerbeschule. Der dort als Lehrer
beschäftigte Maler Leonhard Gunkel wurde mit der
Restaurierung der Wandmalereien beauftragt. Er re-
konstruierte die Rankenmalerei der Gewölbe anhand
des fragmentarischen Befunds. Im Chorgewölbe
lagen zwei Ausmalungen aus früh- und spätgotischer
Zeit übereinander, beide so beschädigt, dass man sie
nach Gunkel nicht restaurieren konnte.467
Die im südlichen Seitenschiff freigelegten Malereien
(Ursuladarstellung, Ölbergszene, Kreuzigung) wurden
di stacco abgenommen und in den Chor übertragen.
Nach Gunkel war die Abnahme notwendig, da der
malschichttragende Putz durch Mauerfeuchtigkeit
beschädigt war und keine Haftung zu dem darunter-
liegenden Stein hatte. Gunkel beschrieb die einzelnen
Arbeitsschritte sehr detailliert:
„Nachdem die Bildfläche gründlich von der Kalk-
schicht gereinigt war, wurde dieselbe mit verschiede-
nen mageren Emulsionen sehr viele Male getränkt.
Hiermit mußte erreicht werden, daß der Bildgrund
fester und härter wurde und daß die Bilder in Zeich-
nung und Farbe wieder klarer hervortraten. Nun be-
klebte man die Bilder, nachdem dieselben genau
copiert und dann mit einem Fixativ überzogen waren,
mit Pausleinen, das aufgeklebte Leinen gab dem
Bildgrund Festigkeit und Schutz. Erst dann erfolgte
das Abnehmen der Bilder. Mit einem scharfen Schus-
terstahl wurde die Bildfläche in cirka 80 cm breite
Steifen aufgeteilt. Da die Putzfläche sehr verschieden
stark war, 1/2-5 cm auf dem porösen Sandsteingrund
aufgetragen war, konnte die Fläche nicht abgesägt
werden und mußte daher mit besonders angefertig-
ten Eisen vom Grund gelöst werden. Die abgelösten
Stücke schaffte man zur weiteren Bearbeitung auf
den Schulboden. Von den hier nebeneinander mit der
Bildfläche nach unten lagernden Flächen, die wie
Gebirgsreliefkarten aussahen, wurden alle über 3 cm
hervortretenden Teile entfernt. Dann verstärkte man
sie mit einer darauf aufgetragenen Masse aus Gips,
Leim und Kalk gleichmäßig zu 5 cm dicken Platten. Es
war nun leicht zu bewerkstelligen, die entstandenen
Wandplatten an die entsprechend vertiefte neue
Aufnahmestelle richtig aneinanderzufügen und zu
befestigen. Die Nähte wurden sorgfältig verputzt, das
Pausleinen abgezogen und die schadhaften Stellen
vorsichtig ausgebessert und gestimmt."468 Gunkels
Maßnahmen zeigen den Willen zur Erhaltung und
zum Schutz der Wandmalereien. Die Übertragung der
Wandmalereien beinhaltete aber recht drastische
Maßnahmen, die sicher nicht verlustfrei für die Wand-
malereien ausgingen. Da der Verputz, wie beschrie-
ben, zum Teil nur wenige Millimeter stark und feucht
war, wird es schwierig gewesen sein, ihn unbeschä-
digt zu lösen. Risse und Abplatzungen an den Schnitt-
stellen der Malerei sind Indizien für Brüche innerhalb
des Putzgefüges und oberflächig entstandene
Schäden durch das Herausarbeiten. Leider äußerte
Gunkel sich nicht zu den verwendeten Materialien,
die er auf die Oberfläche der Malereien aufbrachte.
Die mehrfach aufgetragenen Emulsionen waren
mager gehalten und sollten die Wandmalerei härten,
weshalb vermutet werden kann, dass sie zumindest
teilweise in die Malschichten eingedrungen sind. Das
von Gunkel genannte Fixativ diente zur Verklebung
der Kaschierung und musste an der Oberfläche der
Malerei bleiben. Dieses wurde nach der Übertragung
offenbar nicht oder nur teilweise entfernt, da 1998
bei einer restauratorischen Untersuchung festgestellt
werden konnte, dass ein stark verbräunter Überzug
mit Abdrücken der Leinenkaschierung auf den
Malereien lag, der die Optik stark beeinträchtigte.
Durch verschiedene naturwissenschaftliche Analysen
konnte die Anwesenheit von Leinöl im Fixativ nachge-
wiesen werden. Es handelte sich vermutlich um ein
Harz-Öl-Gemisch.469 Für die Verstärkung der abge-
nommenen Malereien verwendete Gunkel nach eige-
nen Angaben ein Gemisch aus Kalk, Gips und Leim,
was er von hinten auf die Bildsegmente auftrug. Das
Gemisch füllte zudem alle Ausbrüche aus und wurde
dort gewissermaßen als Putzergänzung belassen. An
der Vorderseite dieser Ergänzungen finden sich viele
Luftbläschen, die für ein Vergießen der Masse spre-
chen und Abdrücke der Leinenkaschierung. Neben
diesen, oberflächig verdichteten Ergänzungen sind
auch offenporige, großflächige Ergänzungen an den
Randzonen der Bildsegmente feststellbar, die nach
Anbringung der Malereien im Chor ausgeführt wur-
den.470 Die von Gunkel in seinem Bericht genannten
vorsichtigen Ausbesserungen und Einstimmungen
erwiesen sich als flächige Übermalungen, die zwar auf
dem vorhandenen Bestand aufbauten, die ursprüngli-
che malerische Ausführung und die künstlerische
Handschrift aber erheblich veränderten. Nach der
Translozierung war Gunkel mit einem sehr fragmenta-
rischen Bestand konfrontiert471, den er optisch schloss
und vereinheitlichte, um die Lesbarkeit der Darstellun-
gen zu erhöhen. Bereits 1952 zeigten sich Schäden in
Form von Abblätterungen der Übermalung. Welches
Bindemittel Gunkel bei der malerischen Überarbei-
tung verwendete, ist nicht nachgewiesen. Die Unter-
suchungen von 1952 kamen jedoch zu dem Ergebnis,
dass nur diese Schicht abblätterte, nicht aber die
ursprüngliche Malerei. Daher kann man davon ausge-
hen, dass die Farben Überbunden waren und infolge
zu großer Oberflächenspannung abplatzten. Darunter
lag, wie man feststellte, eine „zweite, viel zartere far-
bige Schicht"472, bei der es sich um die mittelalterliche
Malerei handelte.



