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Winghart, Stefan [Editor]; Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege [Editor]; Institut für Denkmalpflege [Editor]; Kaspar, Fred [Oth.]; Gläntzer, Volker [Oth.]
Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen: Güter, Pachthöfe und Sommersitze: Wohnen, Produktion und Freizeit zwischen Stadt und Land ; [... 23. Jahrestagung der nordwestdeutschen Hausforscher im März 2011 ...] — Hameln: Niemeyer, Heft 43.2014

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Güter Adeliger, Lebens- und Wirtschaftsformen
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Michaels, Sonja: Fachwerk-Herrenhäuser des Landadels in Nordwestdeutschland: ein Beitrag zur Typologisierung
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https://doi.org/10.11588/diglit.51273#0057
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Fachwerk-Herrenhäuser des Landadels in Nordwestdeutschland

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Osnabrück Haus Rothenburg (bei Bramsche), welches
einst als Witwensitz diente.38 Insbesondere die Giebel-
seiten der Herrenhäuser zu Füchtel und Campe wei-
sen sehr starke Ähnlichkeit mit dem Nordgiebel des
Bauhauses der Dietrichsburg/ Dinklage auf. (Abb. 4
und 5) Demnach kann festgestellt werden, dass im
17. Jahrhundert eine ganz bestimmte „adlige"
Bauweise mit einem festgelegten Raumprogramm im
gesamten Niederstift Münster Verwendung fand, wel-
cher für verschiedene Bauaufgaben in unterschiedli-
chen Bauausführungen genutzt wurde.39
Auch wenn bis zum frühen 17. Jahrhundert ein rela-
tiv einheitliches Bauschema „für die meisten sozialen
Schichten" verbindlich war, welches erst nach dem
Ende des Dreißigjährigen Krieges aufgegeben wur-
de,40 so ist es doch überraschend, dass einige Familien
des Landadels mit niederdeutschen Hallenhäusern als
Wohnhaus vorliebnahmen und (teilweise jedenfalls)
mit ihrem Vieh unter einem Dach lebten. Dies ist nur
unter Vorbehalt, abgesehen von wirtschaftlichen
Zwängen, mit dem Verweis auf das Vorbild des öko-
nomisch-sparsamen „ganzen" Hauses erklärbar und
gilt vermutlich auch nur für einzelne „Adelsland-
schaften".41
Eine Frage bleibt ebenfalls offen: Wohnten die Ade-
ligen tatsächlich stets dort in diesen relativ „einfa-
chen" Bauten? Denn immerhin kann ja dort auch hur
ein Verwalter gewohnt haben oder das Gesinde war
dort untergebracht.42 Vielleicht diente die äußerliche
„Unauffälligkeit" der „einfachen" Adelsbauten aber
auch als Schutz vor Übergriffen in unruhigen Zeiten.
Denkbar ist zudem, dass die Anwesenheit der Herr-
schaft durch architektonische Formen nur vorge-
täuscht wurde, um weiterhin die Steuerfreiheit adliger
Güter in Anspruch nehmen zu können. Es konnte
nachgewiesen werden, dass die adelige Herrschaft
(als alternative Wohnmöglichkeit) durchaus auf der
Vorburg Räume für sich vorhielt, wenn der Adelssitz
nicht dauerhaft von ihnen bewohnt wurde oder ver-
pachtet war: Es gab temporäre Wohnungen, auch als
Sommersitz in einem Wohnturm,43 im Obergeschoss
eines Torhauses44 oder in einem Wirtschaftsgebäude
auf der Vorburg.45 Entsprechend sind dahingehend
detaillierte, archivalische Untersuchungen dringend
notwendig, um in dieser Frage zu einer gesicherten
Antwort zu gelangen. Bei einer Untersuchung eines
Herrensitzes sollte daher in jedem Fall neben der Bau-
auch die Besitzergeschichte untersucht werden: Gab
es ein zeitgleiches Herrenhaus?46 Wer ließ das Adels-
haus errichten und wer nutzte das Anwesen letztend-
lich?47 Der Bauherr muss nicht gleichzeitig der
Bewohner sein, da Adelige meist über mehrere
Wohnstätten verfügten.48 Die detaillierte Klärung der
Bauherren und der vorgesehenen Nutzung ist not-
wendig, da sich am Bestand selbst entsprechende
Aufschlüsse kaum von selbst ergeben.


4 Landkreis Emsland, Sögel, Haus Campe: Blick auf das Her-
renhaus, 1990er Jahre.


5 Landkreis Vechta, Haus Dinklage. Bauhaus der Dietrichs-
burg (nördliche Giebelseite), 1990er Jahre.


6 Landkreis Vechta, Haus Welpe. Herrenhaus, 1990er Jahre.
 
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