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Hans-Dieter Schmid
Zwischen Republiktreue und NS-Terror:
Niedersachsen in der Endphase der Weimarer Republik
Die Endphase der Weimarer Republik, hier verstanden
als die Jahre der Krise von 1931 bis 1933, wird in der
Geschichtswissenschaft in der Regel behandelt unter
dem leitenden Gesichtspunkt des Scheiterns der ers-
ten Demokratie in Deutschland und der Frage nach
den Ursachen dieses Scheiterns. Das Angebot an Fak-
toren auf den verschiedensten Ebenen, die zu diesem
Scheitern beigetragen haben, ist reichhaltig. An lang-
fristigen Ursachen werden etwa der deutsche „Son-
derweg" im 19. Jahrhundert genannt, der Versailler
Vertrag mit seinem „Kriegsschuldparagraphen", die
unvollendete Novemberrevolution, die die alten Eli-
ten in ihren Machtpositionen belassen hatte, und die
„Konstruktionsfehler" der Weimarer Verfassung; mit-
telfristig die Machenschaften des Finanzkapitals oder
- weniger plakativ - die Interessenpolitik von Teilen
der Schwerindustrie und der Großagrarier, das Ver-
sagen der politischen Klasse oder des Bürgertums -
Stichwort „Republik ohne Republikaner" - auch die
Spaltung der Arbeiterbewegung; schließlich die Welt-
wirtschaftskrise und Brünings austerity-Politik, die die
Arbeitslosigkeit noch vermehrt hatte, Rapens „Preu-
ßenschlag" und - nicht zu vergessen - die Rolle des
Reichspräsidenten Hindenburg.
Der Blick auf eine Region wie das Gebiet des heuti-
gen Landes Niedersachsen wird dazu kaum neue
Erkenntnisse beitragen können. Aber er kann deut-
lich machen, welche dieser Faktoren unterhalb der
Reichsebene und der Ebene der „großen Politik" von
Bedeutung waren und welche möglicherweise nicht.
Er kann darüber hinaus die Interdependenz zwischen
regionalen und zentralen Entwicklungen beleuchten,
die sich durchaus nicht immer nur als eine Einbahn-
straße darstellen muss.
Der kometenhafte Aufstieg der NSDAP von einer fa-
schistischen und antisemitischen Splitterpartei zu einer
„Volkspartei des Protests",1 wie sie die Polizeidirekti-
on München schon zum Jahresendel 929 bezeichne-
te, vollzog sich auch in Niedersachsen fast schlagartig
durch die Wahlerfolge von 1930/31. Das lässt sich gut
an einem Vergleich der Reichstagswahlergebnisse von
1928 und 1930 in den niedersächsischen Territorien
verdeutlichen. In allen diesen Territorien hatte die
NSDAP ihr Ergebnis von 1928 vervielfacht: In Olden-
burg um etwa das Dreifache, in Braunschweig um das
Vierfache, in Hannover um mehr als das Sechsfache
und in Schaumburg-Lippe sogar um das Dreißigfache
- allerdings von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau
aus. Alle Ergebnisse der NSDAP von 1930 - außer
dem von Schaumburg-Lippe - lagen über dem Reichs-
durchschnitt von 18,3 Prozent - die von Oldenburg
und Braunschweig sogar ganz erheblich.
Wie im gesamten Reich, so wurden auch in allen nie-
dersächsischen Territorien die höchsten Werte für die
NSDAP bei der Juli-Wahl von 1932 erreicht, während
sie bei der November-Wahl wieder deutlich zurück-
gingen. Das nährte bei nicht wenigen Zeitgenossen
die Hoffnung, dass es mit der NSDAP bereits wieder
abwärts ginge und das Schlimmste schon überstan-
den sei. Diese Fehleinschätzung führte dazu, dass die
Machtübergabe an Hitler im Januar 1933 für viele
dann letztlich doch als Überraschung kam, auf die
man nicht vorbereitet war.
Bei der Juli-Wahl lagen alle Werte für die NSDAP über
dem für das ganze Reich mit 37,4 Pronzent, wenn
auch in Schaumburg-Lippe nur knapp, dagegen in
Braunschweig über 10%. Eine genauere Analyse wür-
de zeigen, dass die Wahlerfolge der NSDAP vor allem
auf Kosten der bürgerlichen Parteien gingen. Die zum
Teil hohen Verluste der SPD legen aber die Vermutung
nahe, dass auch ein Anteil ehemaliger SPD-Wähler
zur NSDAP abwanderte. Ein vermutlich größerer Teil
wechselte aber zur KPD, die als einzige Partei über
den gesamten Zeitraum kontinuierlich zunahm. Von
bemerkenswerter Konstanz zeigt sich allein das Zen-
trum.
Bezieht man die Wahlergebnisse auf die gesellschaft-
lichen Milieus, dann kann man konstatieren, dass
die Nationalsozialisten Schritt für Schritt das bürger-
lich-konservative Milieu eroberten, dass das sozialisti-
sche Arbeitermilieu an seinen Rändern abzubröckeln
begann und nur das katholische Milieu einigermaßen
intakt blieb. Die Sozialdemokraten befanden sich
in einer besonders prekären Situation, da sie nicht
nur von den Nationalsozialisten, sondern auch von
den Kommunisten aufgrund des ultralinken Kurses
der Parteiführung ab 1928 als „Sozialfaschisten"
zunehmend heftig bekämpft wurden. So blieben
sie in den eigens zur Verteidigung der Republik ge-
schaffenen, eigentlich überparteilichen Organisati-
onen des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und der
Eisernen Front weitgehend unter sich. Vor allem in
diesen Organisationen haben die Sozialdemokraten
den Kampf gegen die Nationalsozialisten lange vor
1933 aufgenommen und über Jahre in unzähligen
Veranstaltungen und Aktionen aufrechterhalten.2
Hans-Dieter Schmid
Zwischen Republiktreue und NS-Terror:
Niedersachsen in der Endphase der Weimarer Republik
Die Endphase der Weimarer Republik, hier verstanden
als die Jahre der Krise von 1931 bis 1933, wird in der
Geschichtswissenschaft in der Regel behandelt unter
dem leitenden Gesichtspunkt des Scheiterns der ers-
ten Demokratie in Deutschland und der Frage nach
den Ursachen dieses Scheiterns. Das Angebot an Fak-
toren auf den verschiedensten Ebenen, die zu diesem
Scheitern beigetragen haben, ist reichhaltig. An lang-
fristigen Ursachen werden etwa der deutsche „Son-
derweg" im 19. Jahrhundert genannt, der Versailler
Vertrag mit seinem „Kriegsschuldparagraphen", die
unvollendete Novemberrevolution, die die alten Eli-
ten in ihren Machtpositionen belassen hatte, und die
„Konstruktionsfehler" der Weimarer Verfassung; mit-
telfristig die Machenschaften des Finanzkapitals oder
- weniger plakativ - die Interessenpolitik von Teilen
der Schwerindustrie und der Großagrarier, das Ver-
sagen der politischen Klasse oder des Bürgertums -
Stichwort „Republik ohne Republikaner" - auch die
Spaltung der Arbeiterbewegung; schließlich die Welt-
wirtschaftskrise und Brünings austerity-Politik, die die
Arbeitslosigkeit noch vermehrt hatte, Rapens „Preu-
ßenschlag" und - nicht zu vergessen - die Rolle des
Reichspräsidenten Hindenburg.
Der Blick auf eine Region wie das Gebiet des heuti-
gen Landes Niedersachsen wird dazu kaum neue
Erkenntnisse beitragen können. Aber er kann deut-
lich machen, welche dieser Faktoren unterhalb der
Reichsebene und der Ebene der „großen Politik" von
Bedeutung waren und welche möglicherweise nicht.
Er kann darüber hinaus die Interdependenz zwischen
regionalen und zentralen Entwicklungen beleuchten,
die sich durchaus nicht immer nur als eine Einbahn-
straße darstellen muss.
Der kometenhafte Aufstieg der NSDAP von einer fa-
schistischen und antisemitischen Splitterpartei zu einer
„Volkspartei des Protests",1 wie sie die Polizeidirekti-
on München schon zum Jahresendel 929 bezeichne-
te, vollzog sich auch in Niedersachsen fast schlagartig
durch die Wahlerfolge von 1930/31. Das lässt sich gut
an einem Vergleich der Reichstagswahlergebnisse von
1928 und 1930 in den niedersächsischen Territorien
verdeutlichen. In allen diesen Territorien hatte die
NSDAP ihr Ergebnis von 1928 vervielfacht: In Olden-
burg um etwa das Dreifache, in Braunschweig um das
Vierfache, in Hannover um mehr als das Sechsfache
und in Schaumburg-Lippe sogar um das Dreißigfache
- allerdings von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau
aus. Alle Ergebnisse der NSDAP von 1930 - außer
dem von Schaumburg-Lippe - lagen über dem Reichs-
durchschnitt von 18,3 Prozent - die von Oldenburg
und Braunschweig sogar ganz erheblich.
Wie im gesamten Reich, so wurden auch in allen nie-
dersächsischen Territorien die höchsten Werte für die
NSDAP bei der Juli-Wahl von 1932 erreicht, während
sie bei der November-Wahl wieder deutlich zurück-
gingen. Das nährte bei nicht wenigen Zeitgenossen
die Hoffnung, dass es mit der NSDAP bereits wieder
abwärts ginge und das Schlimmste schon überstan-
den sei. Diese Fehleinschätzung führte dazu, dass die
Machtübergabe an Hitler im Januar 1933 für viele
dann letztlich doch als Überraschung kam, auf die
man nicht vorbereitet war.
Bei der Juli-Wahl lagen alle Werte für die NSDAP über
dem für das ganze Reich mit 37,4 Pronzent, wenn
auch in Schaumburg-Lippe nur knapp, dagegen in
Braunschweig über 10%. Eine genauere Analyse wür-
de zeigen, dass die Wahlerfolge der NSDAP vor allem
auf Kosten der bürgerlichen Parteien gingen. Die zum
Teil hohen Verluste der SPD legen aber die Vermutung
nahe, dass auch ein Anteil ehemaliger SPD-Wähler
zur NSDAP abwanderte. Ein vermutlich größerer Teil
wechselte aber zur KPD, die als einzige Partei über
den gesamten Zeitraum kontinuierlich zunahm. Von
bemerkenswerter Konstanz zeigt sich allein das Zen-
trum.
Bezieht man die Wahlergebnisse auf die gesellschaft-
lichen Milieus, dann kann man konstatieren, dass
die Nationalsozialisten Schritt für Schritt das bürger-
lich-konservative Milieu eroberten, dass das sozialisti-
sche Arbeitermilieu an seinen Rändern abzubröckeln
begann und nur das katholische Milieu einigermaßen
intakt blieb. Die Sozialdemokraten befanden sich
in einer besonders prekären Situation, da sie nicht
nur von den Nationalsozialisten, sondern auch von
den Kommunisten aufgrund des ultralinken Kurses
der Parteiführung ab 1928 als „Sozialfaschisten"
zunehmend heftig bekämpft wurden. So blieben
sie in den eigens zur Verteidigung der Republik ge-
schaffenen, eigentlich überparteilichen Organisati-
onen des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und der
Eisernen Front weitgehend unter sich. Vor allem in
diesen Organisationen haben die Sozialdemokraten
den Kampf gegen die Nationalsozialisten lange vor
1933 aufgenommen und über Jahre in unzähligen
Veranstaltungen und Aktionen aufrechterhalten.2



