Mühlengeschichtlicher Überblick
55
Die große Zeit der Mühlenbaufirmen und der Zulieferindustrie
Industrialisierung
Die von England ausgehende Industrielle Revolution
erreichte im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts auch
das Königreich Hannover, welches bis 1837 als Dop-
pelmonarchie mit Großbritannien geführt worden war.
Als Vater der Industrialisierung im Königreich Hanno-
ver gilt der 1802 geborene Georg Egestorff, dessen
Vater Johann Hinrich Egestorff 1803 mit einem ge-
pachteten Kalksteinbruch gegenüber der Windmühle
auf dem Lindener Berge vor Hannover den Grundstein
dazu gelegt hatte. Johann Hinrich Egestorff hatte bald
den Steinbruch erheblich erweitert und ein kleines
Firmenimperium aufgebaut, welches alle Baustoffe
liefern konnte, die Hannovers Bauunternehmer benö-
tigten. Die Hannoveraner nannten ihn daher bald be-
zeichnend den „Kalkjohann". Sein Sohn Georg Eges-
torff erkannte die günstige Lage des Lindener Berges
mit seinen zahlreichen Rohstoffvorkommen am Kreu-
zungspunkt wichtiger Handelswege vor der Stadt
Hannover mit ihrem großen Angebot an Arbeitskräf-
ten. 1831 baute er im benachbarten Badenstedt die
Saline „Egestorffshall" und später eine angeschlos-
sene Sodafabrik. 1835 gründete Georg Egestorff un-
terhalb des Lindener Berges eine bald bedeutende
Eisengießerei und Maschinenfabrik, die spätere Ha-
nomag. Im ersten Jahr lieferte die Fabrik eher kleine
Eisenwaren wie Ofentüren, Ambosse, Grabkreuze,
aber auch bereits kleinere Maschinenteile. Nachdem
bereits 1834 die erste Dampfmaschine im Königreich
in einer Lindener Lederfabrik installiert worden war,
begann auch Egestorff mit der Entwicklung dieser da-
mals zukunftsweisenden Antriebsenergie und lieferte
schon 1836 seine ersten beiden Dampfmaschinen von
noch bescheidenen 6 PS Leistung aus. Ab dieser Zeit
lieferte die Egestorffsehe Fabrik unzählige Dampfma-
schinen zunächst in die nähere Umgebung und später
in alle Länder.
Anfang der 1840er Jahre begann der Bau der Hanno-
verschen Staatseisenbahn zunächst 1843 bis Lehrte,
danach weiter ostwärts. Am 19. Mai 1844 fuhr der
Eröffnungszug von Hannover bis Braunschweig. Wa-
ren die ersten Gleise und Lokomotiven noch aus Eng-
land geliefert worden, stieg auch Egestorff 1846 mit
der nach dem Landesvater „Ernst August" getauften
Lokomotive in dieses Geschäft ein. In Hannover trafen
sich bald die wichtigsten Ost-West- und Nord-Süd-
Eisenbahnstrecken als Folge des von Hannover aus-
gehenden Bahnbaus Richtung Braunschweig (1844
fertiggestellt), über Wunstorf Richtung Minden und
über Nienburg nach Bremen (1847 fertiggestellt),
über Lehrte Richtung Hildesheim (1845 fertiggestellt)
und Richtung Harburg (1847 fertiggestellt), Richtung
Kassel (1856 fertiggestellt) und über Nordstemmen
Richtung Hildesheim (1853 fertiggestellt). Der Kno-
tenpunkt dieser Eisenbahnlinien war ausschlaggebend
für die sich bald ausbreitende Industrie zunächst in
Linden und später auch im Stadtgebiet von Hannover.
Nachteilig erwies sich jedoch der Nichtbeitritt Hanno-
vers zum 1834 gegründeten Deutschen Zollverein, der
sich für die Beseitigung der Zollschranken zwischen
den Territorien der darin Mitglied gewordenen deut-
schen Staaten einsetzte. Erst 1854 trat Hannover dem
Zollverein bei. Damit setzte eine zweite Gründungs-
welle von Industriebetrieben in Linden und Hanno-
ver ein, die jedoch durch eine ab 1858 einsetzende
weltweite Depression mit zunehmender Inflation und
als Folge Massenentlassungen von Arbeitskräften zu-
nächst wieder abflaute. Das Jahr 1866 brachte in der
Entwicklung der Hannoverschen Industrie eine erneu-
te Wende. Im so genannten „Deutschen Krieg" hatte
sich das Hannoversche Königreich unter Georg V. un-
ter anderem nach Anraten seines Kriegsministers von
Hallermund-Platen mit Österreich alliiert und beide
wurden nun in den Schlachten bei Langensalza und
Königgrätz von den Preußen geschlagen. Preußen
annektierte als Folge nun Hannover und verleibte es
sich als Provinz ein, Georg V. wurde entthront und ins
Exil geschickt. Unter Preußischer Herrschaft entfielen
nun alle Zunftzwänge für Handwerksbetriebe und es
wurde bis 1869 die entgültige Gewerbefreiheit ein-
geführt. Der Weg war nun frei für neue Industriean-
siedlungen und Betriebe, auch für den Mühlenbau hat
sich diese Entwicklung entscheidend ausgewirkt. Ge-
rade in den Jahren von 1870 bis 1900 setzte ein wah-
rer Boom besonders im Windmühlenbau ein. Neue
Windmühlen, nun zumeist Holländermühlen neuester
Konstruktion, schossen regelrecht wie Pilze aus dem
Boden. Außergewöhnlich war dieser Trend im stark
industrialisierten südlichen und südöstlichen Bereich
der Region zu merken.
Die Ursachen dafür:
- Das Anwachsen der Industrie schaffte Arbeitsplät-
ze und brachte in der Nähe der Landeshauptstadt ein
starkes Anwachsen der Bevölkerung mit sich, womit
der Bedarf an Lebensmitteln stark anstieg.
- Ein starkes Anwachsen der Schweinezucht gegen
Ende des 19. Jahrhunderts bedeutete einen Anstieg
des Futtermittelbedarfs in der Region.
- Der Fortfall der Zunftzwänge und die Einführung der
Gewerbefreiheit erlaubte es jedem Müller, eine eigene
Mühle bauen und betreiben zu dürfen.
- Die zunehmende Industrialisierung machte eine
Massenfertigung einzelner Mühlenteile (zum Beispiel
eisernes Räderwerk) möglich.
- In Hannover und Hildesheim haben sich schon recht
früh ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein-
55
Die große Zeit der Mühlenbaufirmen und der Zulieferindustrie
Industrialisierung
Die von England ausgehende Industrielle Revolution
erreichte im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts auch
das Königreich Hannover, welches bis 1837 als Dop-
pelmonarchie mit Großbritannien geführt worden war.
Als Vater der Industrialisierung im Königreich Hanno-
ver gilt der 1802 geborene Georg Egestorff, dessen
Vater Johann Hinrich Egestorff 1803 mit einem ge-
pachteten Kalksteinbruch gegenüber der Windmühle
auf dem Lindener Berge vor Hannover den Grundstein
dazu gelegt hatte. Johann Hinrich Egestorff hatte bald
den Steinbruch erheblich erweitert und ein kleines
Firmenimperium aufgebaut, welches alle Baustoffe
liefern konnte, die Hannovers Bauunternehmer benö-
tigten. Die Hannoveraner nannten ihn daher bald be-
zeichnend den „Kalkjohann". Sein Sohn Georg Eges-
torff erkannte die günstige Lage des Lindener Berges
mit seinen zahlreichen Rohstoffvorkommen am Kreu-
zungspunkt wichtiger Handelswege vor der Stadt
Hannover mit ihrem großen Angebot an Arbeitskräf-
ten. 1831 baute er im benachbarten Badenstedt die
Saline „Egestorffshall" und später eine angeschlos-
sene Sodafabrik. 1835 gründete Georg Egestorff un-
terhalb des Lindener Berges eine bald bedeutende
Eisengießerei und Maschinenfabrik, die spätere Ha-
nomag. Im ersten Jahr lieferte die Fabrik eher kleine
Eisenwaren wie Ofentüren, Ambosse, Grabkreuze,
aber auch bereits kleinere Maschinenteile. Nachdem
bereits 1834 die erste Dampfmaschine im Königreich
in einer Lindener Lederfabrik installiert worden war,
begann auch Egestorff mit der Entwicklung dieser da-
mals zukunftsweisenden Antriebsenergie und lieferte
schon 1836 seine ersten beiden Dampfmaschinen von
noch bescheidenen 6 PS Leistung aus. Ab dieser Zeit
lieferte die Egestorffsehe Fabrik unzählige Dampfma-
schinen zunächst in die nähere Umgebung und später
in alle Länder.
Anfang der 1840er Jahre begann der Bau der Hanno-
verschen Staatseisenbahn zunächst 1843 bis Lehrte,
danach weiter ostwärts. Am 19. Mai 1844 fuhr der
Eröffnungszug von Hannover bis Braunschweig. Wa-
ren die ersten Gleise und Lokomotiven noch aus Eng-
land geliefert worden, stieg auch Egestorff 1846 mit
der nach dem Landesvater „Ernst August" getauften
Lokomotive in dieses Geschäft ein. In Hannover trafen
sich bald die wichtigsten Ost-West- und Nord-Süd-
Eisenbahnstrecken als Folge des von Hannover aus-
gehenden Bahnbaus Richtung Braunschweig (1844
fertiggestellt), über Wunstorf Richtung Minden und
über Nienburg nach Bremen (1847 fertiggestellt),
über Lehrte Richtung Hildesheim (1845 fertiggestellt)
und Richtung Harburg (1847 fertiggestellt), Richtung
Kassel (1856 fertiggestellt) und über Nordstemmen
Richtung Hildesheim (1853 fertiggestellt). Der Kno-
tenpunkt dieser Eisenbahnlinien war ausschlaggebend
für die sich bald ausbreitende Industrie zunächst in
Linden und später auch im Stadtgebiet von Hannover.
Nachteilig erwies sich jedoch der Nichtbeitritt Hanno-
vers zum 1834 gegründeten Deutschen Zollverein, der
sich für die Beseitigung der Zollschranken zwischen
den Territorien der darin Mitglied gewordenen deut-
schen Staaten einsetzte. Erst 1854 trat Hannover dem
Zollverein bei. Damit setzte eine zweite Gründungs-
welle von Industriebetrieben in Linden und Hanno-
ver ein, die jedoch durch eine ab 1858 einsetzende
weltweite Depression mit zunehmender Inflation und
als Folge Massenentlassungen von Arbeitskräften zu-
nächst wieder abflaute. Das Jahr 1866 brachte in der
Entwicklung der Hannoverschen Industrie eine erneu-
te Wende. Im so genannten „Deutschen Krieg" hatte
sich das Hannoversche Königreich unter Georg V. un-
ter anderem nach Anraten seines Kriegsministers von
Hallermund-Platen mit Österreich alliiert und beide
wurden nun in den Schlachten bei Langensalza und
Königgrätz von den Preußen geschlagen. Preußen
annektierte als Folge nun Hannover und verleibte es
sich als Provinz ein, Georg V. wurde entthront und ins
Exil geschickt. Unter Preußischer Herrschaft entfielen
nun alle Zunftzwänge für Handwerksbetriebe und es
wurde bis 1869 die entgültige Gewerbefreiheit ein-
geführt. Der Weg war nun frei für neue Industriean-
siedlungen und Betriebe, auch für den Mühlenbau hat
sich diese Entwicklung entscheidend ausgewirkt. Ge-
rade in den Jahren von 1870 bis 1900 setzte ein wah-
rer Boom besonders im Windmühlenbau ein. Neue
Windmühlen, nun zumeist Holländermühlen neuester
Konstruktion, schossen regelrecht wie Pilze aus dem
Boden. Außergewöhnlich war dieser Trend im stark
industrialisierten südlichen und südöstlichen Bereich
der Region zu merken.
Die Ursachen dafür:
- Das Anwachsen der Industrie schaffte Arbeitsplät-
ze und brachte in der Nähe der Landeshauptstadt ein
starkes Anwachsen der Bevölkerung mit sich, womit
der Bedarf an Lebensmitteln stark anstieg.
- Ein starkes Anwachsen der Schweinezucht gegen
Ende des 19. Jahrhunderts bedeutete einen Anstieg
des Futtermittelbedarfs in der Region.
- Der Fortfall der Zunftzwänge und die Einführung der
Gewerbefreiheit erlaubte es jedem Müller, eine eigene
Mühle bauen und betreiben zu dürfen.
- Die zunehmende Industrialisierung machte eine
Massenfertigung einzelner Mühlenteile (zum Beispiel
eisernes Räderwerk) möglich.
- In Hannover und Hildesheim haben sich schon recht
früh ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein-



