Das Original im Spiegel der Öffentlichkeit
Heiner Treinen
Im folgenden möchte ich den Versuch unternehmen, den Zu-
sammenhang zwischen der Darbietung von authentischen
Objekten, von sogenannten Originalen, und ihrer Wertschät-
zung durch ein Publikum, durch Öffentlichkeit also, darzustel-
len. Die Legitimation dafür entnehme ich als Soziologe meiner
langjährigen Beschäftigung mit historischer und empirischer
Museumsforschung.
Die Grundlagen für Wertschätzung von Originalen sind univer-
saler Art; man kann hierbei von einer anthropologischen Kon-
stante sprechen. In Frage stehen expressive Objektbesetzun-
gen symbolischer Art; das heißt: ein spezielles Objekt aus
einem für den Handelnden bedeutsamen Kulturzusammen-
hang wird gedanklich oder faktisch ausgesondert, sofern es
Eigenschaften im weitesten Sinne aufweist, die den betreffen-
den kulturellen Kontext bezeichnen oder - im Selbstverständ-
nis der Beteiligten - wesentliche Merkmale über ihn tragen. Für
die Beziehung zu Kulturgenossen tritt stellvertretend eine emo-
tionale Beziehung zum Objekt; dieses repräsentiert in den
Augen des Betrachters einen vergangenen oder zukünftigen,
jedenfalls reproduzierbaren Erfahrungs- und Handlungszu-
sammenhang innerhalb eines gegebenen Kulturraums.
Übrigens muß gleich hinzugefügt werden, daß bei dieser Um-
schreibung und in den folgenden Überlegungen die instru-
mentelle Nutzung und Betrachtung von Objekten ausgeklam-
mert bleibt. Denkmalpfleger etwa sehen Originale und Denk-
male vor allem und in erster Linie beruflich; sie erfahren ent-
sprechende Objekte meist unter problemlösungsbezogenem
Blickwinkel. Besucher von Denkmälern und Museen hingegen
tun dies nur in Ausnahmefällen. Idealtypisch überspitzt werden
von der Vielzahl der Betrachter keinerlei weitere Zielvorstellun-
gen oder gar Lebensziele mit dargebotenen Objekten ver-
knüpft; die Betrachtungs- und Erlebsnisweise ist vorwiegend
auf die Sache selbst, und zwar in einem emotionsbesetzten
Sinne, gerichtet.
Wenn ich eingangs den Tatbestand der Objektbesetzung als
universal und als anthropologische Konstante bezeichnet
habe, so gilt dies nur in eingeschränktem Maße für solche
Gegenstände, die wir von unserem Kulturverständnis her als
„authentisch“ oder als „original“ bezeichnen. In der Regel
scheint in Gesellschaften ohne ausgedehnte Massenkommu-
nikation und mit traditionaler, geringer arbeitsteiliger Struktur
die Vorstellung von Originalen als Prototypen, als gegenständ-
licher Ursprung, als nicht reproduktionsfähig ohne Bedeu-
tungsverlust, weitgehend zu fehlen. Besonders für Stammes-
gesellschaften gilt, daß auch kulturell und rituell bedeutsame
Objekte unter Materialverschleiß unmittelbar ersetzt werden,
wobei Objektstruktur und Bearbeitungsmodus weitgehend er-
halten bleiben1.
Bezüge zu Vergangenheit und Geschichte werden dabei weni-
ger über Objekte betont oder vermittelt, sondern über tradierte
Kenntnisse und kulturell überlieferte Fertigkeiten in Gang ge-
halten. Als Originale oder als historisch authentische Objekte
gelten im allgemeinen solche Gegenstände, die aus dem Uni-
versum der kollektiven materiellen Kultur vereinzelt, also indivi-
duiert werden und wurden: etwa über die spezifisch magische
Besetzung eines Objektes oder über den Materialwert, der
einem Objekt eine zusätzliche Dimension verleiht.
Eine bewußte Trennung zwischen Original und Reproduktion
mit je unterschiedlicher kollektiver Wertschätzung findet vor-
wiegend in solchen Epochen statt, in denen sich kulturelle
Wandlungsvorgänge abspielen und kognitiv verarbeitet wer-
den; in denen also Tradition abgelöst wird durch Prozesse der
Reflexion über Geschichte, durch historisches Bewußtsein.
Wissen über die Vergangenheit löst sich von der ursprünglich
damit verbundenen normativen Aufforderung zur Wiederho-
lung althergebrachter Bräuche und Verfahrensweisen; der
„Sinngehalt" eines historischen Objektes verändert sich; ex-
pressive Bedeutungsgehalte, die über die funktionale Nutzung
hinausgehen, bestimmen nunmehr die Wertschätzung und
den Umgang mit Gegenständen historischer materieller Kul-
turen. In Hochkulturen findet sich fast regelmäßig eine Art Aus-
differenzierung dessen, was als historisches Bewußtsein be-
zeichnet werden kann. Es bilden sich Instanzen aus, getragen
von Berufszweigen und Einrichtungen, die sich historischem
Wissen, der Erhaltung historischer Objekte, ihrer Erneuerung,
Ausstellung und der Einnahmen daraus widmen.
Der Zusammenhang zwischen Tradition und Objekterhaltung
scheint komplizierter zu sein, als es der Sprachgebrauch
suggeriert. Soziologisch betrachtet besitzen traditional organi-
sierte Gesellschaften eine Kultur, die sich nicht oder nur in
trägem kulturellen Wandel befindet. Dies bedeutet, daß die Re-
produzierbarkeit symbolisch-kultureller Objekte bedeutsamer
als die Erhaltung überkommener Kulturobjekte ist; dem ent-
spricht eine Mentalität und Denkweise, die auch traditionale
Objekte als durchaus zeitgemäß und keineswegs als histori-
sche oder gar überlebte Güter empfinden muß. Erst wenn sich
eine augenfällige Diskrepanz zwischen Bedürfnisorientierun-
gen und überlieferten Gütern einstellt, wird die Frage nach der
Erhaltung derartiger Objekte zum Problem, eben weil kulturelle
Wandlungsvorgänge jetzt eine Unterscheidung zwischen „Mo-
derne“ und Historie ermöglichen, wobei die Vielzahl überliefer-
ter Objekte kulturell obsolet, wenn nicht gar dysfunktional, also
zunächst Abfall geworden ist.
Damit unter diesen Umständen antiquierte Objekte erhalten
bleiben, muß ihnen ein neuer oder zusätzlicher Bedeutungs-
gehalt gegeben werden.
Im Zusammenhang mit derartigen Vorgängen, die ich den Pro-
zeß der Historisierung von Objekten nennen möchte, findet
auch eine Verschiebung des je mit den Symbolinhalten vertrau-
ten und verbundenen Publikums statt. In traditional orientier-
ten Kulturen sind es die Stammesgenossen oder die jeweiligen
ethnischen Kollektive, die sich über Kulturobjekte repräsentiert
fühlen. Die Schwelle zu Außenstehenden, nicht an den Objek-
ten symbolisch partizipierenden Menschen ist hoch und wird
kaum überschritten, es sei den durch Adoption.
Bei symbolischer Umwandlung zu historisch strukturierter An-
schauung ergibt sich die Zugehörigkeit und Vertrautheit mit
Objekten nicht länger automatisch durch ethnische, religiöse,
jedenfalls kulturell eindeutige Zuschreibung, sondern durch
Wissen. Die Wertschätzung dessen, was „authentisches Ob-
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Heiner Treinen
Im folgenden möchte ich den Versuch unternehmen, den Zu-
sammenhang zwischen der Darbietung von authentischen
Objekten, von sogenannten Originalen, und ihrer Wertschät-
zung durch ein Publikum, durch Öffentlichkeit also, darzustel-
len. Die Legitimation dafür entnehme ich als Soziologe meiner
langjährigen Beschäftigung mit historischer und empirischer
Museumsforschung.
Die Grundlagen für Wertschätzung von Originalen sind univer-
saler Art; man kann hierbei von einer anthropologischen Kon-
stante sprechen. In Frage stehen expressive Objektbesetzun-
gen symbolischer Art; das heißt: ein spezielles Objekt aus
einem für den Handelnden bedeutsamen Kulturzusammen-
hang wird gedanklich oder faktisch ausgesondert, sofern es
Eigenschaften im weitesten Sinne aufweist, die den betreffen-
den kulturellen Kontext bezeichnen oder - im Selbstverständ-
nis der Beteiligten - wesentliche Merkmale über ihn tragen. Für
die Beziehung zu Kulturgenossen tritt stellvertretend eine emo-
tionale Beziehung zum Objekt; dieses repräsentiert in den
Augen des Betrachters einen vergangenen oder zukünftigen,
jedenfalls reproduzierbaren Erfahrungs- und Handlungszu-
sammenhang innerhalb eines gegebenen Kulturraums.
Übrigens muß gleich hinzugefügt werden, daß bei dieser Um-
schreibung und in den folgenden Überlegungen die instru-
mentelle Nutzung und Betrachtung von Objekten ausgeklam-
mert bleibt. Denkmalpfleger etwa sehen Originale und Denk-
male vor allem und in erster Linie beruflich; sie erfahren ent-
sprechende Objekte meist unter problemlösungsbezogenem
Blickwinkel. Besucher von Denkmälern und Museen hingegen
tun dies nur in Ausnahmefällen. Idealtypisch überspitzt werden
von der Vielzahl der Betrachter keinerlei weitere Zielvorstellun-
gen oder gar Lebensziele mit dargebotenen Objekten ver-
knüpft; die Betrachtungs- und Erlebsnisweise ist vorwiegend
auf die Sache selbst, und zwar in einem emotionsbesetzten
Sinne, gerichtet.
Wenn ich eingangs den Tatbestand der Objektbesetzung als
universal und als anthropologische Konstante bezeichnet
habe, so gilt dies nur in eingeschränktem Maße für solche
Gegenstände, die wir von unserem Kulturverständnis her als
„authentisch“ oder als „original“ bezeichnen. In der Regel
scheint in Gesellschaften ohne ausgedehnte Massenkommu-
nikation und mit traditionaler, geringer arbeitsteiliger Struktur
die Vorstellung von Originalen als Prototypen, als gegenständ-
licher Ursprung, als nicht reproduktionsfähig ohne Bedeu-
tungsverlust, weitgehend zu fehlen. Besonders für Stammes-
gesellschaften gilt, daß auch kulturell und rituell bedeutsame
Objekte unter Materialverschleiß unmittelbar ersetzt werden,
wobei Objektstruktur und Bearbeitungsmodus weitgehend er-
halten bleiben1.
Bezüge zu Vergangenheit und Geschichte werden dabei weni-
ger über Objekte betont oder vermittelt, sondern über tradierte
Kenntnisse und kulturell überlieferte Fertigkeiten in Gang ge-
halten. Als Originale oder als historisch authentische Objekte
gelten im allgemeinen solche Gegenstände, die aus dem Uni-
versum der kollektiven materiellen Kultur vereinzelt, also indivi-
duiert werden und wurden: etwa über die spezifisch magische
Besetzung eines Objektes oder über den Materialwert, der
einem Objekt eine zusätzliche Dimension verleiht.
Eine bewußte Trennung zwischen Original und Reproduktion
mit je unterschiedlicher kollektiver Wertschätzung findet vor-
wiegend in solchen Epochen statt, in denen sich kulturelle
Wandlungsvorgänge abspielen und kognitiv verarbeitet wer-
den; in denen also Tradition abgelöst wird durch Prozesse der
Reflexion über Geschichte, durch historisches Bewußtsein.
Wissen über die Vergangenheit löst sich von der ursprünglich
damit verbundenen normativen Aufforderung zur Wiederho-
lung althergebrachter Bräuche und Verfahrensweisen; der
„Sinngehalt" eines historischen Objektes verändert sich; ex-
pressive Bedeutungsgehalte, die über die funktionale Nutzung
hinausgehen, bestimmen nunmehr die Wertschätzung und
den Umgang mit Gegenständen historischer materieller Kul-
turen. In Hochkulturen findet sich fast regelmäßig eine Art Aus-
differenzierung dessen, was als historisches Bewußtsein be-
zeichnet werden kann. Es bilden sich Instanzen aus, getragen
von Berufszweigen und Einrichtungen, die sich historischem
Wissen, der Erhaltung historischer Objekte, ihrer Erneuerung,
Ausstellung und der Einnahmen daraus widmen.
Der Zusammenhang zwischen Tradition und Objekterhaltung
scheint komplizierter zu sein, als es der Sprachgebrauch
suggeriert. Soziologisch betrachtet besitzen traditional organi-
sierte Gesellschaften eine Kultur, die sich nicht oder nur in
trägem kulturellen Wandel befindet. Dies bedeutet, daß die Re-
produzierbarkeit symbolisch-kultureller Objekte bedeutsamer
als die Erhaltung überkommener Kulturobjekte ist; dem ent-
spricht eine Mentalität und Denkweise, die auch traditionale
Objekte als durchaus zeitgemäß und keineswegs als histori-
sche oder gar überlebte Güter empfinden muß. Erst wenn sich
eine augenfällige Diskrepanz zwischen Bedürfnisorientierun-
gen und überlieferten Gütern einstellt, wird die Frage nach der
Erhaltung derartiger Objekte zum Problem, eben weil kulturelle
Wandlungsvorgänge jetzt eine Unterscheidung zwischen „Mo-
derne“ und Historie ermöglichen, wobei die Vielzahl überliefer-
ter Objekte kulturell obsolet, wenn nicht gar dysfunktional, also
zunächst Abfall geworden ist.
Damit unter diesen Umständen antiquierte Objekte erhalten
bleiben, muß ihnen ein neuer oder zusätzlicher Bedeutungs-
gehalt gegeben werden.
Im Zusammenhang mit derartigen Vorgängen, die ich den Pro-
zeß der Historisierung von Objekten nennen möchte, findet
auch eine Verschiebung des je mit den Symbolinhalten vertrau-
ten und verbundenen Publikums statt. In traditional orientier-
ten Kulturen sind es die Stammesgenossen oder die jeweiligen
ethnischen Kollektive, die sich über Kulturobjekte repräsentiert
fühlen. Die Schwelle zu Außenstehenden, nicht an den Objek-
ten symbolisch partizipierenden Menschen ist hoch und wird
kaum überschritten, es sei den durch Adoption.
Bei symbolischer Umwandlung zu historisch strukturierter An-
schauung ergibt sich die Zugehörigkeit und Vertrautheit mit
Objekten nicht länger automatisch durch ethnische, religiöse,
jedenfalls kulturell eindeutige Zuschreibung, sondern durch
Wissen. Die Wertschätzung dessen, was „authentisches Ob-
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